| Die Artikelreihe: Alma M. Karlin in europäischer Perspektive |
Seiteninhalt
Überraschendes — Ursprüngliche Bedeutung von „Industrie“ — „Industrieschulen“ finden sich im ganzen deutschsprachigen Raum — Beispiele: Wie unterschiedlich eine „Industrieschule“ aussehen konnte — Fazit — Weiterführende Links und Originalquellen
Überraschendes
Was haben eine steirische Lehrersfrau, eine evangelische Pfarrfrau, eine katholische Wirtschafterin, arme Mädchen in Fürth, Bayern, und eine Spinnschule im Ausseerland, in der Nordweststeiermark, gemeinsam?
Auf den ersten Blick: so gut wie nichts.
Doch sie gehören zu einer europäischen Geschichte, die heute fast vollständig aus dem Blick geraten ist: der Geschichte der „Industrieschulen“.
Eine „Industrieschule“ war im 19. Jahrhundert nämlich häufig etwas ganz anderes als eine institutionelle Schule mit eigenem Gebäude, wie wir sie heute verstehen. Manchmal war sie Unterricht im Schulzimmer, manchmal Unterricht an einem Sonntagnachmittag im Pfarrhaus, manchmal Teil einer Mädchenschule. Und manchmal offenbar kaum mehr als eine regelmäßig organisierte Gruppe von Mädchen, die von einer kundigen Frau Nähen, Stricken oder Spinnen lernten.
Das klingt zunächst nach dem üblichen Handarbeitsunterricht, nach bürgerlicher Frauenbeschäftigung. Aber dahinter steckte mehr.
Ursprüngliche Bedeutung von „Industrie“
Dazu muss man wissen, dass „Industrie“ damals eine andere Bedeutung hatte als heute. Das Wort bezeichnete zunächst nicht Fabriken und Maschinen, sondern Arbeitsamkeit, Fleiß, Geschicklichkeit und eine nützliche, produktive Tätigkeit. „Industrie“ konnte also bedeuten, dass jemand etwas fleißig und geschickt betrieb oder herstellte. Entsprechend wurden frühe Industrieschulen auch als „Erwerbsschulen“ bezeichnet: Sie sollten Menschen – besonders Mädchen aus ärmeren Schichten – an regelmäßige Arbeit gewöhnen und ihnen praktische Fertigkeiten vermitteln.
Bei Mädchen bedeutete das häufig Nähen, Stricken, Spinnen, Flicken oder andere weibliche Handarbeiten. Es ging dabei nicht nur um Beschäftigung. Die erworbenen Fertigkeiten sollten nützlich sein, zum selbstständigen Auskommen beitragen oder zumindest die wirtschaftliche Situation einer Familie verbessern.
Der Begriff „Industrieschule“ bezeichnete deshalb zunächst weniger eine bestimmte Schulform als eine Vorstellung von Bildung durch nützliche Arbeit. Je nach Ort und Zeit konnte sich dahinter sehr Unterschiedliches verbergen: eine Schule für arme Kinder, eine Sonntagsschule mit praktischer Fortbildung, eine Mädchenklasse oder auch eine kleine, von einer einzelnen Frau geleitete Handarbeitsgruppe. Sie sollten Mädchen beschäftigen, erziehen, aber vor allem praktisch ausbilden: für den eigenen Bedarf, für den Dienst in einem Haushalt oder für die lebensnotwendige und deshalb weit verbreitete Erwerbsarbeit zu Hause.
„Industrieschulen“ finden sich im ganzen deutschsprachigen Raum
Sie finden sich in katholischen und evangelischen Gemeinden, in Österreich und Deutschland, in jüdischen Gemeinden und in unterschiedlichen lokalen Organisationsformen.
Manchmal übernahm eine Pfarrfrau die Leitung, manchmal eine Lehrersfrau. Anderswo eine Lehrerin, eine Ordensfrau oder eine andere kundige Frau.
