Minna Canth. Käthe Kollwitz – Staffelübergabe

Auch wenn ihre Lebensdaten es nahelegen: persönlich gekannt haben sich die beiden sicher nicht.
Minna Canth (* 19. März 1844 in Tampere, Großfürstentum Finnland; † 12. Mai 1897 in Kuopio, Großfürstentum Finnland), geboren als Ulrika Wilhelmina Johnsson, finnische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin.

Käthe Kollwitz (geb. Schmidt; * 8. Juli 1867 in Königsberg, Preußen; † 22. April 1945 in Moritzburg bei Dresden), Grafikerin, Malerin und Bildhauerin, zählt zu den bekanntesten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts.

Minna Canth (* 19. März 1844 in Tampere, Großfürstentum Finnland; † 12. Mai 1897 in Kuopio, Großfürstentum Finnland); finnische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin

Minna Canth (1844 – 1897)

Käthe Kollwitz (1867 - 1945); by Hugo Erfurth_1928

Käthe Kollwitz (1867 – 1945), von Hugo Erfurth 1928

Und doch könnte man von einer „stillen Staffelübergabe“ sprechen.

Vielleicht hätten sie sich nicht gemocht. Zu unterschiedlich die Temperamente, zu verschieden die Länder. Und doch hätten sie einander verstanden: den Geruch schlechter Wohnungen, das Gewicht schlechter sozialer Verhältnisse, die Müdigkeit der Frauen, die keine Sprache für ihre Sorgen und Nöte haben, die rechtliche Benachteiligung von Frauen.

Beide setzten sich mit demselben Thema auseinander. Und doch: Das Ergebnis ihrer Arbeiten könnte nicht unterschiedlicher sein. Sprache hier, Bild und Skulptur dort.

MINNA CANTH

Heute steht sie aus Bronze an einem Pult in Jyväskylä, mitten in Finnland. Neben ihr ein aufgeschlagenes Buch. Sie schaut nicht in die Kamera, nicht ins Publikum. Sie schaut, als würde sie jeden Augenblick weiterlesen, weiterschreiben. Der Granitsockel trägt ihren Namen: MINNA CANTH. Kein Titel. Kein Amt. Keine Beschreibung. Nur der Name in Großbuchstaben.

Warum auch? In Finnland kennt sie buchstäblich jedes Kind: Jedes Jahr, am 19. März, dem Geburtstag von Minna Canth, ehrt ganz Finnland sie mit einem eigenen Flaggentag, den „Tag der Gleichstellung“. Sie ist die erste Frau, der Finnland diese Ehre erwies.
Ihr Theaterstück „Die Frau des Arbeiters“ wurde zum Auslöser, oder zumindest zum „letzten Tropfen“, dass der finnische Ständetag wenig später das Ehegüterrecht reformierte: Frauen konnten fortan frei über Vermögen und Arbeitsverdienst verfügen.
Ihrem Engagement wird auch zugeschrieben, dass Finnland im Jahr 1907, zehn Jahre nach ihrem Tod, als erstes europäisches Land das Frauenwahlrecht einführte.

Und doch zeigt die Bronze nicht die ältere, erfolgreiche Schriftstellerin, keine Heilige, keine Siegerin der Geschichte, von der Bevölkerung gefeiert, von den Mächtigen gefürchtet und gehasst. Nein, die Bronze in ihrer Heimatstadt zeigt sie als junge Seminaristin in Jyväskylä, eine Frau im Übergang zwischen Bildung und Öffentlichkeit.
Die Statue steht seit 1962 im Kirkkopuisto, im „Kirchenpark“, dem Stadtpark rund um die Kirche im Zentrum der Stadt.

Die Statue feiert keine Vollendung. Sie zeigt eine ergriffene Chance, die Minna wahrlich nicht in den Schoß gefallen ist.

Als Mädchen, als Kind eines Arbeiters stieß ihr formaler Bildungsanspruch an die Grenzen männlich dominierter Bildungseinrichtungen. Sie bildete sich also selbst fort und las viele zeitgenössische Autoren, etwa Henrik Ibsen. Sie fing am Lehrerseminar in Jyväskylä an, dem ersten in Finnland, das Frauen zuließ. Dann heiratete sie ihren Lehrer. Und, ganz der Tradition entsprechend, brach sie das Studium ab. Beide bekamen sieben Kinder. Er stirbt als sie 35 Jahre alt ist.
Ein Textilgeschäft dient fortan als Einkommensquelle. Ihre Leidenschaft gehört aber dem Schreiben: Keine Liebesromane, keine Mädchenbücher, keine Kochbücher und keine medizinischen Ratschläge: Themen, die man Frauen zugestand.

Mit ihren Artikeln, Theaterstücken und Erzählungen schrieb sie gegen soziale Härte, gegen Doppelmoral und gegen die rechtliche Ohnmacht von Frauen an. Sie schrieb über Frauen, die man sonst nicht auf die Bühne ließ: Arbeiterfrauen. Frauen, die tranken oder deren Männer tranken. Frauen, die keine Wahl hatten. 1885 erschien ihr Stück „Työmiehen vaimo“ – die Frau des Arbeiters. 1888 „Kovan onnen lapsia“ – Kinder des harten Schicksals. Mehrere ihrer Werke waren zeitweise verboten.

