Nibelungensage, Nibelungenlied – Straßen in der Metropolregion

Vorwort zur Straßenbenennung

Als Folge der Niederlagen in den Napoleonkriegen stieg das Nibelungenlied zum deutschen Nationalepos auf – obwohl es im österreichisch-bayerischen Raum entstanden, in der Schweiz wiederentdeckt und von einem Schweizer Historiker als künftige „teutsche Ilias“ ausgerufen worden war. Manche sprechen von einer „Nibelungisierung“ der Gesellschaft.

Mit der Gründung des Kaiserreichs 1871 wuchs das Bedürfnis nach gemeinsamer Tradition und Identität, und das Nibelungenlied lieferte den passenden Mythos. Dieser Kult schlug sich um 1900 auch im Straßenbild nieder: In der Metropolregion Nürnberg entstanden z. B. viele Straßen, die nach Nibelungen-Figuren und anderen Sagengestalten benannt wurden – Ausdruck eines bürgerlichen Bildungsideals und nationaler Selbstvergewisserung.

Im Nationalsozialismus erfuhr der Stoff seinen gefährlichsten Höhepunkt. Wer „Nibelungen“ sagte, meinte „Dolchstoß“, „Kampf bis zum letzten Mann“, die zum Sprichwort gewordene „Nibelungentreue“. Die Begeisterung für Sagennamen im Stadtbild hielt bis weit in die Nachkriegszeit an – Bayreuth etwa benannte Straßen noch bis in die 1960er Jahre nach Figuren aus Wagners Ring. Erst mit dem Untergang des Dritten Reichs verhallt der Ruf der Nibelungen als politisches Symbol – das durch Missbrauch nachhaltig beschädigte Epos kehrte zurück in den künstlerischen und akademischen Bereich.

Ein Sonderfall verdient eigene Aufmerksamkeit: die Wagner-Welt. Richard Wagner hat den Nibelungenstoff für seinen „Ring des Nibelungen“ grundlegend umgedeutet und neu erfunden – er schöpfte aus mehreren Quellen: der nordischen Edda, der Völsunga Saga, dem Nibelungenlied und der Thidrekssaga. Das Ergebnis ist eine eigenständige Dichtung, die mit ihren Vorlagen nur noch entfernt verwandt ist. Bayreuth benennt Straßen nach Wagners Opernfiguren. Die Namen beziehen sich also auf Bühnenfiguren, nur in zwei Fällen – Kriemhild, Brunhilde – direkt auf die Nibelungen. Diese Mixtur führt zu Verwirrung, wenn es um die Erklärung der Straßennamen geht. Deshalb erfährt die Stadt Bayreuth und die Wagner-Welt einen eigenen Abschnitt auf dieser Seite.

Was all diese Straßen, von Nürnberg bis Bayreuth, von 1900 bis in die 1960er Jahre, gemeinsam haben: Sie tragen Frauennamen. Kriemhild, Brunhilde, Gudrun, Isolde, Kundry.
Wie kommt es, dass ausgerechnet in einer Zeit, in der Männer das öffentliche Leben beherrschten, starke Frauenfiguren – fiktiv, sagenumwoben, aber unübersehbar – eigene Straßen bekamen?

Mythos und Sage – Hauptseite

ROTER FADEN „Nibelungen“: a) DRAMA; b) SAGE und LIED

Teil 1:
Königshaus Burgund in Worms:
– Mutter Ute/Oda und Vater Dankrat
– Geschwister Kriemhild/Grimhild, Gunther/Gunnar

Die Namen der Figuren variieren je nach Fassung der Sage und nach Epoche der Überlieferung. Im Folgenden werden die bekanntesten Varianten genannt.

Nicht zum Königshaus Burgund gehört, aber eng mit der Handlung verknüpft: Sieglinde, Königin von Xanten am Niederrhein und Mutter Siegfrieds.

Kriemhild heiratet den als Säugling ausgesetzten Königssohn Siegfried/Sigurd. Für seine Heldentaten, darunter der Drachenkampf, hat er den Schatz der Nibelungen erbeutet sowie eine Tarnkappe. Im Nibelungenlied wird er dadurch unverwundbar (mit einer einzigen Ausnahme).

Burgunderkönig Gunther heiratet Königin Brunhilde/Brynhild Herrscherin über Island.

Hagen/Hogni ist kein Bruder der Burgunden, sondern ihr mächtigster Vasall und Gefolgsmann – in der nordischen Überlieferung (Edda) hingegen gilt Hogni als Bruder.

Die Schwägerinnen Kriemhild und Brunhild konkurrieren miteinander, nicht zuletzt um Gleichrangigkeit, um Macht.