Der Pfarrer konnte die Aufsicht führen, die Gemeinde die Kosten übernehmen, eine Stiftung Material finanzieren. Und im Hintergrund stand oft der Schulmeister: per Anstellungsvertrag meist zugleich Organist und Mesner, einer der wenigen Menschen im Ort mit höherer Bildung.
Die Industrieschule war deshalb weniger eine Schulform als ein soziales Modell.
Und wie wir sehen werden, konnten aus solchen unscheinbaren Unterrichtsangeboten langfristig offizielle Ausbildungswege entstehen: von der weiblichen Handarbeitsbildung über die berufliche Fortbildung bis hin zur Berufsschule.
Beispiele: Wie unterschiedlich eine „Industrieschule“ aussehen konnte
Dechantskirchen 1819: Die Lehrersfrau im Schulzimmer
Unser steirischer Ausgangspunkt führt nach Dechantskirchen. 1819 wurden dort vier Mädchen von Dorothea Moser, der Frau des Lehrers, in Nähen und Stricken unterrichtet. Der Unterricht fand sonntags von 15 bis 16 Uhr im Schulzimmer statt. Im Winter wurde teilweise zweimal wöchentlich unterrichtet. Später übernahm Cäcilia Wadegger den Unterricht. Die Anzahl der Schülerinnen wuchs über die Jahre auf bis zu zwölf Mädchen.
Pflindsberg im Ausseerland 1843: Spinnen als wirtschaftliche Fähigkeit
Noch deutlicher wird der wirtschaftliche Charakter 1843 bei Pflindsberg im Ausseerland. Georg Göth nennt dort ausdrücklich eine „Industrie-Mädchenschule“. Unterrichtet wurde das gleichzeitige Spinnen von zwei Fäden. D.h. es ging um „Spinnen für Fortgeschrittene“: Eine Spinnerin erzeugtzwei einzelne Fäden gleichzeitig mit beiden Händen mit einem entsprechend eingerichteten Spinnrad mit zwei Spindeln/Flyer gleichzeitig.
Hier wird besonders schön sichtbar, was mit „Industrie“ gemeint war: eine handwerkliche Fähigkeit mit wirtschaftlichem Wert. Die Mädchen lernten etwas, das sich in Arbeit und Einkommen übersetzen ließ.
St. Blasien 1843: Industrieschule und Sonntagsschule nebeneinander
Ebenfalls 1843 nennt Göth für St. Blasien bei Admont 61 Schüler der Sonntagsschule und 48 Mädchen der Industrieschule.
Die Industrieschule war also nicht einfach ein anderes Wort für die Sonntagsschule. Beide gehörten aber offenbar zu derselben Welt der ergänzenden Bildung. Die Sonntagsschule, bei manchen Quellen auch „Wiederholungsschule“ genannt, vertiefte nach der Schulzeit elementaren Kulturtechniken und die religiös-sittliche Unterweisung. Die Industrieschule vermittelte praktische weibliche Arbeitsfertigkeiten.
Fürth 1824: Vorläufer der beruflichen Fortbildung
Ein besonders aufschlussreiches Beispiel finden wir in Fürth, Bayern.
Dort entstand 1824 eine „Sonntags-Industrieschule für Mädchen“. Für Handwerkslehrlinge wurde 1833 eine „Sonntags-Zeichnungsschule“ eingerichtet. Beide zusammen gesehen lassen erkennen, dass es im breiten Sinn um berufsbezogenr Inhalte handelte.
In seiner Doktorarbeit „Die Entwicklung der fränkischen Industriestadt Fürth im 19. Jahrhundert“ an der Universität Bamberg beschreibt Oliver Bender, dass diese beiden Einrichtungen „als Vorläufer der Berufsschulen gelten“ können.
Nicht überall verlief die Entwicklung so. Aber Fürth zeigt, wie aus dem ursprünglichen sozialen und pädagogischen Modell eine moderne berufliche Bildungsinstitution entstehen konnte.
Vöcklabruck 1843: Die Altersfrage
Eine andere Variante zeigt Vöcklabruck. Der katholische Priester Sebastian Schwarz gründete 1843 eine private Industrie- und Arbeitsschule für Mädchen im Alter von sechs bis vierzehn Jahren. Unterrichtet wurde dreimal wöchentlich in Handarbeiten.
