„Heimat“ – ein Begriff im Wandel
heute
Der DUDEN definiert: „Land, Landesteil oder Ort, in dem man [geboren und] aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt“. Eine Redewendung von vielen: „Die Heimat ist der Spiegel der Seele.“ „Die Erinnerung ist die einzige Heimat, aus der wir nicht vertrieben werden können“, sagte Jean Paul.
Das Wort „Heimat“ ist im deutschsprachigen Raum seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar. Doch nicht nur seine Lautung und Schreibweise hat sich seit dieser Zeit bis heute verändert, sondern auch die damit verbundene Bedeutung. Z.B. wurde im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit ‚Heimat‘ eher nur punktuell als Gefühl oder Abstrakta („bî got ist unser heim“) begriffen.

MA und frühe Neuzeit
’Heimat‘ war vor allem an das eigene Haus, das „Heim“, geknüpft. Nur wer ein eigenes Haus – eine eigene Feuerstelle – besaß, konnte sich als Teil der Bürgerschaft fühlen und genoss damit bestimmte soziale und rechtliche Vorteile, z.B. Bürgerrechte, Recht auf Heirat und ärztliche Versorgung.
Menschen hatten einen Geburtsort und im Idealfall einen Heimatort. Der Heimatort hatte die Pflicht, arbeitsunfähige und alte Menschen zu versorgen. Soziale Sicherheit war also an das Heimatrecht geknüpft.
‚Heimat‘ war damit ein exklusives Gut der Haus-Besitzenden, der ‚Normgerechten‘ – dazu meist an männlichen Besitz gebunden.
Auswirkungen auf Sprache
In der Sprache zeigt sich bis heute diese enge Bindung an Hausbesitz: „heimelig“, „heimlich“, „geheim“, „heimelisch-heit“ stand für: ‚zum Haus gehörend‘, geborgen, vertraut, nicht öffentlich.
Konsequenterweise bedeutete „unheimlich“: nicht zum Haus gehörend, fremd sein, bedrohlich.

„inwoner“ und Wohnungslose: ausgeschlossen und kontrolliert
Zur Miete gezwungene „inwoner“ wie Gesellen, Dienstboten, Tagelöhner oder Prostituierte, blieben ausgeschlossen. Wer kein eigenes Heim besaß, blieb offiziell heimatlos – und damit auch rechtlich und sozial benachteiligt.
Besonders Menschen, die auf der Straße lebten oder umherzogen, wurden stigmatisiert und per se als gefährlich eingestuft.
(Man muss leider konstatieren, dass sich an dieser Einschätzung, diesem Vor-Urteil bis heute nicht viel geändert hat.)
Herrschaftsinteressen
Im späten Mittelalter, früher Neuzeit verstärkten sich die territorialen Herrschaftsinteressen, nicht nur „im Großen“ nach außen.
Das zeigte sich auch „im Kleinen“: So entstand in dieser Zeit z.B. die Tradition der „Siebener“ oder der „Feldgeschworenen“. Ihre Aufgabe war/ist es, über die Einhaltung von Grundstücks- und Gemarkungsgrenzen zu wachen. (heute im „Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes“)
Gleichzeitig verschärften sich die Maßnahmen gegen die „heimat-losen“ und besonders gegen die „fahrenden“ Menschen.
Staatliche Repressionen
Straßenkontrollen, Passzwang und polizeiliche Überwachung wurden alltäglich. Körperliche Kennzeichnungen und öffentliche Strafen dienten dazu auszugrenzen.
Bekanntes Beispiel z.B. der Nürnberger Bildschnitzer Veit Stoß, dem man um 1500 wegen Urkundenfälschung zur Strafe die Wange mit einem glühenden Eisen durchstach und ihn damit für den Rest seines Lebens zeichnete, „brandmarkte“.

Frauen doppelt benachteiligt
Ein Recht auf Heimat gestattete man in der Frühen Neuzeit aufgrund veränderter Sexual- und Moralvorstellungen allein erziehenden Müttern nicht mehr. Im Gegenteil, sie mussten ihre ‚Heimat‘ verlassen (so sie überhaupt je eine ‚Heimat‘ hatten) und sich ‚als Fahrende‘ durchs Leben schlagen. Wo immer sie sich zum Schlafen niederließen, mussten sie mit Vertreibung rechnen.
Bestrafung von Frauen
So sahen sich viele Frauen gezwungen, ihre unehelich Neugeborenen zu töten, um nicht ihren Arbeitsplatz zu verlieren, ausgewiesen zu werden oder auf unbestimmte Zeit im Lochgefängnis zu landen – neben dem Automatismus, dass man ihr das Kind weg nahm.
Strafen in Nürnberg für bekannt gewordene Kindsmörderinnen: ursprünglich ertränken.
N. Bennewitz1 berichtet von den ersten mit dem Schwert hingerichteten Kindsmörderinnen in Nürnberg 1580, wie z.B. der 50-jährigen Margaretha Dörfflerin aus Ebermannstadt.

Heimatlos, aber nicht bindungslos
Als weiteres Beispiel berichtet N. Bennewitz1 auch von Anna Margaretha Zirnküblin aus Preußen, die mit ihrem Sohn umherzog, mehrfach inhaftiert wurde und verzweifelt darum kämpfte, ihr Kind nicht zu verlieren.
Fahrende und Besitzlose mögen keine ‚Heimat‘ gehabt haben. Aber ihre räumliche Ungebundenheit führte in der Regel nicht zu familiärer und emotionaler Ungebundenheit!
Dies galt damals und gilt auch heute noch!

✴️✴️✴️
🔍 weiterführende Links
1Nadja Bennewitz: „Von heimeligen Hausbesitzern und unheimlichen Vaganten. Auf der Suche nach „Heimat“ in Mittelalter und Früher Neuzeit“, in der FidEW-Zeitschrift 2/2003 „Heimaten“ pdf
Nadja Bennewitz
- Persönliche Webseite:
bennewitz-frauengeschichte.de - Mitglied des Netzwerks „Miss Marples Schwestern“ (MMS):
Miss Marples Schwestern – Nürnberg
Weitere Ressourcen zum Thema „Heimat“
- Heim (mittelhochdeutsch):
Mittelhochdeutsches Wörterbuch, woerterbuchnetz.de
(Zugriff am 27. April 2025) - Universität Heidelberg, SFB „Heimat“, Säule A:
Sonderforschungsbereich 1671 „Heimat“ – Teilprojekte - Was bedeutet Heimat in einer globalisierten Welt?
Interview (u.a. zu Wandel des Heimatbegriffs über die Jahrhunderte):
dolomitenstadt.at – Artikel vom 11.6.2023 - Vortrag: Kulturlandschaft und Heimat
für die bayerischen Feldgeschworenen:
thomas-gunzelmann.net/vortraege/feldgeschworene/ - Christiane Wiesenfeldt: Musik und Heimat
Buch: Musik und Heimat, Bärenreiter, Ersterscheinung: 23.04.2025
Mehr zu C. Wiesenfeldt: Wikipedia-Eintrag
🔍 Serie „Heimaten“
- HEIMATEN: Orte der Vielfalt – vielfältige Orte – wo Vielfalt zu Hause ist!?
- Ruth Weisss
- Nadia Murad (blog 06/2025, dort Serie „Friedensnobelpreisträgerinnen“)
- Amal Clooney
- Nadja Bennewitz
- Heimat im MA und früher Neuzeit
- Sanetta Joseftal
- Elisabeth Bala
- Melitta Bentz
- Erin Pizzey
Stand 01.2026









