Thea Schreiber-Gammelin: Seelenschwester Alma M. Karlins

Dorothea Hedwig Kaethe Karlotta Schreiber

geboren: 25. März 1906, Brunshaupten (heute: Ostseebad Kühlungsborn), Mecklenburg
gestorben: 26. Mai 1988, Pečovnik Celje, Slowenien

Zwei Frauen, ein gemeinsames Grab, zwei sehr unterschiedliche Grade der Sichtbarkeit.

Alma M. Karlins „Seelenschwester“

Auch das ist Europa: nicht nur Staaten, sondern Verbindungen zwischen Menschen, die quer zu den nationalen Linien verlaufen.

Was fand Thea nur an Alma?

Eine elegante junge Frau steigt 1934 mit viel Gepäck aus dem Zug in Celje: die 28jährige Thea Schreiber-Gammelin, Künstlerin aus dem kleinen mecklenburgischen Küstenort Brunshaupten an der Ostsee. Noch ahnt sie nicht, dass Celje für mehr als fünfzig Jahre ihre Heimat werden wird.

1931 hatte Thea mit Faszination einem Radiointerview gelauscht, in dem Alma über ihre Weltreise und ihr erstes Buch „Einsame Weltreise“ berichtete. Thea schrieb einen begeisterten Breif an Alma, die sie daraufhin nach Celje einlud. 1934, nach ihrem dritten Besuch bei Alma, begannen sie eine für damalige Zeit außergewöhnliche Lebensgemeinschaft.

Zwei Aussagen sind in diesem Zusammenhang besonders interessant:
Alma:
„Von meinem Vater so erzogen, war ich pünktlich wie der Tod, nie launenhaft, weder aus Veranlagung noch mit böser Absicht, nie zärtlich (weder einer Frau noch einem Manne gegenüber), und wenn ich mich täglich wusch, so geschah es, um am ganzen Leibe und nicht nur da oder dort rein zu sein, und zwar meiner eigenen und nicht fremder Befriedigung willen.“
(Karlin 1931/2018: 178; nach Vida Jesenšek, Sprache und Stil im Werk von Alma M. Karlin, S. 119)

Thea:
Thea Gamelin stellte später ausdrücklich klar, dass sie und Alma keine sexuelle Beziehung miteinander gehabt hätten. Die beiden seien zwar in Celje als „verwahrlostes Paar deutscher Lesben“ verachtet worden, tatsächlich sei es jedoch nie zu einer sexuellen Beziehung gekommen.
(nach Karl-Markus Gauß, Neue Zürcher Zeitung, 23. Januar 2021)

Die beiden Frauen mussten zahlreiche böswillige Gerüchte und verletzende Unterstellungen ertragen, dazu politische Verfolgung überstehen. Sie lebten insgesamt 16 Jahre zusammen bis zu Almas Tod 1950. Auch der Tod trennte sie letztlich nicht: Beide sind gemeinsam im selben Grab auf dem katholischen Kirchhof in Svetina begraben.

Nach Almas Tod bemühte sich Thea als Nachlassverwalterin intensiv darum, dass Manuskripte, Zeichnungen, Gegenstände und Erinnerungen erhalten blieben. Den größten materiellen Bestand – darunter die umfangreiche Sammlung ihrer Weltreise – liegt im Archiv des Regionalmuseums Celje. Weitere Briefe, Fotografien, Zeichnungen und Dokumente befinden sich im Museum für Neuere Geschichte Celje sowie in der National- und Universitätsbibliothek in Ljubljana.

Bis in die 2000er Jahre stand hier bei allen Biografen Almas ein finaler PUNKT zu Theas Leben.

Dieser Artikel möchte mit dazu beitragen, dass Thea Schreiber-Gammelin als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen und sichtbar wird. Thea war weit mehr als nur Almas Lebensgefährtin, Illustratorin derer Bücher und Almas Sekretärin.

Alma gilt als die absolut Erinnerungswürdige.
Dabei ist Thea ebenfalls interessant und erforschenwert.

