Käthe Kollwitz – Leben, Werk und Haltung

(Überarbeitete Einordnung)

Käthe Kollwitz – bildende Künstlerin – *08.07.1867, Königsberg; †22.04.1945, Moritzburg

In der Stadt Sonneberg erinnert die Käthe-Kollwitz-Straße an die international bekannte Künstlerin. Straßennamen sind im Alltag präsent – und bleiben doch oft unbeachtet. Mit der Benennung wird Käthe Kollwitz dauerhaft im öffentlichen Raum sichtbar. Gleichzeitig bleibt ihre Geschichte im Alltag meist unsichtbar und wird nicht automatisch mitgelesen. Wer war diese Frau, deren Name hier im Stadtraum präsent ist?

„Ich bin einverstanden damit, dass meine Kunst Zwecke hat. Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind“, Käthe Kollwitz, Tagebücher (4.12.1922, TB 542/ Nachlass (überliefert)*.
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Es ist ein persönlicher Gewinn, Straßennamen bewusst zu lesen und als Aufforderung zu verstehen, sich mit den Namengeber*innen zu beschäftigen! Straßenschilder selbst erinnern unaufdringlich an Menschen und Ereignisse, die die Gemeinschaft in der Vergangenheit geprägt haben und auf deren Einfluss die Werte der heutigen Gemeinschaft beruhen.

Käthe Kollwitz zählt zu den bekanntesten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Kunst ist international bekannt. Aber dadurch verschwindet, aus meiner Sicht zu Unrecht, ihr persönliches Leben und die persönlichen Beweggründe für ihre Kunst aus dem Blickwinkel der Öffentlichkeit.

Ihr Leben ist geprägt von den politischen und gesellschaftlichen Bedingungen und Brüchen des letzten Jahrhunderts – mit seinen insgesamt fünf verschiedenen politischen Systemen, mit zwei Weltkriegen und zwei konkurrierenden gesellschaftlichen Systemen.

Ihr eigenes Leben, ihre eigenen Meinungen und Einsichten, ihre Motive für künstlerische Entscheidungen spiegeln diese Vielfalt ebenfalls wider. Und so ist es kein Wunder, dass sie von Zeitgenossen wie Nachfolgegenerationen vor allem in politischer Hinsicht unterschiedlich eingeordnet, beurteilt und vereinnahmt wird – je nach Perspektive und politischem Standpunkt.

Biografisches

Sie wuchs in einer nichtakademischen, aktiven christlichen Familie auf. Ihr Vater, Jurist, Maurer/Bauunternehmer, und Laienprediger einer „Freien evangelischen Gemeinde“, förderte ihr zeichnerisches Talent.

Sie heiratete Dr. Karl Kollwitz, ebenfalls der Freien evangelischen Gemeinde nahe stehend. Er praktizierte als Berliner „Armenarzt“ im Prenzlauer Berg, engagierte sich als SPD-Stadtverordneter.
Soziales Engagement war also selbstverständlicher Teil der Familie.

1892 wird ihr Sohn Hans geboren, 1896 Sohn Peter

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war sie überzeugte Patriotin. Als ihr 18-jähriger Sohn Peter sich freiwillig zum Kriegsdienst melden wollte, war es ausgerechnet Käthe, die den anfangs strikt ablehnenden Vater zur Einwilligung bewegte.
Erst Peters Tod im Oktober 1914 in Flandern – kaum zwei Wochen nach seinem Einsatzbeginn – machte sie zur lebenslangen Pazifistin.

Hans benannte seinen ersten Sohn nach seinem Bruder. Dieser Enkel Peter starb 1942 im 2. Weltkrieg an der Ostfront.
Für Käthe doppelt bitter: Enkel Peter war Anhänger der Nationalsozialisten und weigerte sich, „der Enkel von Käthe Kollwitz“ zu sein.

Künstlerisches

Käthe erhält eine künstlerische Ausbildung bei verschiedenen Künstlern und Institutionen in verschiedenen Städten. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit Künstlern und Stilrichtungen.
München wird in vieler Hinsicht prägend: sie setzt sich dort mit der „naturalistischen Freilichtmalerei“ auseinander. Max Liebermann wird zu ihrem Vorbild. Sie beginnt, sich intensiv mit dem Arbeiterleben in seinen charakteristischen Situationen zu beschäftigen. Sie beginnt, sich mit der Geschlechterproblematik auseinander zu setzen.

