Vilibalda (Willibalde/Wilibalda) Otilie Helena Miheljak
*27. Mai 1844; † 26.09.1928
Ihre Eltern waren Martin Miheljak und Helena Kovatsch, verheiratete Miheljak. Beide stammten aus bäuerlichen Familien slowenischer Herkunft außerhalb Cillis. Vilibalda wuchs jedoch in Cilli in jener deutschsprachig geprägten bürgerlichen Bildungswelt der k. u. k. Monarchie auf, in der sich soziale Zugehörigkeit, Bildung und Sprache nicht selbstverständlich mit nationaler Herkunft deckten.
„Deutsch“ war die Sprache ihrer Bildung und ihres gesellschaftlichen Umfelds. Und wie verhielt es sich mit den Werten der Herkunftsfamilien? Mit den Anforderungen, die das Führen eines Bauernhofs stellte, und mit den Vorstellungen, die damals mit slowenischer Zugehörigkeit verbunden waren? Ist Vilibalda zweisprachig aufgewachsen? Lässt sich ihre Situation vielleicht, trotz aller historischen Unterschiede, mit der sprachlichen Situation von Kindern aus Einwandererfamilien im heutigen Deutschland vergleichen? Wie haben diese unterschiedlichen Lebenswelten Vilibalda geprägt? Welche Elemente hat sie übernommen, welche über Bord geworfen?
Zwei kleine „Fenster“ in Vilibaldas Zukunft lassen Rückschlüsse zu. Eine endgültige Klärung wäre allerdings, wenn überhaupt, nur durch analoge Archivarbeit möglich.
Vilibalda übernahm die deutsche Sprache für ihr eigenes Leben.
Sie war gut 36 Jahre lang Lehrerin für das Fach „Deutsch“ an der „Deutschen Mädchenschule“. Auch die Familiensprache im Hause Karlin war „Deutsch“.
Vilibalda heiratete am 6. Januar 1887 in der Kirche St. Daniel in Cilli Jakob Karlin, k. und k.-Major i.R. Vilibalda war damals 42 Jahre alt, Jakob 57 Jahre. Jakob Karlins Eltern hatten einen Bauernhof außerhalb Cillis.
Zwei Jahre später bekamen Vilibalda und Jakob ihre Tochter Alma. Leider starb Jakob schon acht Jahre danach.
Offenes Rätsel
Die Recherche im Taufbuch 1841-1849 der Katholischen Gemeinde St. Daniel in Cilli offenbarte Überraschendes.
Vilibalda war unehelich geboren worden. Zwei Jahre später wurde sie, laut Anmerkung zum Eintrag, durch die Heirat ihrer Eltern „legitimiert“. Im Taufbuch steht: „Trauungsbuch der Pfarre Maria am See in Kärnten am 23. November 1846“ (slowenisch: Marija na Jezeru / Prevalje).
Noch eine Überraschung:
Der Eintrag im Taufbuch beurkundet, dass Martin Miheljak seine Vaterschaft ausdrücklich anerkannte: am 7. März 1866, also erst, als Vilibalda 21 Jahre alt ist. Zwei Zeugen stehen dabei. Warum war diese Beurkundung nochmals nötig, nachdem Vilibalda bereits 1846 „legitimiert“ worden war?
Vilibaldas Geschwister
- Ida, verh. Baš (laut Taufregister „Mihelak“) 19.08.1852 – 1919
- Antonija, verh. Končnik
- Kamil Miheljak
- Warhmund Miheljak
Ida war verheiratet mit Lorenz/Lovro Baš (3.08.1849–1924). Er war Jurist, ab 1881 Notar in Cilli/Celje und Nachfolger seines Schwiegervaters. Er führte die Kanzlei von 1881 bis 1924. Außerdem war er Politiker der liberalen slowenischen Partei (Narodno-napredna stranka) sowie Herausgeber und Redakteur der Zeitung „Domovina“.
Lorenz/Lovro Baš war Trauzeuge bei der Hochzeit von Vilibalda und Jakob Karlin.
