Anna Sophia Wilhelmina (Wilhelmine) Scheibler persönlich

Lesen und Schreiben — Die Eltern — Bruder Johann (Hans) — Ehemann — Kinder — Weiterführendes

Überblick Kochbuch-Autorinnen

Anna Sophia Wilhelmina Koblanck, meist Wilhelmine Scheibler genannt, wurde um 1750 in Berlin geboren und starb vor 1829. Ihr Mädchenname war Koblanck/Koblank.

Sie heiratete am 15. August 1776 Bernhard Wilhelm Scheibler (1747–1805)

Zu Wilhelmine ist, trotz intensiver Suche, digital so gut wie nichts Persönliches zu finden: keine frei zugänglichen kirchlichen Urkunden, keine Wohnadresse, nichhts zu ihrer Ausbildung oder zu ihren weiteren Engagements bzw. gesellschaftlichen Aufgaben. Interessanterweise gilt die mangelnde Auffindbarkeit auch für ihren Ehemann.

Deshalb kann man neben der Auswertung ihrer Kochbücher nur über ihre Familie oder über allgemeine gesellschaftliche Regeln Rückschlüsse auf ihr Leben und ihre Interessen ziehen. Da es viele Informationen zu ihrem Bruder und zu ihren Söhnen mit deren Familien gibt, nehmen diese Informationen einen größeren Raum ein als auf diesen Seiten üblich.

Ein schönes Beispiel aus den „Vorerinnerungen und Bemerkungen“ der 4. Auflage des Kochbuchs 1845. Dort klassifiziert sie die Kochkunst in drei gesellschaftliche Klassen:
die der „Künstlichen = Herrschaftlichen“ Kochkunst (Ebene der professionellen Köche), die der „herrschaftlichen Kochkunst , doch in einem minder hohen Grade“ und die der „bürgerlichen Kochkunst“.

Bei der bürgerlichen Kochkunst schreibt sie (Großschreibung von mir): … Hier sieht man hauptsächlich auf den GESCHMACK … Gleichzeitig begreift diese Klasse die der MITTELSTÄNDE und die der GUTEN HAUSMANNSTISCHE … Anordnung der klugen HAUSFRAU .., die nach dem Geschmacke und den Verhältnissen des HAUSHERRN sich einzurichten natürlich für Pflicht hält.
→ Blog vom 17. Dezember 2023

Biografisches

Lesen und Schreiben

Wo Sophie Wilhelmine lesen und schreiben lernte, ist bislang nicht bekannt. Als Tochter eines Berliner Stadt- und Amtschirurgen gehörte sie zu einem städtisch-bürgerlichen Milieu, in dem unterschiedliche Formen von Bildung zugänglich waren. Möglich waren Unterricht in kirchlich getragenen Schulen, in privaten Schulen oder durch Hauslehrer und häuslichen Unterricht. Welche dieser Möglichkeiten sie tatsächlich nutzte und welche weiteren Kenntnisse sie erwarb, lässt sich derzeit nicht feststellen.

Kennen Sie eigentlich „Winkelschulen“? Der Begriff war im 18. und 19. Jahrhundert keineswegs auf Berlin beschränkt. Winkelschulen waren privat organisierte Schulen, die außerhalb der regulären staatlichen oder kirchlichen Schulaufsicht standen. Sie vermittelten vor allem elementare Kenntnisse wie Lesen und Schreiben. Auch Frauen konnten solche Schulen für Mädchen betreiben. Eine Charlottenburger Chronik aus dem Jahr 1780 nennt beispielsweise eine „alte französische Mamsell“, die einige Mädchen unterrichtete, offenbar vor allem, damit diese Französisch lernten.

Familie

Die Eltern

Über ihre Mutter Charlotte Helene, geb. Müller, finden sich keine weiteren Informationen.

Ihr Vater war David Balthasar Koblanck, ein Berliner Stadt- und Amtschirurg.

Was bedeutet „Amtschirurg“ eigentlich?
Ein Chirurgus des 18. Jahrhunderts war kein akademisch ausgebildeter „Arzt“ im heutigen Sinn. Chirurgen gehörten zur handwerklich-praktischen medizinischen Profession: Wundbehandlung, Operationen, Behandlung von Knochenbrüchen, Verletzungen usw.
Ein Amtschirurg war kein gewöhnlicher Privatpraktiker, sondern ein amtlich bestellter Chirurg mit bestimmten öffentlichen Aufgaben. Für Berlin sind im 18. Jahrhundert sechs Stadtchirurgen belegt. Diese waren unter anderem zuständig für Armenversorgung und sanitätspolizeiliche Aufgaben, darunter die ärztliche Untersuchung von Prostituierten auf ansteckende Geschlechtskrankheiten. Ob David Balthasar Koblanck zu diesen Berliner Stadtchirurgen gehörte, ist online nicht nachprüfbar.

