Senta Josephtal bzw. Senetta Yoseftal

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Fürth, Nürnberg, Erlangen – Bayern, Deutschland

Sie wollte nie mehr zurückkehren: Nie wieder in das Land, in dem sie geboren wurde und aufgewachsen ist. Das Land, das ihr, Senta Josephthal (geb. Punfud), durch seine Fremden- und Religionsfeindlichkeit, seinem Neid und seiner arroganten Überheblichkeit die Heimat genommen hat – nicht nur die vertraute Stadt Fürth, wo sie am 5. Dezember 1912 geboren wurde, sondern auch Verwandte, Freund*innen, Nachbar*innen, Kolleg*innen, Beruf, Wohnung … – und garantiert Urvertrauen und eine selbstverständliche Identität.

Ihr Studium der Rechtswissenschaften und Nationalökonomie an der Universität Erlangen musste sie als Jüdin 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten abbrechen.

Auswanderung

Sie engagierte sich in Nürnberg im jüdischen Jugendbund, der sich 1933 der zionistischen Jugendbewegung anschloss. Ab 1934 arbeitete sie bei Hechaluz, einer zionistisch-sozialistischen Organisation, die jüdische Jugendliche auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitete.

Sie selbst wanderte 1938 mit ihrem Mann Georg nach Palästina aus.

Ihre Namen danach: Senetta und Giora Joseftal.

Ob nochmals Urvertrauen möglich war? Kaum, wenn man sich die Historie Israels anschaut. Aber sie sagte:
„“Ich hatte das Privileg, aus nichts meine Heimat aufzubauen“

Senetta Yoseftal – selbst aufgebaute Heimat „aus Nichts“

Kibbuz Gal’ed

„Aus Nichts“ – baute das Ehepaar zusammen mit anderen deutschen Juden 1945 den Kibbuz Gal’ed auf
Gal’ed :‚Denkmal, Zeugenhügel‘: d.h. der Kibbuz ist ein lebendiges Denkmal für die verlorenen Angehörigen und die zerstörten Gemeinschaften Europas, aber auch Verpflichtung, eine auf Gemeinschaft und Solidarität basierende Gesellschaft zu schaffen.
Aus einer kargen Einöde entstand durch harte Arbeit eine erfolgreiche Gemeinschaft, überwiegend von Landwirtschaft lebend. Eine Heimat, in der Beide bis zu ihrem Lebensende wohnten.
— Hintergrund der Kibbuzim: die Gartenstadt-Idee E. Howards und die Zentralorttheorien von Walter Christaller flossen in die israelische Raumplanung mit ein.

Senetta wurde bis ins hohe Alter regelmäßig in das Selbstverwaltungsgremium des Kibbuz gewählt. Sie war bekannt für ihre Nähe zu den Menschen, ihre Tatkraft, ihr Durchsetzungsvermögen und ihre Fähigkeit, unterschiedliche Gruppen zusammenzubringen.
„Ich glaube, es war ein besonderes Anrecht, dass ich meine eigene Heimat mit meinen eigenen zehn Fingern gebaut habe. Es war nicht leicht, aber es war sehr befriedigend.“

„Aus Nichts“ – bauten Beide maßgeblich im politischen und wirtschaftlichen Bereich den jungen Staat Israel mit auf.

Bild: Kaktus

(Gesellschafts-)Politisches Engagement

Giora Josephthal wurde u.a. Minister für Arbeit und Wohnungsbau in Israel.
— Konzept des Städtebaus: Neue Städte sollten nicht nur Wohnraum bieten, sondern strategische Frontlinien im Kampf um jüdische Souveränität markieren  

Als Generalsekretär der Hechaluz-Organisation entwickelte er ein Konzept beruflicher Umschulungslager, das Heimat aktiv vorbereitete:
— Konzept der „Hachschara-Bewegung“: landwirtschaftliche Ausbildungsstätten einrichten, wo junge Juden handwerkliche Fertigkeiten für den Aufbau Palästinas erlernen

Senetta Joseftal engagierte sich jahrzehntelang in der landesweiten Kibbuzbewegung, deren Vorsitzende sie wurde. In der Gewerkschaft Histadrut leitete sie die Eingliederung von Neueinwanderern aus arabischen und afrikanischen Ländern.