Erstmalig 2016 wurde Thea in einer großen Einzelausstellung porträtiert. Das Regionalmuseum Celje präsentierte, kuratiert von Barbara Trnovec, die Ausstellung „Do You Remember Thea?“ („Se spomnite Thee?“) mit rund fünfzig Werken aus dem Museumsarchiv, die Leben und Werk der Künstlerin in den Mittelpunkt stellte.

Schon die wenigen online zugänglichen Bilder der Ausstellung lassen erkennen, dass Theas Malerei weit reichhaltiger und vielfältiger ist als vermutet. Sie zeigen eine beeindruckende, hervorragende Künstlerin, die überraschend kräftige Farben bei ihren Portraits und Landschaften eingesetzt hat. Bei einer angeblichen „Mystikerin“ (Teil eines Buchtitels) erwartet man in der Regel eher verschwommene Pastellbilder mit religiösen Visionen.

Die Entdeckung Theas hat angefangen.
Die Erinnerung an eine sehr gut ausgebildete und weit gereiste Künstlerin. An eine Frau, die zusammen mit Alma nicht nur unter der nationalsozialistischen Besatzung zu leiden hatte, sondern den Widerstand der Partisanen dagegen aktiv unterstützte. An eine Frau, die ein eigenes künstlerisches Werk hinterließ, aber deren Name bis heute weitgehend hinter dem ihrer berühmten Lebensgefährtin verschwindet.

Thea stellte als engste Vertraute Almas, deren Buchillustratorin, Sekretärin und Nachlassverwalterin ihr eigenes Werk an zweite Stelle, entwickelt dieses nicht weiter. Warum?

Almas Antwort: Wir sind „Seelenschwestern“. Wir sind Wahlschwestern, die wie echte Schwestern gemeinsam durch dick und dünn gehen, egal, was in unsere Beziehung hineingeheimst wird.

Eine eindeutige, zitierbare Antwort gibt es von Thea, abgesehen von ihrem Handeln, nicht. Die online zugänglichen Quellen erlauben jedoch einige Rückschlüsse.

Wie sehr Thea die 17 Jahre ältere Alma bewunderte, zeigt z.B. ihr Zitat, das auf der Seite der Theosophischen Gesellschaft Celjes steht (meine Übersetzung): „Bei Alma Karlin ist alles edel und von Seele und Geist durchdrungen. Trotz ihrer unglaublich sanften Erscheinung strahlt sie jene fast übermenschliche Kraft aus, die es ihr ermöglichte, acht Jahre lang Forschungsreisen rund um die Welt zu unternehmen, voller Gefahren und Entbehrungen. Diesen Weg kann nur eine Frau beschreiten, deren Mut an Todesverachtung grenzt, und es ist eine Kunst, die ihr alles bedeutete.“
»At Alma Karlin’s is all noble and illuminated with a soul and spirit. Despite the incredibly gentle figure she emants the almost superhuman power that enabled her to eight years of research trips around the world, full of danger and deprivation. This path can be traversed only by woman whose courage is bordered on contempt for death, and it is an art that meant everything to her..«

Gemeinsamkeiten zweier außergewöhnlicher Frauen

Beide kamen aus kleinen Orten.

Alma wuchs im untersteirischen Cilli (heute: Celje) auf, das um 1900 rund 7000 Einwohner zählte. Thea im kleinen mecklenburgischen Brunshaupten an der Ostsee (heute: Ostseebad Kühlungsborn) mit etwa 1000 Einwohnern um 1900.
Beide ließen sich weder von den Grenzen ihres Heimatortes noch von den Vorurteilen alleinreisenden Frauen gegenüber abhalten, die Welt selbständig zu erkunden.

Beide überschritten früh Grenzen.

Beide hatten Reise- und Auslandserfahrungen als sie sich kennenlernten. Alma studierte Sprachen in London und Paris, und bereiste später die Welt. Thea studierte Malerei in Stockholm und unternahm Studienreisen nach Italien.

Für beide war das Entdecken neuer Länder und Normen, noch dazu als alleinreisende Frau, kein abstrakter Anspruch, sondern gelebte Erfahrung.
Interessanterweise gibt es keinen Hinweis auf eine gemeinsame Reise. Stattdessen scheinen sie ausschließlich die Landschaft in und um Celje wandernd erkundet zu haben.