Nach Jahren verrät Kriemhild ihrer Schwägerin, dass diese in ihrer Hochzeitsnacht durch die Kumpanei ihrer beider Ehemänner betrogen wurde: Gunther konnte Brunhilds Bedingungen nicht erfüllen. Siegfried hatte ihm mit der Tarnkappe geholfen.
Diese Aufdeckung löst bei Brunhilde Hass und Rachegefühle aus. Sie fordert ihren Mann Gunther auf, seinen Schwager Siegfried zu töten. Nicht Gunther, sondern Hagen führt den Mord aus.

Teil 2:
Kriemhild sinnt auf Rache.

Im Nibelungenlied heiratet Kriemhild Jahre nach Siegfrieds Tod König Etzel. Dessen historisches Vorbild ist möglicherweise Attila, der Hunnenkönig.
Auf Kriemhilds Betreiben hin lädt Etzel Kriemhilds Brüder und Hagen zu einem Fest ein. Diese kommen mit großem Gefolge. Weil sie misstrauisch sind, behält Hagen seine Waffen, eine grobe Beleidigung des Gastgebers.
Es kommt zum Streit, zum Kampf zwischen Gastgebern und Gästen samt deren Gefolge. Alle Gäste werden getötet. Gunther stirbt auf Befehl Kriemhilds. Hagen wird von Kriemhild selbst enthauptet. Kriemhild wird danach von Hildebrand, einem Gefolgsmann Hagens, getötet.

SAGE, LIED

Es existieren zwei Sagenstränge in verschiedenen Fassungen: alten Liedern, Heldensagen. Beide berichten von Aufstieg und Untergang zweier Völker: der Burgunden und der Niflungen/Nibelungen.

Im Nibelungenlied werden diese verschiedenen Fassungen zusammengeführt. Namen, Orte und „Historie“ variieren je nach Fassung mehr oder weniger. Teile weiterer Sagen werden eingewoben, weitere Personen bekommen tragende Rollen. Die älteste erhaltene Niederschrift des Nibelungenlieds stammt aus der Zeit um 1200.

In den vergangenen Jahrhunderten gab es einen regelrechten Nibelungen-Hype. Kinder und Straßen wurden nach diesen „Heldinnen und Helden“ benannt. Die bekannteste Nachdichtung ist der aus vier Teilen bestehende Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner
Auch die Stummfilmklassiker „Die Nibelungen“ von Fritz Lang (1924) sind heute auf youtube zugänglich. Dazu kommen unzählige weitere künstlerische Werke und Benennungen: von Baumalleen über Stadtviertel bis hin zu Museen.
Dass sich die NS-Ideologie dieses „Nationalepos“ bemächtigt, vereinnahmt, ausgeschlachtet und instrumentalisiert hat, bis hin zur sog. Dolchstoß-Legende, ist kein Ruhmesblatt. Die Nachwirkungen sind bis heute spürbar.

Nürnberg – mit eigener Recherche

im „Nibelungenviertel“:
Brunhildstraße, Nürnberg-Bleiweiß
Kriemhildstraße, Nürnberg-Bleiweiß

Weitere Orte – ohne gesonderte Recherche

Mittelfranken

Kriemhildstraße, Zirndorf (Landkreis Fürth)
Brunhildstraße, Burgthann (Landkreis Nürnberger Land)
Kriemhildstraße, Lauf an der Pegnitz (Landkreis Nürnberger Land)
Brunhild-, Kriemhild-, Sieglindenstraße, Schwarzenbruck (Landkreis Nürnberger Land)
Brunhild-, Kriemhildstraße, Hilpoltstein (Landkreis Roth)
Brunhild-, Kriemhildstraße, Roth (Landkreis Roth)
Brunhild-, Kriemhildstraße, Wendelstein (Landkreis Roth)

Oberfranken

Brunhild-, Kriemhildstraße, Bayreuth (Grüner Baum) – siehe dazu auch den eigenen Abschnitt auf der Seite „Mythos und Sage
Brunhild-, Kriemhildstraße, Helmbrechts (Landkreis Hof, Saale)
Brunhild-, Kriemhildstraße, Uteweg, Hof (Saale), Innenstadt

Oberpfalz

Kriemhildenstraße, Weiden (Rehbühl) (Weiden)
Brunhildstraße, Rothenstadt (Weiden)

Nachbarinnen der Metropolregion

Brunhild-, Kriemhildstraße, Regensburg (Kumpfmühl-Ziegetsdorf-Neuprüll) (Regensburg)

Nachweise in den jeweiligen Straßenverzeichnissen.

🔍 weiterführende Links (aufklappen)

Grundlagen

Hintergrund & Einordnung

NS-Vereinnahmung

  • Das ›Nibelungische‹ und der Nationalsozialismus – kostenpflichtig transcript Verlag
  • Das Nibelungenlied als Instrument der Nationalsozialisten – Vorschau frei, Volltext kostenpflichtig GRIN

Film

  • Die Nibelungen (Fritz Lang, 1924) YouTube

    Recherche Stand: 05.2026