Ihre Muttersprache war Schwedisch, sie sprach Französisch, aber sie schrieb vorwiegend auf Finnisch. Literarisch gilt sie als führende Repräsentantin des finnischen Realismus.

Rund 1.500 Kilometer südlicher, in Berlin, begann zur selben Zeit KÄTHE KOLLWITZ dieselben Frauen zu zeichnen. Nicht zu beschreiben, zu zeichnen. Käthe Kollwitz, Tochter eines Maurers/Bauunternehmers und Laienpredigers aus Königsberg, lebte seit ihrer Heirat 1891 im Prenzlauer Berg, wo ihr Mann Karl als Armenarzt praktizierte. Seine Patientinnen wurden ihre Motive: erschöpfte Mütter, hungernde Kinder, Frauen mit hochgezogenen Schultern.

1893 – im Jahr, in dem Canth noch lebte und schrieb – sah Kollwitz die Uraufführung von Gerhart Hauptmanns Drama „Die Weber“. Sie begann sofort mit ihrer eigenen Antwort darauf: dem Radierzyklus „Ein Weberaufstand“, sechs Blätter, entstanden bis 1897. Kaiser Wilhelm II. verweigerte ihr dafür eine Auszeichnung. Das Urteil für ihre Arbeiten „Rinnsteinkunst“ wird Kaiser Wilhelm II. zugeschrieben.

Canth starb am 12. Mai 1897. Im selben Jahr wurde Kollwitz‘ Zyklus fertiggestellt.

Beide richteten ihren Blick auf Menschen unter Druck. Und besonders auf Frauen, die gesellschaftliche Härte oft als Erste tragen.
Beide resignierten nicht angesichts der erdrückenden Zustände, an der Rechtlosigkeit der Frauen.
Beide kämpften mit ihren künstlerischen Mitteln dagegen an.

In ihren Heimatländern sind beide bis heute sichtbar geblieben – nicht nur in Büchern und Museen, sondern auch in Bronze.

Minna Canth:
Finnland erinnert an sie jedes Jahr mit einem „Flaggentag“. Dazu erinnern mindestens fünf große Bronzestatuen öffentlich an sie in:

  1. Kuopio (1937): die bekannteste Statue im Minna-Canth-Park, geschaffen von Eemil Halonen. Eine sitzende Bronzeplastik.
  2. Harjavalta (1912): eine frühe Minna-Canth-Skulptur von Emil Cedercreutz im Minna-Canth-Museum.
  3. Tampere (1951): „Nuori Minna“ („Junge Minna“) von Lauri Leppänen.
  4. Jyväskylä (1962): ebenfalls die junge Minna, „Nuori uneksija“ („Junge Träumerin“) von Pauli Koskinen.
  5. Kuopio (1972): „Nousee“ („Erhebt sich“) von Heikki Varja.

Käthe Kollwitz
Es gibt es mindestens vier bekannte Bronze-Denkmäler im öffentlichen Raum in Deutschland:

  1. Käthe-Kollwitz-Denkmal auf dem Kollwitzplatz in Berlin-Prenzlauer Berg (1961, Gustav Seitz) – die bekannteste sitzende Figur.
  2. Käthe-Kollwitz-Denkmal in Weimar am Zeppelinplatz (1979, Anke Besser-Güth) – lebensgroße Bronzestatue gegenüber der Käthe-Kollwitz-Schule.
  3. Eine Bronze-Ausführung der Seitz-Figur in Magdeburg (1988), heute im Skulpturenpark des Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen.
  4. Eine kleinere Bronze-Version in Trebnitz vor Schloss Trebnitz (seit 2015).

Und ein Denkmal von sich hat Käthe Kollwitz selbst hinterlassen: für ihren toten Sohn. Das ist eine andere Geschichte. Sie steht hier: [Link, sobald der Artikel erscheint.]

🔍 weiterführende Links (aufklappen)

Minna Canth – Biografie & Kontext

Minna Canth – Denkmäler & Standorte

Käthe Kollwitz – Biografie & Werk

Käthe Kollwitz – Denkmäler & Standorte

Denkmäler für Frauen

Werden Sie selbst zur Forscher*in – auf vier Wegen:

Denkmäler entdecken
Gezielt nach Lage suchen
Biografien lesen
Für wen ist das Denkmal?
Muster erkennen
Wann errichtet? Was fällt auf?
Analog erkunden
„Jyväskylä“ ins Navi – und los!
Statement der "Südstädterin": Biografien sind politisch. Sichtbarkeit ist eine Machtfrage. (Stadt-)Geschichte ist nicht neutral. Hier geht es um Frauen. Punkt. Global & europäisch – Geschichte endet nicht an Grenzen.