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Senetta Joseftal – Senta Josephthal

Aufbau einer neuen Heimat

Senta Josephthal (geboren als Senta Punfud am 5. Dezember 1912 in Fürth, gestorben 2007 in Gal’ed, Israel) steht beispielhaft für das Schicksal vieler deutscher Juden, die durch den Nationalsozialismus ihre Heimat verloren und in Israel eine neue Existenz aufbauten. Ihr Lebensweg ist geprägt von Entwurzelung, aber auch von bewundernswerter Aufbauarbeit und politischer Gestaltung in ihrer neuen Heimat.

Kindheit und Jugend

S. Punfud wuchs in Fürth auf und besuchte das dortige Mädchenlyzeum. Ihr anschließendes Studium der Rechtswissenschaften und Nationalökonomie an der Universität Erlangen musste sie jedoch als Jüdin 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten abbrechen.

In Nürnberg engagierte sie sich im jüdischen Jugendbund, der sich 1933 der zionistischen Jugendbewegung anschloss.
Ab 1934 arbeitete sie bei Hechaluz, einer zionistisch-sozialistischen Organisation, die jüdische Jugendliche auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitete – ein Weg, der auch ihr nicht erspart blieb.

Neue und tiefe Wurzeln im Kibbuz Gal’ed

1938 emigrierte Senta mit ihrem Mann Georg nach Palästina – neuer Name: Senetta und Giora Joseftal.

Dort gründeten sie mit anderen deutschen Juden 1945 den Kibbuz Gal’ed (Gal’ed = ‚Denkmal, Zeugenhügel‘: d.h. der Kibbuz ist ein lebendiges Denkmal für die verlorenen Angehörigen und die zerstörten Gemeinschaften Europas, aber auch Verpflichtung, eine auf Gemeinschaft und Solidarität basierende Gesellschaft zu schaffen.).
Hintergrund der Kibbuzim: die Gartenstadt-Idee E. Howards und die Zentralorttheorien von Walter Christaller flossen in die israelische Raumplanung mit ein.

Kibbuz Gal’ed

Senetta wurde bis ins hohe Alter regelmäßig in das Selbstverwaltungsgremium des Kibbuz gewählt. Sie war bekannt für ihre Nähe zu den Menschen, ihre Tatkraft, ihr Durchsetzungsvermögen und ihre Fähigkeit, unterschiedliche Gruppen zusammenzubringen.
„Ich glaube, es war ein besonderes Anrecht, dass ich meine eigene Heimat mit meinen eigenen zehn Fingern gebaut habe. Es war nicht leicht, aber es war sehr befriedigend.“

Aus einer kargen Einöde entstand durch harte Arbeit eine erfolgreiche Gemeinschaft, überwiegend von Landwirtschaft lebend – eine Kollektivsiedlung, in denen die Menschen ohne Privateigentum zusammenleben.
Gal’ed wurde zum Symbol des Pioniergeistes der Gründergeneration – bis heute ein Ort, an dem die Werte von Solidarität und Gemeinschaft weitergegeben werden.

Sprung zu heute: (2025) das Kibbuz finanziert sich nicht mehr vorwiegend von Landwirtschaft – es ist an einem Unternehmen beteiligt und dadurch zu „einer kommunalen Wirtschaftsorganisation“ geworden mit „kapitalistischen Verhaltensweisen“. 2018 leben dortlaut wikipedia 490 Einwohner.

Senetta und Giora Joseftal – landesweites Engagement

Senetta und Giora Joseftal prägten mehr als nur mit Gal’ed das gesellschaftliche und politische Fundament des Staates Israel entscheidend mit:

Senetta Joseftal

Senetta J. engagierte sich in der landesweiten Kibbuzbewegung und wurde deren Vorsitzende. In der Gewerkschaft Histadrut leitete sie die Eingliederung von Neueinwanderern aus arabischen und afrikanischen Ländern.

Giora Joseftal

Ihr Mann Giora wurde u.a. Minister für Arbeit und Wohnungsbau in Israel.
Konzept des Städtebaus: Neue Städte sollten nicht nur Wohnraum bieten, sondern strategische Frontlinien im Kampf um jüdische Souveränität markieren

Als Generalsekretär der Hechaluz-Organisation entwickelte er ein Konzept beruflicher Umschulungslager, das Heimat aktiv vorbereitete:
Konzept der „Hachschara-Bewegung“: landwirtschaftliche Ausbildungsstätten einrichten, wo junge Juden handwerkliche Fertigkeiten für den Aufbau Palästinas erlernen

