KI-Oma

Diese Rubrik heißt „KI-Oma“, weil ich keine Digital Native bin und es auch nicht vortäusche. Ich bin eine Frau, die gelernt hat, mit digitalen Werkzeugen zu arbeiten: skeptisch, neugierig, ohne Ehrfurcht. Der Begriff ist keine Selbstverkleinerung. Er ist eine Qualifikation. Und er ist eine Perspektive: Ich beobachte, was neue Medien mit unserer Welt machen – nicht zum ersten Mal.


„The medium is the message.“ Marshall McLuhan, 1964. Ein Satz, der heute mehr stimmt als je zuvor.

Wörtlich übersetzt: „Das Medium ist die Botschaft.“

Erhellend gelesen:
Das MEDIUM – das Mittel, das Handwerkszeug:

→ Schrift auf Stein, auf Papyrus, auf Papier – und heute auf Servern, die niemand sieht.
→ Karren, Dampfschiff, Flugzeug – und heute ein Algorithmus, der in Millisekunden entscheidet, wer ankommt.
→ Fahrrad, Auto – und heute ein Klick.
→ Feldweg, Reichsstraße, Autobahn – und heute eine Plattform, deren Regeln eine einzige Firma schreibt.
→ Das gemalte Porträt, der gegossene Orden, das gedruckte Lexikon – und heute ein Wikipedia-Eintrag, den jede und jeder anlegen, aber auch löschen kann.
→ Dorfrat, Behörde, UN-Organisation – und heute ein Algorithmus, den niemand gewählt hat – und den niemand abwählen kann.

ist die BOTSCHAFT, bestimmt die Kommunikation, entfaltet Wirkung im zwischenmenschlichen Bereich und löst damit gesellschaftliche Transformationen aus.


Welche Auswirkungen hat nun die Erweiterung des öffentlichen Raums durch Internet und KI, allgemein „die Digitalisierung“, im Hinblick auf mein Thema und auf meine Arbeit: „Erinnerungskultur im öffentlichen Raum – Frauen als sichtbare und unsichtbare Akteurinnen“?

Diese Frage ist das Thema dieser Rubrik.
Die Frage ist nicht neu. Neu ist das Medium.

Anfang der 2020er Jahre recherchiert, Quellen verlinkt, fertig. Vor einigen Wochen systematisch nachgeschaut: rund 300 externe Links in sechs Jahren verändert, verschoben, verschwunden. Darunter die einzige mir bekannte Internetquelle für eine bestimmte Frau: eine Hotelchronik, die bei deren Neugestaltung der Website still entsorgt wurde. Den Text hatte ich nicht gesichert. Die Frau ist – wieder – weg.

Der tote Link steht noch in meinen Quellen, wie alle anderen toten Links. Er gibt für künftige Forschungen den Hinweis, dass über diese Stelle das analoge Archiv die einzige nächste Forschungsstelle ist.
Digitale Räume sind kein Archiv, auch wenn sie sich so anfühlen. Das Internet hat Grenzen. Analoge Archive haben sie auch. Aber andere.

Das Beispiel zeigt: Der digitale Raum spiegelt den analogen – aber er konserviert ihn nicht. Er folgt eigenen Regeln, eigenen Verfallsdaten, eigenen Machtverhältnissen.

Was passiert also mit unserer Erinnerungskultur? Wer oder was gewinnt, verliert? Wer oder was hat die Macht im digitalen Raum? Wer oder was entscheidet? Die Diktatur, die nach eigenen Regeln das Netz abschaltet? Tech-Unternehmer? Die „Crowd“? Individuelle Bedingungen wie Wohnort, finanzielle Möglichkeiten, verfügbare Zeit?

Belastbare Antworten über die langfristigen Auswirkungen des erwiterten öffentlichen Raums durch Interet und KI liefern uns vielleicht unsere Ur-Enkel*innen.
Ob sie einmal genauso über uns lächeln wie wir über unsere ‚Altvorderen‘? Lächeln über deren übertriebenen Hoffnungen und genauso übertriebenen Ängste beim Übergang der Pferdekutschenzeit zur dampfbetriebenen Mobilität.


McLuhan: die Originalquelle ist sein Buch „Understanding Media“ (1964), Kapitel 1. Online nachprüfbar über die Internet Archive: archive.org/details/understandingmed00mclu


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