Denkmäler für unsichtbare Frauen
Eine Figur aus der nordischen Mythologie steht auf einem Marktplatz in Niedersachsen. Sie erinnert an zwei reale Frauen.
Dass auf dem Sockel Namen stehen, echte Namen, mit Jahreszahlen, ist keine Selbstverständlichkeit. Denn wer durch Städte geht und bewusst die Umgebung beobachtet, sieht: Frauen sind in der Denkmalskultur allgegenwärtig – und zugleich fast unsichtbar.

Skuld ist eine Norne aus der nordischen Mythologie: eine Schicksalsfrau, zuständig für Geburt und Tod. Auf ihrem Sockel in Horneburg stehen zwei Namen: Marie Olga Katharina Bähr, Hebamme, und Katharina Lütje, Totenfrau. Zwei Frauen, die wirklich gelebt haben. Dass ihnen überhaupt ein Denkmal gewidmet wurde: Es gibt in ganz Deutschland nur eine Handvoll Denkmäler für Hebammen. Skuld ist eines davon, und bekommt in dieser Reihe einen eigenen Artikel.
Ein Beispiel, das buchstäblich an jeder Ecke steht: Maria, Mutter Jesu. Geboren um 17 vor Christus, mit dreizehn Jahren zum ersten Mal schwanger, verheiratet mit einem Handwerker. Eine Frau aus dem Westjordanland, mit einer Geschichte, die dramatisch genug ist für hunderte Artikel. Stattdessen: zwei Jahrtausende religiöser Überschreibung.
Was übrig bleibt, ist eine Ikone – kein Mensch.

Das ist kein Einzelfall – und keine Erfindung des Christentums. Menschen haben zu allen Zeiten und in vielen Kulturen außergewöhnliche Frauen in Symbole verwandelt: in Göttinnen, Heilige, Madonnen, Hexen. Was die katholische Kirche getan hat: diesen Prozess systematisieren, in feste Formen gießen, institutionalisieren. Kanonisierung heißt das Verfahren: und am Ende steht meist eine Ikone, selten noch ein Mensch.
Eine weitere Form der Unsichtbarkeit: die Allegorie.
Überall in europäischen Städten stehen weibliche Figuren, die abstrakte Werte verkörpern: Gerechtigkeit, Freiheit, Mäßigung, Tugend. Sie haben Gesichter. Oft sind es die Gesichter realer Frauen: Ehefrauen, Töchter, Nachbarinnen der Künstler. Ihre Namen? Verschwunden. Was bleibt, ist das Ideal: sittsam, rein, opferbereit. Wann hätte je jemand von einem Mann verlangt, tugendhaft und rein zu sein?

In Nürnberg steht seit 1589 ein Brunnen, der exemplarisch für diese Unsichtbarkeit von Frauen steht. Der Tugendbrunnen. Der nächste Artikel dieser Reihe.
Eine dritte Form: Frauen, die geehrt werden – aber als Rolle, nicht als Person. Kriegsdenkmäler sind dafür das deutlichste Beispiel. Die trauernde Mutter, die Witwe, die Germania – Sinnbild der Nation – weibliche Figuren, die männlichen Heldentod rahmen und bezeugen. Geehrt wird eine Funktion. Einen Namen trägt sie selten.
Auch das ist ein Thema, das diese Reihe noch gesondert aufgreift.

Denkmäler erzählen, was eine Gesellschaft für erinnerungswürdig hält. Und sie erzählen, wer diese Werte repräsentieren soll – und wer nicht.
Frauen sind auf Sockeln präsent: als Ideal, als Symbol, als Rolle. Als Person: viel zu selten.
Diese Reihe sucht die Antwort auf eine einfache Frage – und macht auch unsichtbare Frauen sichtbar.
- Liste von Denkmälern für Frauen in Deutschland Wikipedia
- Tugendbrunnen Nürnberg – Geschichte und Beschreibung kunstnuernberg.de
- Tugendbrunnen – Tourismus Nürnberg (offizielle Stadtseite) tourismus.nuernberg.de
- Allegorie – Begriff und Geschichte Wikipedia
- „Sag mir, wo die Blumen sind“ – Entstehung und Wirkungsgeschichte Wikipedia
- Warum wir mehr Frauendenkmäler brauchen (Diskussion aus Bulgarien, 2017) Vice.com