Beide suchten nach dem Geistigen hinter den Dingen.

Alma blieb ihr Leben lang katholisch, interessierte sich jedoch seit ihrer Londoner Zeit für die Theosophie. Sie engagierte sich als Mitglied verschiedener theosophischer Gesellschaften, zuletzt in Celje. In Celje ist inzwischen die Bibliothek der Theosophischen Gesellschaft nach Alma benannt.

Bei der protestantischen Thea aus einem Pfarrhaus lässt sich ein Interesse für die Theosophie vor ihrer Begegnung mit Alma bislang nicht nachweisen. Wie weit sie sich in der dortigen Theosophischen Gesellschaft aktiv engagierte, ist online nicht ersichtlich.

Nach Almas Tod studierte Thea in Ljubljana Theologie. Sie trat zum katholischen Glauben über. Aus freien Stücken, wie sie betont. Sie schloss sich dem „Dritten Orden des heiligen Franziskus“ an, einer Gemeinschaft für Menschen, die außerhalb eines Klosters leben, aber ihren Alltag nach den Idealen des heiligen Franziskus gestalten: bescheiden, naturverbunden, mit religiösen Ritualen und im Dienst am Mitmenschen, in Theas Fall auch im jahrzehntelangen Dienst am Nachlass Almas.

Beide sind von frühen elementaren Verlusten betroffen.

Alma verlor als Kind ihren Vater.
Thea kannte zwar keinen persönlichen Verlust. Aber ihre 10-jährige Schwester starb, als sie wenige Monate alt war. Und es heißt, dass dieser Verlust ihren Eltern stark zusetzte und den Umgang miteinander beeinflusste.

Beide waren „Papakinder“.

Alma und Thea hatten ein sehr gutes Verhältnis zu ihrem jeweiligen Vater. Das Verhältnis zu ihren jeweiligen Müttern war dagegen konfliktgeladen.

In digitalen Berichten über Alma und Thea sind diese Informationen zu finden:
Alma berichtet in ihrer Biografie über die langen Wanderungen mit ihrem Vater, ihr gemeinsames Zusammenhalten gegenüber den Ansprüchen der Mutter. Aber auch, dass ihr Vater sie wie einen Knaben erzog und von ihr soldatische Tugenden erwartete.
Von Thea erfahren wir, dass ihrer beider gemeinsame Tagesablauf mit militärischer Disziplin nach einem festen Schema ablief: Messebesuch – mehrere Stunden Schreiben bei absoluter Stille im Haus – nachmittags Wanderungen bis zu 40 km.

Thea berichtet in ihren Memoiren, dass ihr Vater sie stark in ihrem Bildungsdrang unterstützte. Sie berichtet auch, dass ihr Vater Verständnis für ihre religiösen Ansichten hatte, ihre Mutter sie dagegen als „religiös verrückt“ bezeichnet habe.
Er holt sie nach ihrem ersten Besuch bei Alma in Salzburg ab (war wohl eine Zwischenstation auf der Rückreise). Er möchte in seinem Ruhestand 1936 nach Celje umziehen, stirbt aber bevor er den Plan umsetzen kann …

Leider ist Theas Biografie nicht digitalisiert, so dass es nicht möglich ist, die Situation und Sicht ihrer Mutter genauer nachzuvollziehen. Aber allein aus den wenigen aufgezählten Fakten lässt sich erkennen, dass der Einfluss der Väter dem damaligen bürgerlichen Frauenbild widersprach.

Provokativ gefragt: Wo zeigt sich bei diesen Vätern das viel gescholtene Patriarchat? Im Verhältnis zu ihren Töchtern jedenfalls nicht ohne Weiteres. Dennoch waren auch sie Kinder ihrer Zeit. Gerade dieses Beispiel zeigt, wie wenig Pauschalurteile weiterhelfen. Eine eigenständige Betrachtung der Väter, losgelöst von den Urteilen Almas und Theas, wäre deshalb lohnend und sicher aufschlussreich.

Beide waren Künstlerinnen.