Kollwitz erstellt Radierungen, Lithografien, Holzschnitte, Zeichnungen und Plastiken.
Sie bekommt künstlerische Anerkennung, auch international.
Sie erlebt aber auch Ablehnung
– wegen ihrer Themen: Trauer und Tod, Armut und Arbeit, Liebe und Mutterschaft, Protest und Widerstand
– weil sie eine Frau ist. Bekanntestes Beispiel: der Kaiser verweigert ihr mit dieser Begründung den „Preußischen Staatspreis für Kunst“ im Jahr 1919.

Sie engagiert sich in Kunstverbänden. 1913 ist Käthe Kollwitz Mitbegründerin und bis 1923 erste Vorsitzende des Frauenkunstverbandes

1919 wird sie als erste Frau ordentliches Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und gleichzeitig zur Professorin ernannt.

Ihr allgemein bekanntestes Werk ist das Plakat „Nie wieder Krieg!“ (1924), das nach dem 2. Weltkrieg zu einem wichtigen Symbol der Friedensbewegung wurde.

1929 wird ihr als erster Frau am 29. Mai 1929 der Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste verliehen.

Seit 1960 erinnert der Käthe-Kollwitz-Preis der „Akademie der Künste, Berlin“ an Mitgliedschaft und Wirken von Käthe Kollwitz in der Institution sowie an ihren von den Nationalsozialisten erzwungenen Austritt 1933.

Politisches

1919 wird sie Mitglied im Hauptausschuss des Bundes Neues Vaterland (ab 1922 Deutsche Liga für Menschenrechte)

1927 reist sie, zusammen mit ihrem Mann, als Mitglied der Gesellschaft der Freunde des Neuen Russland zu den Feierlichkeiten des 10. Jahrestages der Oktober-Revolution in Moskau und zum Weltkongress der Freunde der Sowjetunion.

Käthe Kollwitz war nie Mitglied einer Partei, empfand sich aber als Sozialistin.
1932 initiierte sie gemeinsam mit Heinrich Mann und Albert Einstein einen Aufruf zur Zusammenarbeit von SPD und KPD – Mitunterzeichner neben Karl Kollwitz: u.a. Erich Kästner, Ernst Toller und Arnold Zweig.

Dazu unterschrieb sie 1933 den „Dringenden Appell zum Aufbau einer einheitlichen Arbeiterfront gegen den Nationalsozialismus“.

1937 werden im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ Arbeiten von K. Kollwitz aus mindestens elf deutschen Museen beschlagnahmt.

Erinnerung und politische Vereinnahmung nach ihrem Tod

In Westdeutschland geehrt als: Trösterin, aufopfernde Mutter, christlich-bürgerliches Idol .
In der DDR geehrt als: Anti-Faschistin und Verfechterin des Proletariats.

Viele Straßen, Museen, Schulen … sind nach ihr benannt.
Der Asteroid „Kollwitz (8827)“ trägt ihren Namen.

map von "Landkreis Sonneberg", Thüringen, das zur Europäischen Metropolregion Nürnberg gehört.

Was bleibt?

Was bleibt, wenn man die Lebensstationen dieser Frau anschaut?
Eine Frau, die von Kindheit an für ihre Kunst brannte. „In mir war Zielrichtung.“ sagte sie 1941 in Rückschau.
Eine Frau, die ihr Leben lang gegen frauenfeindlicheVorurteile und Diskriminierungen ankämpfte.
Eine Mutter, die 1914 selbst dafür eintrat, dass ihr 18-jähriger Sohn Peter in den Krieg ziehen durfte – und ihn wenige Wochen später verlor.
Eine Künstlerin, die 18 Jahre an einem einzigen Mahnmal arbeitete, um diesen Verlust in Stein zu hauen.
Eine Großmutter, die erlebte, wie ihr 21-jähriger Enkel – nach dem toten Sohn benannt – als Nationalsozialist starb und sich weigerte, „ihr Enkel zu sein“.
Und die das alles aushielt, ohne zu schweigen. Vielleicht erklärt das, warum uns ihre Kunst bis heute nicht gleichgültig läßt.

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Stand: 04.2026