Die Entwicklung der Schulbildung in Cilli/Celje 1770–1918

Mädchenbildung in Cilli und der Untersteiermark im 19. Jahrhundert: Mädchenbildung zwischen Tradition, Reform und nationaler Sprachenfrage

Cilli/Celje war im 19. Jahrhundert eine Stadt mit der Erfahrung jahrhundertelangem Zusammenlebens zweier verschiedener Kulturen  und Sprachen. Die Stadt ist auch ein Ort, an dem sich die Veränderungen des österreichischen Bildungswesens gut exemplarisch darstellen lassen.

Die Geschichte der Schulen in Cilli zeigt einen überraschenden und erstaunlichen Wandel: Aus einer gemeinsamen Elementarbildung für Knaben und Mädchen entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts ein getrenntes Bildungssystem, in dem Geschlecht, soziale Herkunft und Sprache zunehmend über Bildungswege entschieden.

Die Anfänge: Eine gemeinsame Schule für Knaben und Mädchen

Im habsburgischen Schulwesen des späten 18. Jahrhunderts war Bildung grundsätzlich auch für Mädchen vorgesehen. Die Allgemeine Schulordnung von 1774 unter Kaiserin Maria Theresia führte eine allgemeine Schulpflicht für Kinder beider Geschlechter ein. Die Schuldauer betrug sechs Jahren für alle.

1777 entstand in Cilli eine staatlich organisierte Schule im Zuge der theresianischen Schulreform, die zunächst Knaben und Mädchen gemeinsam besuchten. Aber schon im frühen 19. Jahrhundert begann eine Differenzierung zwischen den Bildungswegen von Jungen und Mädchen.

Die Trennung der Bildungswege

Um 1828/1830 wurde die gemeinsame Schulorganisation in Cilli nach Geschlechtern getrennt. Beide Schulorganisationen entwickelten sich unterschiedlich weiter:

  • Die Knabenschule verfügte über ein breiteres Bildungsangebot mit zusätzlichen Fächern wie Sprachunterricht, Zeichnen und später auch naturwissenschaftlichen Fächern. Die Knabenbildung sollte auf höhere Schulen, Verwaltung, akademische Berufe vorbereiten.
  • Die Cillier Mädchenschule war zunächst eine „Trivialschule“ und bot vor allem grundlegende Kenntnisse in Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion, Handarbeiten und allgemeine häusliche Fähigkeiten. Die Mädchenbildung orientierte sich stark an den damaligen Vorstellungen von Familie, Haushalt und weiblicher Lebensrolle.

Man muss aber festhalten, dass trotz sechsjähriger Schulpflicht nicht alle Kinder die Schule besuchten. Allerdings gab es offensichtlich eine Steigerung von den 1770er Jahren mit ca. 5% zu 1850 mit etwa 50% aller schulpflichtigen Kinder.

Revolution 1848 und ihre Folgen

Grazer Lehrer richteten eine Petition an den Reichstag u.a. mit der Forderung nach Trennung von Kirche und Staat, nach einer Erweiterung des Unterrichtsangebots mit „Realien“ (Naturkunde, Geographie, Geschichte). Dazu forderten sie die Verbesserung des Lehrerberufs in vielerlei Hinsicht, mehr soziale Anerkennung, vor allem auch eine bessere Ausbildung und materielle Besserstellung.

Der Reichstag negierte diese Forderungen. Im Gegenteil: er schloss 1855 das Staatskonkordat mit dem ‚Heiligen Stuhl‘, so dass der Einfluss der Kirche auf das Schulwesen noch größer wurde.

Der Widerstand gegen dieses Konkordat führte schließlich 1869 zu einer Schulreform.

Die Reform von 1869: Der Übergang zur modernen Volksschule

Mit dem Reichsvolksschulgesetz von 1869 begann eine neue Phase des österreichischen Schulwesens. Die bisherigen Trivialschulen [dasTrivium: Lesen, Schreiben und Rechnen] wurden in das neue System der staatlichen, für alle verbindlichen Volksschule eingeordnet.

Die Reform brachte eine einheitlichere Schulorganisation, eine achtjährige allgemeine Schulpflicht, staatliche Regelungen für Ausbildung und Einsatz von Lehrkräften und insgesamt eine stärkere Professionalisierung des Lehrerberufs.