Alma arbeitete mit ihrer Schreibmaschine „Erika“ und Sprache, Thea mit Zeichenstift und Farbe. Ihre Begabungen ergänzten sich: Thea illustrierte Almas Bücher.

Almas Beitrag zu Theas Kunst ist nicht explizit überliefert. Allerdings schreibt Barbara Trnovec, die Kuratorin der ersten Ausstellung mit Theas Werken, dass Thea nach ihrem Umzug nach Celje eine künstlerische Kehrtwende vollzogen habe. Sie malt keine Portraits und Landschaften mehr, sondern sie widmet sich voll der Illustration von Karlins Büchern. Erst nach Almas Tod kehrte sie zu ihren ursprünglichen Themen zurück.
Allerdings: Bei der Umgestaltung ihres Hauses in Pečovnik in ein Museum entdeckte man mehrere Wandmalereien.

Beide liebten die Natur.

Wanderungen, angeblich bis zu 40 km am Tag, gehörten zu ihrem gemeinsamen Alltag. Obwohl Thea an der Ostsee aufgewachsen war, fand sie offensichtlich in der Hügellandschaft um Celje eine neue Heimat.

Beide teilten ähnliche politische Überzeugungen.

Sie lehnten den Nationalismus ihrer Zeit ab und engagierten sich während der deutschen Besatzung im Widerstand. Sie schlossen sich einige Zeit den Partisanen an.

Zahlreiche Reisen und Begegnungen mit Menschen verschiedener Kulturen, dazu die Beschäftigung mit den theosophischen Grundsätzen, haben sie tief geprägt. Nationale Grenzen spielten für ihr Denken eine geringere Rolle als die Begegnung mit dem einzelnen Menschen. Sie interessierten sich nicht für das Trennende zwischen den Nationen, sondern für das Gemeinsame zwischen den Menschen.

Keine dieser Beobachtungen erklärt für sich allein ihre außergewöhnliche Lebensgemeinschaft. Zusammengenommen zeichnen sie jedoch das Bild zweier Frauen, die in vielem ähnlich dachten, fühlten und lebten. Vielleicht liegt gerade darin der Schlüssel zu Almas eigener Bezeichnung: Sie waren „Seelenschwestern“.

Was blieb nach Almas Tod?

Die gemeinsame Geschichte endete nicht mit Almas Tod am 14. Januar 1950. Thea blieb in Pečovnik und übernahm die Verantwortung für Almas Nachlass. Dazu gehörte nicht nur die Sicherung von Manuskripten, Briefen, Zeichnungen und persönlichen Gegenständen. Auch das gemeinsame Haus wurde zu einem Ort der Erinnerung an Alma.

Thea hatte das Haus schon 1936 von Alma gekauft. Sie wurde aber nicht als Besitzerin ins Grundbuch eingetragen, weil ihr die jugoslawische Staatsbürgerschaft fehlte. Deshalb vermachte Alma Thea das Haus in ihrem Testament zusätzlich

Thea bewahrte diesen Ort und Almas Erinnerung über Jahrzehnte. Vieles, was heute über Alma bekannt ist, konnte gerade deshalb erhalten bleiben. Zugleich geriet die Frau, die diesen Nachlass bewahrte, selbst zunehmend aus dem Blick.

Das ist vielleicht die eigentliche Pointe dieser Geschichte: Thea sorgte dafür, dass Alma erinnert werden konnte. Und sie selbst wurde dabei vergessen.

Was über Theas eigenes Leben, ihre Herkunft, ihre Ausbildung, ihre Kunst und ihren Weg nach Almas Tod online bekannt ist, erzählt der geplante folgende Artikel: → Thea Schreiber-Gammelin

Biografische Splitter

der Name „Schreiber-Gammelin“ ist die Zusammenfügung der Namen ihrer Eltern: Heinrich Schreiber und Marie, geb. Gammelin

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Dieser Artikel ist Teil der Reihe Alma M. Karlin in europäischer Perspektive

Jeder Artikel geht einer Frage nach.
Gemeinsam erschließen sie Alma M. Karlin, ihre Lebenswelt und ihre Nachwirkung bis heute.

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