Bruder Johann (Hans) Heinrich Sigismund Koblanck (1751–1834)

Er ist relativ gut dokumentiert. Indirekt erfahren wir durch ihn etwas über das Bildungsniveau der Familie Koblanck.

Johann (Hans) war Theologe und promovierte bzw. verteidigte in Halle 1773 seine theologische Dissertation. Unmittelbar danach wurde er Hauslehrer der Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt.

Ab 1780 war er „Feldprediger“ der preußischen Arme und betreute Soldaten in Friedens- und evtl. Kriegszeiten.

Spätestens 1799 war Johann (Hans) Prediger in Berlin. Spätestens 1826 wurde er Erster Prediger in der damals eigenständigen Stadt Charlottenburg. Zu dieser Stelle gehörte auch das Amt des Schulvorstehers der ersten Schule.
Vor 1826 war es die „Stadt- und Parochialkirche“; 1826 wurde diese zur „Luisenkirche“ ümbenannt, zu Ehren der verstorbenen Königin Luise.
Berlin und Charlottenburg lagen im brandenburgisch-preußischen Herrschaftsbereich und damit im Bereich der evangelischen Kirchenverwaltung Brandenburgs.

Ehemann

Wilhelmine heiratete am 15. August 1776 Bernhard Wilhelm Scheibler (1747, Monschau – 1805, Berlin)

Bernhard Wilhelm Scheibler stammte aus einer bedeutenden Scheibler-Familie aus Monschau (dort gibt es heute auch ein Scheibler-Museum, „das rote Haus“). Er wurde am 1. März 1747 in Monschau geboren. Sein Vater war Wilhelm Wimar Gerhard Scheibler (1715–1803), der 1757 von Friedrich II. zum Werkmeister der Königlichen Tuchmanufaktur in Berlin berufen worden war, später anscheinend auch geadelt wurde.

Interessanterweise ist Vater Wilhelm ziemlich gut dokumentiert. Über Bernhard findet sich trotz intensiver Suche nicht einmal eine Berufsbezeichnung.

Kinder von Wilhelmine und Bernhard

Die Kinder der Beiden sind wieder ziemlich gut dokumentiert.

Von neun Kindern haben fünf bis sechs Söhne das Erwachsenenalter erreicht (die Quellen widersprechen sich). Interessant ist die Vielfalt an Berufen der Söhne und deren teilweise bekannten Kinder. Das weist auf eine breit gefächerte Interessen- und Bildungsatmosphäre in der Familie hin.

Friedrich Wilhelm Ferdinand Scheibler (1777, Berlin – 1837) machte 1797 in Berlin eine Lehre als „Materialist“. Damals ein Kaufmann, der mit Arzneimitteln, Chemikalien, Farben und anderen Roh- und Handelsstoffen handelte. Er wurde 1798 Berliner Bürger. Später heiratete er in die Aachener Tuchmacherfamilie Pastor ein.

Carl Friedrich Heinrich Scheibler (1782, Berlin – 1868), Bildhauer.
1815 erhielt er offenbar einen preußischen Auftrag zur Rückholung der von Napoleon geraubten Kunstschätze aus Paris, darunter die Quadriga.

August Bernhard Scheibler (8. Mai 1784, Berlin – 6. Juni 1856, Hannover)

Karl Eduard Scheibler (1786, Berlin – 1844), Kaufmann.
Seine Spur führt von Berlin über Aachen nach Trier. Er heiratete 1816 Anna Arnoldina Henriette Römer.

Friedrich August Theodor Scheibler (13. April 1788, Berlin – 1864)
1813 war er Freiwilliger bei den Lützowschen Jägern. Er wurde später Vater des Chemikers Carl Wilhelm Bernhard Scheibler (1827–1899).
Die Lützowschen Jäger gehörten zum Lützowschen Freikorps, das 1813 im preußischen Befreiungskrieg gegen Napoleon entstand. Es war eine Freiwilligeneinheit, in der sich Menschen aus verschiedenen deutschen Territorien sammelten; darunter Studenten, Akademiker, Bürger und ehemalige Soldaten.

Ernst Gustav Ludwig Louis) Scheibler (2. April 1793, Berlin – 16. März 1832)
Er war Obersteuerkontrolleur in Odenkirchen.

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Weiterführendes

🔍 Quellen und Literatur zu Sophie Wilhelmine Scheibler und ihrer Familie

Familie Scheibler und genealogische Quellen

LVR – Familie Scheibler
Überblick zur Geschichte der Familie Scheibler und weiterführende Literatur.