Mitglied der Knesset

S. Joseftal machte zwei Mal einen „Ausflug“ in die Politik – kurz, aber wirkungsmächtig:
Sie wurde in die Knesset, das israelische Parlament, gewählt: 1955, auf Vorschlag von David Ben-Gurion (Ministerpräsident und Verteidigungsminister), und erneut 1976. Beide Male legte sie ihr Mandat vorzeitig nieder, da sie die praktische Arbeit der reinen Parlamentsarbeit vorzog:
„Nur Reden halten, das war nichts für mich.“

Konflikt mit der alten Heimat

S. Joseftal wollte nie wieder nach Deutschland zurückkehren.

Doch 1956 schickte sie der damalige Finanzminister Levi Eschkol nach Deutschland. Wie schwer muss es ihr gefallen sein, dorthin zurückzureisen!
Es war eine Rückkehr in ein Land, das nicht mehr „Heimat“ war, sondern ein Ort der Verhandlung, der Konfrontation und der rechtlichen Auseinandersetzung – nicht der Versöhnung.

verweigerte Entschädigungszahlungen

Sie sollte in Frankfurt am Main über Entschädigungszahlungen an Holocaust-Opfer verhandeln. Dazu den Deutschen das Konzept des Kibbuz erklären..

Ministerpräsident David Ben Gurion und Kanzler Konrad Adenauer hatten Entschädigungszahlungen an Israel vereinbart.
Trotzdem verweigerte ein Stuttgarter Gericht zunächst die Zahlungen mit der frechen, unwahren und völlig irrelevanten Begründung, Kibbuz-Bewohner lebten wie in einem Kloster und verzichteten auf weltliche Annehmlichkeiten.
Senta setzte sich hartnäckig für die Rechte der Kibbuz-Bewohner ein – mit Erfolg:
Die Entschädigungszahlungen wurden schließlich überwiesen.

internationales Engagement

Ab 1960 reiste Senta Josephthal häufig im Auftrag von nationalen und Parteiorganisationen ins Ausland.

Ehrungen

Für ihr Lebenswerk wurde sie 2004 mit dem Ben-Gurion-Preis ausgezeichnet

2019 benannte die Stadt Fürth eine Straße nach ihr.

Fürth – Straßen, Wege, Plätze u.ä.

Ansonsten ist sie in Deutschland so gut wie unbekannt.

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🔍 weiterführende Quellen und Links

Senta Josephthal/Senetta Joseftal

Artikel und Biografien
Archive und Enzyklopädien
Zeitungsartikel und Forschung
  • Nordbayern.de
    Bedeutende Frauen: Diese Fürtherinnen haben die Welt verbessert, 08.03.2017.
[alle abgerufen um den 05.06.2025]

🔍 Serie „Heimaten“

  • Stand 01.2026
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Nadia Murad – Heimat. Schicksal. Kampf.

🔴 Auszeichnung

Als erste irakische Staatsbürgerin und Angehörige der jesidischen Glaubensgemeinschaft erhielt Nadia Murad 2018 gemeinsam mit Dr. Denis Mukwege den Friedensnobelpreis – eine Würdigung ihres beharrlichen Einsatzes gegen sexualisierte Gewalt als Mittel der Kriegsführung.

Weitere Auszeichnungen:

  • 2016 Václav-Havel-Menschenrechtspreis durch die Parlamentarischen Versammlung des Europarates
  • 2016 Sacharow-Preis des EU-Parlaments
  • 2025 „Beloved Community Coretta Scott King Soul of the Nation Award“ durch „The King Center“, USA
  • 2025 „Abely Leading Women and Children to Safety Award

⛹️‍♀️ 🏘️ Kindheit und Jugend im Zeichen dörflicher, jesidischer Tradition

Ihr Heimatdorf war Kocho, District Sindschar, im Norden Iraks.
Kocho war klein, aber es war alles, was ich kannte. Es war mein Zuhause. …
Es war ein einfaches, verborgenes Leben. Alles, um das man sich kümmern musste, waren die Dinge und die Menschen um einen herum, und sie waren nah genug, um sie zu berühren. (Murad in: „Ich bin eure Stimme“)

Sie verlebte mit ihren Geschwistern eine unbeschwerte Kindheit und wuchs in einer engverbundenen Großfamilie auf. Ländliche Arbeiten wie Kartoffelanbau, Hühner- und Schafhaltung, traditionelles Brotbacken bestimmten ihren Alltag Sie hatte ein enges Verhältnis zu ihrer Mutter Shami, die sie als mutig und inspirierend beschreibt.

Ihr Kindheitstraum: Geschichtslehrerin oder Make-up-Künstlerin zu werden.

