Missing Icons: Andrea Knobloch und Ute Vorkoeper

Der Bürgersteig bricht auf. 200 Quadratmeter hellrotes Gummigranulat füllen die Risse, federnd, fleischfarben, unübersehbar. Mitten in Hamburgs Innenstadt, vor dem ehemaligen Sitz von Gestapo und Polizei. Wer darüberläuft, spürt, dass sich das Lufen anders anfühlt als das Gehen über die harten Pflasterstein.

„Stigma“ heißt das Werk, das Andrea Knobloch und Ute Vorkoeper 2022 in Hamburg realisierten: eine Narbe im Bürgersteig als Erinnerungszeichen. Ein Jahr zuvor hatten sie auf dem Nelson-Mandela-Platz in Nürnberg einen Rohdiamanten in einer durchsichtigen Acrylglasstele installiert: in Lebensgröße, der Diamant dort, wo das Herz wäre.
Zwei Werke, zwei Städte, ein Prinzip: Sie machen sichtbar, was verdrängt, vergessen oder übersehen wurde. Und sie tun das so, dass man nicht wegschauen kann.

Seit 2017 arbeiten Andrea Knobloch und Ute Vorkoeper unter dem gemeinsamen Label ‚missing icons‘. Der Name ist Programm: fehlende Ikonen, abwesende Bilder, Leerstellen im kollektiven Gedächtnis.

Andrea Knobloch, 1961 in Hamburg geboren, studierte Bildhauerei an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und an der Kunstakademie Düsseldorf. Ute Vorkoeper, 1963 in Dortmund geboren, studierte Kunst und Deutsch, promovierte 1997 und arbeitete danach als freiberufliche Autorin und Kuratorin. Zwei Biografien, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Zwei Künstlerinnen, die sich 2013 zu einer Zusammenarbeit fanden, aus der 2017 ein gemeinsames Label wurde

Sie materialisieren Verdrängtes, Verschwundenes, Unbestimmtes und Unvorstellbares im öffentlichen Raum. So beschreiben sie ihre Arbeit selbst. Was das bedeutet, zeigt sich in den Wettbewerben, die sie gewinnen, und in der Art, wie sie arbeiten: ortsspezifisch, prozesshaft, körperlich erfahrbar. Die bildhauerischen Realisierungsprozesse sind Belastungsproben für alle Beteiligten.

Ihre Werke werden oft als Gegen-Denkmäler eingeordnet, und der Begriff passt: Sie erinnern nicht durch Erhöhung, sondern durch Eingriff. Kein Sockel, keine Tafel, kein Zeigefinger.
Der Rohdiamant in Nürnberg erklärt Nelson Mandela nicht. Er stellt eine Frage über Widerstandsfähigkeit, über das, was unter Druck entsteht. Die Narbe in Hamburg erklärt die NS-Geschichte des Stadthauses nicht. Sie lässt die Passantinnen und Passanten sie am eigenen Körper wahrnehmen – bis hin, dass man sich scheut, auf der Narbe zu laufen.

Der Bruch zwischen Vergessen, Erinnerung oder auch Nicht-Wissen wird für alle körperlich erfahrbar.

Nicht alle sind einverstanden.
„Stigma“ löste in Hamburg auch Protest aus: zu wenig erklärt, zu ästhetisch, zu wenig Kontext für die Opfer der NS-Verfolgung.
Das „Nelson-Mandela-Denkmal“ mit seinem Rohdiamanten sorgte in Nürnberg für heftige Diskussionen: zu empfindliches Material, zu sehr Beschädigungen und Zerstörungswut herausfordernd
Die Kritik zeigt, dass Denkmäler von der Bevölkerung wahr genommen werden, dass diese Debatten bis hin zu Aggressionen und Drohungen auslösen können.
Die Kunst der ‚missing icons‘ führen regelmäßig zur Auseinandersetzung mit ihrer Kunst, zu heißen Diskussionen.

Das ist kein Nebenprodukt – das ist das Ziel. Wer diskutiert, setzt sich auseinander. Wer sich auseinandersetzt, eignet sich an. Und erst dann, wenn ein Denkmal wirklich Teil der Stadt geworden ist, darf es im Alltag unsichtbar werden – nicht weil es vergessen wurde, sondern weil es angekommen ist. Demokratie braucht genau diesen Prozess.

🔍 Weiterführende Links

  • missing icons, Website: missingicons.de (Webseite wurde aufgegeben)
  • Künstlerinnen-Profil: sh-kunst.de
  • „Rolihlahla“ in Nürnberg: marktspiegel.de
  • „Entsiegelter Raum im Zentrum“ german-architects
  • „Stigma“ fertiggestellt: hamburg.de
  • Missing Icons STIGMA Dokumentation: filmische Dokumentation, die ihren Platz in der ständigen Ausstellung an der Gedenkstätte finden wird. Frischer Film
Denkmäler für Frauen

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