Johann Heinrich Carl Scheibler (Hg.): Geschichte und Geschlechts-Register der Familie Scheibler, Köln 1895.
Wichtige genealogische Quelle für die Familie Scheibler; für einzelne Angaben zur Koblanck-Familie mit Vorsicht zu verwenden.

Hans Carl Scheibler / Karl Wülfrath (Hg.): Westdeutsche Ahnentafeln, Bd. 1, Weimar 1939.
Genealogische Überlieferung zur Familie Scheibler und ihren verwandtschaftlichen Verbindungen.

Elisabeth Nay-Scheibler: Die Geschichte der Familie Scheibler, 1994.
Neuere familiengeschichtliche Darstellung und Einordnung der älteren genealogischen Überlieferung.

Heidermanns – Genealogische Daten zur Familie Koblanck/Scheibler
Genealogische Datenbank; vor allem als Recherchehinweis und zur Überprüfung von Namens- und Verwandtschaftsangaben geeignet.

Familie Koblanck

Verein für die Geschichte Berlins – „Koblank“
Historischer Recherchebeitrag zur Familie Koblanck, darunter Angaben zu David Balthasar Koblanck, Sophie Wilhelmine und Johann Heinrich Siegismund Koblanck.

Forum Ahnenforschung – Johann Heinrich Siegismund Koblank
Recherchehinweise zu Johann Heinrich Siegismund Koblanck, insbesondere zu seiner Geburt 1751 und seiner späteren Tätigkeit als Feldprediger.

Berlin: Chirurgen und Medizinalwesen

Medizinhistorische Dissertation – Berliner Chirurgen und Medizinalwesen
Zur Stellung der Berliner Stadtchirurgen und ihren öffentlichen Aufgaben im 18. Jahrhundert, darunter Armenversorgung, Hilfe bei Unglücksfällen und sanitätspolizeiliche Untersuchungen.

Deutsches Rechtswörterbuch – „Stadtchirurg“
Historische Bedeutungen und Verwendung des Begriffs „Stadtchirurg“.

Berlin und Charlottenburg: Kirchen und Kirchenbücher

Evangelisches Landeskirchliches Archiv Berlin – Bestandsübersicht Kirchenbücher
Übersicht der erhaltenen evangelischen Kirchenbuchbestände in Berlin und Brandenburg.

Kirchenbuchbestand Charlottenburg
Nachweis der Charlottenburger Kirchenbücher; der Bestand reicht für die Stadt- und Parochialkirche bis ins frühe 18. Jahrhundert zurück.

Bildung und Schulsituation im Berlin des 18. Jahrhunderts

Allgemeine Deutsche Biographie – Karl Friedrich Splittegarb
Historische Darstellung des Berliner Schulwesens. Für 1786 werden öffentliche bzw. beaufsichtigte Schulen, staatlich genehmigte Privatschulen und 102 Winkelschulen genannt.

Chronik zu Pfarrer Dressel und Charlottenburg
Zur Schul- und Bildungssituation in Charlottenburg; enthält unter anderem den Hinweis auf eine französische Lehrerin, die Mädchen unterrichtete.

De Gruyter – Bildungs- und Schulgeschichte
Zur Bedeutung privater Schulen und Winkelschulen sowie zum Unterricht von Mädchen im 18. Jahrhundert.

Weiterführende Literatur

Birgit Jochens: Zwischen Ambition und Rebellion. Berliner Kochbuchautorinnen aus drei Jahrhunderten, Berlin 2021.
Für den biografischen und sozialen Kontext der Berliner Kochbuchautorinnen; die Darstellung zu Sophie Wilhelmine Scheibler ist für die Einordnung ihrer Person und ihres Umfelds relevant.

Methler/Methler: Von Henriette Davidis bis Erna Horn, 2001.
Biografische und bibliografische Einordnung deutschsprachiger Kochbuchautorinnen.

Hinweis: Genealogische Datenbanken und ältere Familiengeschichten werden hier als Sekundärquellen bzw. Recherchehilfen geführt. Angaben zu Geburt, Taufe, Amtsstellung und Wohnort sollen nach Möglichkeit durch zeitgenössische Kirchen-, Amts- oder Personenstandsquellen überprüft werden.

→ über das Kochbuch der ANNA SOPHIA WILHELMINA (Wilhelmine) SCHEIBLER → Blog vom 17. Dezember 2023

Statement der Südstädterin: Biografien sind politisch. Sichtbarkeit ist eine Machtfrage. (Stadt-)Geschichte ist nicht neutral. Hier geht es um Frauen. Punkt. Global & europäisch – Geschichte endet nicht an Grenzen.