Senetta machte zwei Mal einen „Ausflug“ in die Landespolitik – kurz, aber wirkungsmächtig:

Auf Vorschlag von David Ben-Gurion (Ministerpräsident und Verteidigungsminister), wurde sie 1955 ins israelische Parlament (Knesset) gewählt.
1976 wurde sie wieder Parlamentarierin.

Jedoch beide Male legte sie ihr Mandat vorzeitig nieder
 „Nur Reden halten, das war nichts für mich.“

Konflikt mit der alten Heimat

Wie schwer muss es ihr gefallen sein, 1956 nach Deutschland – wenn auch nur auf Zeit – zurückzukehren! Und wie glücklich, es wieder verlassen zu können – und dazu mit erfolgreicher Mission.

Der damalige Finanzminister Levi Eschkol gab ihr den Auftrag, in Frankfurt am Main über Entschädigungszahlungen an Holocaust-Opfer verhandeln. Dazu den Deutschen das Konzept des Kibbuz erklären:
Kibbuz – eine (land-)wirtschaftliche Kollektivsiedlung, in denen die Menschen ohne Privateigentum zusammenleben.

Es war eine Rückkehr in ein Land, das nicht mehr „Heimat“ war, sondern ein Ort der Verhandlung, der Konfrontation und der rechtlichen Auseinandersetzung – nicht der Versöhnung.

Ministerpräsident David Ben Gurion und Kanzler Konrad Adenauer hatten Entschädigungszahlungen an Israel vereinbart.

Trotzdem verweigerte ein Stuttgarter Gericht zunächst die Zahlungen mit der frechen, unwahren und dazu völlig irrelevanten Begründung, Kibbuz-Bewohner lebten wie in einem Kloster und verzichteten auf weltliche Annehmlichkeiten.

S. J.: „Richter, die Kibbuzim als mittelalterliche Klöster missverstehen, begreifen nicht unsere moderne Form frei gewählter Heimat“
„Wir verhandelten nicht als Deutsche, sondern als Repräsentanten eines souveränen jüdischen Staates“

Senta setzte sich hartnäckig für die Rechte der Kibbuz-Bewohner ein – mit Erfolg: Die Entschädigungszahlungen wurden schließlich überwiesen.

Ab 1960 reiste Senta Josephthal häufig im Auftrag von nationalen und Parteiorganisationen ins Ausland.

Ehrungen

2004 bekam sie den Ben-Gurion-Preis als Auszeichnung für ihr beeindruckendes Lebenswerk. Der Preis zählt zu den wichtigsten zivilen Auszeichnungen des Landes.

Die Stadt Fürth benannte 2019 eine Straße nach ihr.

Ansonsten ist sie in Deutschland so gut wie unbekannt.

🔍 Weiterführende Quellen und Links:

  • Tobias, Jim G.: Senta Josephthal: Golda Meirs fränkische Freundin, haGalil.com, 26.11.2007, online [abgerufen am 05.06.2025]
  • Trezib, Joachim: Der israelische Nationalplan von 1951 und seine Rezeption der Theorie »zentraler Orte«, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 11 (2014), S. 11–35, pdf online [abgerufen am 05.06.2025]
  • Rieger, Susanne; Jochem, Gerhard: Giora Josephthal (1912–1962). Biografische Skizze, in: rijo-research, 27.03.2013, pdf online [abgerufen am 05.06.2025].
  • Esther Carmel-Hakim. „Senta Josephthal (1912–2007)“. Jewish Women’s Archive, letztes update 23.06.2021. online [abgerufen am 07.06.2025].
  • Bavaria Judaica. „Senta Josephthal – Als erste deutsche Jüdin im israelischen Parlament“. online [abgerufen am 07.06.2025].
  • Knesset Archive. „Senetta Yoseftal“. online
  • Wikipedia: Giora Yoseftal, in: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie, letzte Änderung am 8.06.2025, online [abgerufen am 05.06.2025].
  • Senta Josephthal. FürthWiki. online [abgerufen am 07.06.2025].
  • Senta Josephthal. Wikipedia. online [abgerufen am 07.06.2025].
  • Bedeutende Frauen: Diese Fürtherinnen haben die Welt verbessert. Nordbayern.de, 08.03.2017. © oh. online [abgerufen am 07.06.2025].
  •  

🔍 interne Links (Reihe „Heimaten“)

LINKS:
fürthwiki (link)
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Nürnberger Videoarchiv der Erinnerung (link)

Stand: 08.2025