Welche Erinnerungen braucht eine Stadt?

Elisabeth Knutsen. Amanda Louise Stangeland. Haugesund

Eine Hafenstadt braucht offenbar beides: die Stifterin und Mäzenin – und die Volkserzählung, die Außenseiterfigur:
Elisabeth Knutsen (1867 – 1957) und Amanda Louise Stangeland (1894 – 1947).

Elisabeth Knutsen, Stadträtin und Stifterin, steht in Bronze am Rathausplatz – neben ihrem Mann. Amanda Louise Stangeland, Witwe und Schnapsbrennerin, lebt in einem bekannten, oft gesungenen Shanty weiter und gibt dem renommiertesten Filmpreis Norwegens ihren Vornamen, verbunden mit einer kleinen Skulptur. Diese ist die Kopie einer großen Statue vor den ‚Festiviteten‘. Während des Filmfestivals steht sie am Rand des roten Teppichs, auf dem die Großen des Filmgeschäfts zur Preisverleihung schreiten.

Beide waren auf ihre Weise in der Stadt bekannt. So ist nicht auszuschließen, dass sich beide in der kleinen Hafenstadt auch persönlich kannten. Dokumentiert ist es aber nicht.

Beide stammen aus armen Verhältnissen, beide aus der Region Rogaland.
Beide kämpfen sich in Haugesund nach oben.
Beide werden Teil der Stadtgeschichte.
Doch die Stadt erinnert auf vollkommen unterschiedliche Weise an sie.

Elisabeth Knutsen

Sie wird am 28. August 1867 in Sokndal als Tobine Lisebet Bakke geboren, als Tochter eines einfachen Landwirts. Sie zieht zunächst nach Stavanger, dann 1890 nach Haugesund. Dort eröffnet sie eine eigene Stickerei- und Leinenwarenhandlung in der Strandgaten. Sie ist also schon selbstständig und finanziell unabhängig bevor sie in eine reiche Familie hineinheiratet.

Amanda Louise Stangeland dagegen heiratet 1914 mit 20 Jahren Anders Bertin Stangeland, einen einfachen Böttcher. Sie wird mit 27 Jahren Witwe mit fünf Kindern unter sieben Jahren. Sie heiratet nicht mehr.

Bleiben wir bei Elisabeth Knutsen:

1893 heiratet sie Knut Knutsen O.A.S, einen jungen Mann aus angesehenem und vermögendem Haus. „O.A.S“ ist ein typischer Namenszusatz im norwegischen Bürgertum des 19. Jahrhunderts und bedeutet: ‚Sohn des Ole Andreas‘.

Was Elisabeths Knutsens bürgerliches Leben für die Zukunft prägt:
Der Vater Ole Andreas ist Landwirt, Heringsexporteur und Schiffseigner. Sohn Knut wird Unternehmer zwei Jahre nach der Heirat. Um 1900 übernimmt das Geschäft seines Vaters und baut es über Jahrzehnte aus. Vor dem Zweiten Weltkrieg ist Knut Knutsen O.A.S. die drittgrößte Reederei Norwegens.

Ein spannendes und bemerkenswertes Detail: Die Schiffe der Knutsen-Reederei tragen Namen aus Elisabeths Familie: eine stille, aber dauerhafte Anerkennung und Spur im Firmenregister.

Der familiäre Reichtum führt aber nicht dazu, dass sie das Leben einer traditionellen bürgerlichen Ehefrau führt, die ihr Leben mit gesellschaftlichen Verpflichtungen verbringt. Im Gegenteil: Sie startet eine eigene Karriere: unbezahlt, aber genauso prägend für die Stadt Haugesund wie das Engagement ihres Mannes.

Beide interessieren sich für die Entwicklung und dem Wohlergehen der Stadt Haugesund. So sitzt Elisabeth Knutsen von 1914 bis 1922 über vier Wahlperioden im Stadtrat (Bystyret) und von 1920 bis 1925 zwei Perioden im Stadtvorstand (Formannskapet). Bemerkenswerterweise nicht für eine dezidiert konservative Partei, sondern für die liberal-freisinnige Partei ‚Frisinnede Venstre‘, die für Weltoffenheit in Glaubens-, Sprach- und Alkoholfragen stand.

1921 spendet das Ehepaar gemeinsam eine Million Kronen für den Bau des Rathauses. In der offenen Vorhalle befindet sich eine Bronze-Plakette der Stifter, gestaltet vom Bildhauer Dyre Kristoffer Vaa. Sie zeigt die Porträts beider mit dem Text:
„Skipsreder Knut Knutsen OAS og hustru Elisabeth ga byen dette rådhus på Knutsens 50 års dag 6. okt. 1921.“
Übersetzt: „Reeder Knut Knutsen OAS und Ehefrau Elisabeth schenkten der Stadt dieses Rathaus am 50. Geburtstag von Knutsen.“

1947 gab Elisabeth Knutsen, als Witwe aus eigenem Entschluss, nochmals eine Million Kronen für die Gestaltung des Rathausplatzes, sowie die Ausschmückung des Rathauses und des Rathausparks. Die Arbeiten werden 1949 abgeschlossen.

Auf dem Rathausplatz stehen Statuen von sowohl Knut Knutsen O.A.S. als auch Elisabeth Knutsen. Beide sitzen auf je einem eigenen Sockel. Die Statuen entstanden 1986, Künstler war Ottar Espeland.

An ihrem 82. Geburtstag, dem 28. August 1949, erhält Elisabeth Knutsen das Ritterkreuz des St.-Olavs-Ordens.

Elisabeth Knusten stirbt hochbetagt am 31. Juli 1957, in ihrem Haus, Haraldsgata 37.

Amanda Louise Stangeland

Ihre Biografie finden sie hier: AMANDA: die Frau hinter dem Preis

🔍 weiterführende Links (aufklappen)

Elisabeth Knutsen – Biografie

Knut Knutsen O.A.S. – Biografie & Familie

  • Knut Knutsen O.A.S. – Biografie, Namenszusatz, Rathausgeschenk Store norske leksikon
  • Knut Knutsen O.A.S. – Heirat, Eltern, Familiendaten geni.com

Haugesund Rådhus

  • Haugesund rådhus – Plakette, Inschrift, Bildhauer Dyre Kristoffer Vaa haugesund.kommune.no
  • Haugesund rådhus – Plakette, Statuen, Baugeschichte, zweite Schenkung 1947 lokalhistoriewiki.no
  • Haugesund City Hall – Schenkung 1921 und 1947 Wikipedia

Reederei Knutsen

  • Knutsen OAS – Unternehmensgeschichte, O.A.S. = Ole Andreas‘ Son knutsenoas.com

Statuen am Rathausplatz

  • Skulpturvandring i Haugesund – Statuen 1986, Künstler Ottar Espeland, Fotos sandalsand.net

Frisinnede Venstre

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