Beruf
Aus unserer heutigen, feministisch gepägten Sicht erscheint Vilibalda als eine starke, ungewöhnlich selbstständige Frau. Dass sie in ihrer Zeit nicht dem Ideal der bürgerlichen Hausfrau entsprach und stattdessen lebenslang berufstätig blieb, ist erstaunlich. Und das auch aus einem weiteren Grund: Wir kennen aus vielen Zeiten, Berufen und Ländern die Regel, dass Frauen ihren Beruf aufgeben mussten, wenn sie heirateten.
Möglicherweise kam Vilibalda eine besondere rechtliche Situation in der Steiermark zugute: Zwischen 1874 und 1899 konnten Lehrerinnen ohne Beschränkung heiraten. Danach wurde das „Lehrerinnenzölibat“ wieder eingeführt und erst mit den Reformen nach dem Ersten Weltkrieg 1919 abgeschafft.
Vilibalda Miheljak unterrichtete somit durchgängig rund 36 Jahre lang (1870 – 1906) das Fach Deutsch an der Deutschen Mädchenschule in Cilli/Celje. Die Betreuung ihrer Tochter übernahmen in den ersten acht Jahren vor allem ihr Mann Jakob und die Dienstmädchen des Hauses. Diese Aufgabenkonstellation wäre nicht denkbar ohne Jakobs Einverständnis.
Warum Alma zu ihrer späteren Überzeugung gelangte, dass Frauen nicht berufstätig sein sollten, weil dies Ehen zerstöre, bleibt offen.
Sicher ist: Vilibalda lebte ihrer Tochter ein anderes Frauen- und Ehe-Modell vor als jenes, das Alma Karlin später als Ideal propagierte.
Aus psychologischer und feministischer Sicht ist dies ein spannendes Thema. Es bestätigt meine These, dass man sich noch viel intensiver mit Vilibalda beschäftigen müsste, um das Mutter-Tochter-Verhältnis verstehen zu können. Meine magere Inteernetausbeute zu Vilibalda zeigt aber klar, dass dies analoger Recherche vorbehalten ist.
→ Lehrerinnen im Habsburgerreich: Ein neuer Frauenberuf I
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→ Dieser Artikel ist Teil der Reihe Alma M. Karlin in europäischer Perspektive
Jeder Artikel geht einer Frage nach.
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Belege der Kirchenbücher zur Familie
- Trauungsbuch Helena und Martin Miheljak, Pfarre Prevalje, 1841–1859, Blatt 71 — matricula
- Taufbuch Vilibalda Miheljak, geb. Kovatsch, Pfarre Celje – Sv. Danijel, 1841–1849, Blatt 74 — matricula
- Trauungsbuch Vilibalda Miheljak und Jakob Karlin, Pfarre Celje – Sv. Danijel, 1883–1897, Blatt 100 — matricula
- Geburtsbuch Jacobus Karlin, Pfarre Rogaška Slatina, 1813–1830, Blatt 206 — matricula
- Sterbeindex Jakob Karlin, Pfarre Celje – Sv. Danijel, 1895–1899, Seite 235 — matricula
- Taufindex Ida Miheljak, Pfarre Celje – Sv. Danijel, 1849–1858, Blatt 313 — matricula
- Taufbuch Ida Miheljak, Pfarre Celje – Sv. Danijel, 1849–1858, Blatt 85 — matricula
- Trauungsbuch Ida Miheljak und Lorenz Baš, Pfarre Celje – Sv. Danijel, 1872–1882, Blatt 69 — matricula
Beruf
- Caroline Sölls, Das Dienstrecht der Volksschullehrer in der Steiermark vom Reichsvolksschulgesetz 1869 bis zum Ende der Monarchie 1918, S. 60 (Lehrerinnenzölibat) — unipub
- Verein der Lehrerinnen und Erzieherinnen Österreichs, Ariadne — Österreichische Nationalbibliothek, Frauen in Bewegung 1848–1938 — önb

