Die Steiermark: damals und heute
Wenn wir heute historische Begriffe wie „Steiermark“, „Österreich“, „deutsch“ oder „slowenisch“ verwenden, geraten wir schnell in Verwirrung. Ihre Bedeutung war im 19. Jahrhundert oft eine andere als heute.
Das heutige österreichische Bundesland Steiermark gehört z.B. in einen anderen historischen und politischen Kontext als die „Steiermark“ zur Zeit der Habsburgermonarchie. Damals umfasste das ‚Herzogtum Steiermark‘ auch die Untersteiermark mit Städten wie ‚Cilli‘ (heute ‚Celje‘ in Slowenien).
Österreich ist nicht gleich Österreich
Der Name bezeichnete im Lauf der Geschichte ein kleines Grenzgebiet, ein Herzogtum, die habsburgischen Erblande und schließlich den Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn.
Mit dem Ende der Habsburgermonarchie 1918 entstand die Republik Österreich in deutlich veränderten Grenzen. Nach 1945 prägten die Wiedererrichtung der Republik und der Staatsvertrag von 1955 die politische Entwicklung des heutigen Österreich.
Deshalb muss man bei historischen Quellen immer fragen: Welches „Österreich“ ist gemeint?
Deutsch? Slowenisch?
Doch die geografischen Grenzen sind nur ein Teil der Geschichte. Mindestens ebenso wichtig ist die Frage, wie Menschen damals ihre sprachliche, kulturelle und nationale Zugehörigkeit verstanden. Deshalb wird es bei der Frage sehr schwierig, wer damals eigentlich als „deutsch“ oder „slowenisch“ galt.
Aus heutiger Sicht scheint die Antwort einfach: Wer Deutsch sprach, war Deutscher. Wer Slowenisch sprach, war Slowene.
Für das späte 19. Jahrhundert trifft diese Vorstellung jedoch nur eingeschränkt zu. Sprache, Herkunft, regionale Verbundenheit, Staatsangehörigkeit und nationales Selbstverständnis waren in der Habsburgermonarchie nicht zwangsläufig dasselbe.
Die Untersteiermark war seit dem Mittelalter ein Begegnungsraum verschiedener Sprachen und Kulturen. Seit dem 12. Jahrhundert gehörte die Region zum ‚Herzogtum Steiermark‘, seit 1276 stand sie unter der Herrschaft der Habsburger.
Zwar war Slowenisch in vielen ländlichen Gebieten die vorherrschende Alltagssprache, während Deutsch in den Städten, in Verwaltung, Handel und Bildung eine wichtige Rolle spielte. Doch diese Zuordnung war nie vollständig: Deutsch- und slowenischsprachige Menschen lebten nicht getrennt voneinander, sondern begegneten sich im Alltag, in Wirtschaft, Kirche und Schule. Zugleich war die Beherrschung der deutschen Sprache für viele Berufe, den Besuch höherer Schulen und den gesellschaftlichen Aufstieg von großem Vorteil. Dadurch wurden die Grenzen zwischen deutsch- und slowenischsprachigen Lebenswelten zusätzlich durchlässig.
Man kann also davon ausgehen, dass viele Familien, wie die der Familien Miheljak-Karlin, mehrsprachig waren oder sich selbstverständlich zwischen verschiedenen kulturellen Welten bewegten. Deshalb lässt sich heute kaum eindeutig beantworten, ob sich Alma Karlins Eltern in erster Linie als deutsch, slowenisch, österreichisch oder steirisch verstanden haben. Solche Kategorien waren damals oft weniger eindeutig als sie uns heute erscheinen.
Ein Kommentar am Rande: Aus heutiger europäischer Sicht erscheint Mehrsprachigkeit als Chance für das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen. Im 19. Jahrhundert wurde sie jedoch zunehmend von nationalen Gegensätzen und politischen Machtansprüchen überlagert.