Natürlich galt die neue Volksschulordnung auch für die städtische Mädchenschule in Cilli. Für Mädchen bedeutete dies eine Verbesserung der Grundbildung, aber noch keine Gleichstellung mit den Bildungswegen der Jungen.

Schule und Sprache: Cilli als mehrsprachige Stadt

Die Geschichte der Schulen in Cilli lässt sich nicht von der Sprachenfrage trennen. Die Stadt lag in der Untersteiermark, einem Raum, in dem deutsche und slowenische Sprache und Kultur aufeinandertrafen. Im 19. Jahrhundert wurde die Schule zunehmend auch zu einem Ort, an dem Fragen von Sprache und Zugehörigkeit aufeinanderprallten.
(siehe Kontext-Artikel à Cillier Schulstreit; à Nation und Sprache)

Das Reichsvolksschulgesetz von 1869 überließ die Entscheidung über die Unterrichtssprache und über die Unterweisung in einer zweiten Landessprache den Landesschulbehörden. In Cilli war die Lobby so stark, dass in der städtischen Mädchenschule ausschließlich Deutsch als Unterrichtssprache festgesetzt wurde. Im Umfeld der vorwiegend slowenischsprachigen Landbevölkerung, der slowenischen Nationalbewegung und katholischer Einrichtungen gab es entsprechend slowenischsprachige Festlegungen.

Ob diese konkrete Situation in den Familien Mihalek/Karlin zu Konflikten führte, lässt sich aus den mir verfügbaren Internetquellen leider nicht erschließen.
(siehe Kontext-Artikel à Alma M. Karlins Familie (Überblick)

Mädchenbildung und neue Möglichkeiten

Trotz der Trennung in Mädchen- und Knabenschulen eröffnete die Bildung für Mädchen im Laufe des 19. Jahrhunderts neue Möglichkeiten.

Die Entwicklung zur allgemein verpflichtenden Volksschule führte zu einem akuten Lehrermangel. Junge Lehrerinnen sollten diese Lücke schließen. Damit entstand für bürgerliche Frauen eine der ersten gesellschaftlich akzeptierten Berufsmöglichkeiten außerhalb des Hauses.

Vilibalda Miheljak

Vilibalda Miheljaknutzte diese Chance. Die Mädchenbildung war zwar noch stark begrenzt, aber der Lehrerinnenberuf eröffnete bereits neue Lebenswege. Sie gehörte damit zur ersten Generation von Frauen, die Bildung nicht nur als persönliche Bereicherung, sondern auch als Beruf nutzen konnten.

Genau deshalb wäre es spannend herauszufinden, welchen Ausbildungsweg Vilibalda bis 1870 gegangen ist. Leider schlummern zu diesem Zeitraum noch viele Dokumente in den Archiven und sind noch nicht digitalisiert.

Alma Karlin

Alma Karlin wuchs Ende des 19. Jahrhunderts in einer Stadt auf, deren Bildungslandschaft bereits tiefgreifend verändert war: der Ausbau des Schulwesens, die Professionalisierung des Lehrerinnenberufs, steigende Bildungsansprüche von Frauen und neue Möglichkeiten weiblicher Lebensentwürfe prägten diese Zeit. Zugleich führte die fortschreitende Vereinheitlichung des Bildungswesens zu einer stärkeren Bürokratisierung. Über diese Zeitperiode gibt es deshalb wesentlich mehr Digitalisate.

Auch wenn Alma Karlin gesundheitsbedingt viel „homeschooling“ durch ihre Mutter und private Lehrer erhielt: sie profitierte durch die Gesetze, aber auch durch ihre fortschrittliche, engagierte Mutter von der Öffnung der Mädchenbildung.

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Dieser Artikel ist Teil der Reihe Alma M. Karlin in europäischer Perspektive

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Schulen in Cilli (Celje)
  • Zgodovinski arhiv Celje – Glavna, deška in dekliška osnovna šola Celje (1777–1941) – ZAC
  • Zgodovinski arhiv Celje – Dekliška šola šolskih sester v Celju (1878–1948) – ZAC
Schulgeschichte der Steiermark Schulgesetze
  • Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal-, Haupt- und Trivialschulen (1774) – Wienbibliothek
  • Reichsvolksschulgesetz vom 14. Mai 1869 (RGBl. Nr. 62) – ALEX
  • Nicole Hechenblaikner (2018): Das Reichsvolksschulgesetz und seine Auswirkungen auf das österreichische Volksschulwesenhistoria scribere
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