🗡️ Zäsur durch den IS-Terror

Mit 21 Jahren verlor sie ihre Heimat abrupt, als der „Islamische Staat“ am 3. August 2014 Kocho überfiel. Bei dem Massaker verlor Murad 18 Familienmitglieder, darunter sechs Brüder und ihre Mutter Shami, die als „zu alt für die Sklaverei“ kaltblütig ermordet wurde.

Sie wurde zusammen mit vielen anderen Frauen gefangen genommen, verschleppt, zwangskonvertiert und monatelang und in die sexuelle Sklaverei gezwungen . Nur durch den Mut einer muslimischen Familie in Mossul gelang ihr die Flucht aus der IS-Gefangenschaft.

🔵 Neuanfang und politisches Engagement

Seit 2015 lebt Murad unter anonymisiertem Schutz in Deutschland. Mit der von ihr gegründeten Organisation „Nadia’s Initiative“ setzt sie sich für den Wiederaufbau von Gemeinschaften ein, die von Völkermord und sexueller Gewalt betroffen sind – nicht nur im Irak, sondern z.B. auch in der Ukraine oder im Kosovo.
Konkrete Beispiele für ihr Engagement:

  • Aufbau von Frauenzentren im Irak, zur Stärkung von Bildung und Selbstständigkeit der Frauen.
  • Aufarbeitung der Massengräber im Zusammenhang mit dem Jesiden-Völkermord in Sindschar.

Gemeinsam mit Dr. Denis Mukwege gründete sie den „Global Survivors Fund“, der sich für den Zugang zu Entschädigungen für Überlebende von konfliktbezogener sexueller Gewalt einsetzt.

Gemeinsam mit ihrer Anwältin Amal Clooney arbeitet Murad daran, die IS-Verbrechen vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen.

Sie ist Mitglied des französischen Gender-Beirats, sie arbeitet an UN-Resolutionen mit, sie schreibt und veröffentlicht, …

✍️ Autobiografie und Zitate

In ihrer Autobiografie „Die letzte Frau“ (Originaltitel: The Last Girl) verbindet sie persönliche Erinnerungen mit einer Analyse von Heimatverlust und Identitätsbewahrung. Sie schreibt u.a.:

✅ „Meine Geschichte, die ich ehrlich und sachlich erzähle, ist die beste Waffe, die ich gegen den Terrorismus habe, und ich habe vor, sie einzusetzen, bis diese Terroristen vor Gericht gestellt werden. Es gibt noch so viel, was getan werden muss. Die führenden Politiker der Welt und insbesondere die religiösen Führer der Muslime müssen aufstehen und die Unterdrückten schützen.“

✅ „Ich denke immer noch, dass es eine der schlimmsten Ungerechtigkeiten ist, die ein Mensch erleiden kann, wenn er aus Angst gezwungen wird, sein Zuhause zu verlassen.“

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🔍 externe weiterführende Informationen

Nadia Murad

Nadia Murad in Artikel und Interviews

  • Expertengespräch mit Nadia Murad in hawarhelp, 28.03.2017
  • Nadia Murad: Eine Jesidin kämpft für Menschenrechte. Interview in Körber Stiftung, 02.10.2017, Moderation: Birgit Langhammer | NDR
  • ZDF: M. Lanz im Gespräch mit Nadia Murad und Jan Ilhan Kizilhan in youtube, 02.11.2017
  • Interview mit Nadia Murad in nationalgraphic, 19.01.2018 (Video)
  • Sie lässt sich nicht zum Schweigen bringen in Zeit, 05.10.2018 von Muri Darida
  • Nadia Murad: Der größte Preis wäre für mich, wenn der IS endlich vor Gericht gestellt wird“ in elle, 08.03.2020 von Louisa Markus
  • Aktivistin Murad: Sexuelle Sklaverei entschiedener bekämpfen in vaticannews, 20.03.2021, das Interview führte Alessandro Gisotti
  • Macht die Menschenrechte zur Priorität in schwaebische, 05.12.2024 von Hendrik Groth
  • Sacharow-Preis 2016: EU-Abgeordnete stellen die Nominierten vor, Europäisches Parlament 15.09.2016
  • EU-Parlament zeichnet Nadia Murad und Lamiya Aji Bashar mit dem Sacharow-Preis 2016 aus, Europäische Zeitung 1.11.2016
  • Nadia Murad erhält Václav-Havel-Menschenrechtspreis 2016, Europarat 10.10.2016
  • Menschenrechtspreis für Jesidin Murad DW 10.10.2016
  • The King Center, Atlanta, USA – pdf. S. 4
  • Carvd N Stone Artikel
  • Sanctuary for Families, NYC AbelyAwards

🔍 Weiterführende interne Links (Serie „Heimaten“)

Stand: 10.2025