Nationalbewegungen im 19. Jahrhundert
Die Frage „Welche Sprache sprichst du?“ war für viele Menschen in der Habsburgermonarchie lange Zeit leichter zu beantworten als die Frage „Welcher Nation gehörst du an?“
Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts änderte sich die Situation. Europäische Nationalbewegungen gewannen an Bedeutung. Sprache wurde zunehmend als entscheidendes Merkmal nationaler Zugehörigkeit verstanden. Dieser Wandel verlief jedoch langsam.
Allerdings schon Alma Karlins Geburt 1889 fiel in die Zeit der verschärften und eskalierenden Auseinandersetzung. Kurz vorher, 1895, entlud sich der Sprachen- und Nationalitätenstreit in Cilli mit dem „Cillier Schulstreit„.
Eine weitere Eskalation: 1907 eröffnete gegenüber dem Bahnhof das „Deutsche Haus“, in dem deutsch-österreichische Vereine und Firmen ihren Sitz hatten. Es galt als „Gegenstück“ zum gegenüberliegenden „Narodni dom“ (Nationalhaus), das eine ähnliche Funktion für die slowenische Bevölkerung erfüllte. Celje zur Lebenszeit A. M. Karlins
Und Almas Familie mittendrin: Ihre Eltern entstammten slowenischen Familien, ihre Mutter arbeitete jedoch als Deutschlehrerin, ihr Vater diente beim Habsburgischen Militär. In der Familie Miheljak-Karlin wurde Deutsch gesprochen. Zugleich engagierte sich ihr Onkel Lorenz Baš als Redakteur einer slowenischen Zeitung für die Rechte der slowenischsprachigen Bevölkerung. Wie sich die übrigen Familienmitglieder selbst verstanden und politisch positionierten, lässt sich heute nur schwer rekonstruieren. „Cillier Schulstreit„
🔍 weiterführende Links „Identitäten in der Habsburgermonarchie“ (aufklappen)
Nationalitätenfrage in der Habsburgermonarchie, allgemein
- Nationalitätenkonflikt und Zerfall des Vielvölkerstaates (PDF) — ÖAW, Peter Stachel
- Slovenia, Überblick zur Geschichte Sloweniens — Encyclopaedia Britannica
Untersteiermark und Sprachenkonflikt
- Geschichte der Steiermark, enthält den Cilli-Konflikt 1895 im regionalen Kontext — wikipedia
- Geschichte des Celjski dom, konkrete historische Details zum Deutschen Haus über alle Epochen (slowenisch) — Mestna občina Celje
Forschung zu Sprache, Identität und Nationalisierung
- Maximilian Linser: Die mediale Konstitution des „Deutschthums“. Feindbilder und Identitäten in der Untersteiermark 1862–1887 (Masterarbeit, Karl-Franzens-Universität Graz) — Universität Graz
Deutsches Haus & Narodni dom in Cilli/Celje
- Narodni dom, Überblick über alle Nationalhäuser der Monarchie — wikipedia
- Celje, mit Baudaten zu Deutschem Haus und Narodni dom — AustriaWiki im Austria-Forum
- Celje/Celeia, Abschnitt zu deutschem Nationalismus um 1900 — wikipedia (englisch)
- Überblick über die Geschichte Celjes sowie Deutsches Haus (Celjski dom) und Narodni dom — Association of Historic Towns of Slovenia
🔍 weiterführende Links „Cillier Schulstreit“ (aufklappen)
Cillier Schulstreit
- Kampf der Slowenen um ihre Sprache — habsburger.net
- Konfliktort Schule: Nationale Agitation im Klassenzimmer — habsburger.net
- Österreichisch-slowenische Beziehungen — wikipedia
- Die mediale Konstitution des „Deutschthums“: Feindbilder und Identitäten in der Untersteiermark 1862–1887 — unipub Uni Graz
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→ Dieser Artikel ist Teil der Reihe Alma M. Karlin in europäischer Perspektive
Jeder Artikel geht einer Frage nach.
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