Hier zeigt sich deutlich, dass „Industrieschule“ nicht standardisiert war. Die Altersstruktur war offenbar lokal unterschiedlich.
Urslau 1804: die Wirtschafterin des Seelsorgers unterrichtet
Im salzburgischen Urslau unterrichtete die Wirtschafterin des Seelsorgers die Bauernmädchen der Gegend in weiblichen Handarbeiten. Das passt zu einer Gesellschaft, in der praktische Fähigkeiten von Frauen meist außerhalb formaler Berufsqualifikationen weitergegeben wurden.
Möttlingen (bei Bad Liebenzell) 1841: Die ev. Pfarrfrau Doris Blumhardt gründet die erste Näh- und Strick-Anlernschule
Sie begann mit einer wöchentlichen Nähstunde. Daraus entwickelte sich eine Strick- und Nähschule und schließlich eine Industrieschule für Mädchen mit eigener Lehrerin. Der Unterricht fand nachmittags im „Schullokal“ (der Dorfschule im Rathaus) statt.
Der Pfarrer übernahm die Aufsicht; später wurde er vom örtlichen Schulstiftungsrat offiziell mit dieser Aufgabe betraut.
Die beiden Lehrerinnen waren natürlich keine ausgebildete Lehrerinnen im heutigen Sinn, sondern kenntnisreiche und kinderliebe Frauen aus dem Dorf.
Die zweite Lehrerin der Schule wurde später die erste Möttlinger Kindergärtnerin.
Laupheim 1838: Industrieschule als Armen- und Wirtschaftsprojekt
In Laupheim entstand 1838 eine Industrieschule „„für Frauenarbeiten und zur hauswirtschaftlichen Fortbildung der Jungfrauen“. Sie wurde von einer Lehrschwester der Franziskanerinnen in Sießen geleitet und durchgeführt.
1888 wurden an vier Wochenstunden 328 Mädchen in Nähen, Stricken, Häkeln, Strammen- und Weißnähen, Flicken und Stopfen unterrichtet. Die dort gefertigten Arbeiten wurden zugunsten der öffentlichen Kasse versteigert. Die Mädchen bekamen zur Belohnung kleine Sachgeschenke.
1892 wurde sie der öffentlichen Schulaufsicht unterstellt
Breslau 1801 -1922: „Industrieschule für israelitische Mädchen“:
Die ursprüngliche „Industrieschule für arme israelitische Mädchen“ gilt als eine der ältesten Institutionen und die erste jüdische in Deutschland zur Bildung und Erziehung von Mädchen und jungen Frauen. Die Schule war ursprünglich nur für Mädchen aus dem Waisenhaus vorgesehen, die älter als zehn Jahre sein sollten. Sie bekamen eine Allgemeinbildung, aber sie wurden auch auf die Anforderungen einer den Religionsgesetzen gemäßen Haushaltsführung vorbereitet.
Freudental 1825 (Oberamt Besigheim, Königreich Württemberg): Sonntagsschule und Mädchen-Industrieschule
1825 entschloss sich die jüdische Gemeinde Freudental zur Einrichtung einer eigenen israelitischen Elementarschule. Der evangelische Pfarrer Ludwig Eduard Fleischmann entwarf dazu eine neue Schulkonzeption. Sie sah neben der eigentlichen Schule unter anderem die Einführung einer Sonntagsschule und einer „Mädchen-Industrie-Schule“ vor.
Diese Einrichtungen blieben nicht bloße Planung. Fleischmann berichtet später, „Sonntags- und Mädchen-Industrie-Schule, beides eine Art Berufsschule, wurden gerne besucht“. Damit ist für Freudental nicht nur die geplante Einrichtung einer Mädchen-Industrieschule, sondern auch ihre tatsächliche Durchführung belegt.
Die Entwicklung steht im Zusammenhang mit der Neuordnung des israelitischen Schulwesens im Königreich Württemberg. Das württembergische Volksschulgesetz vom 29. September 1836 bestimmte, dass eine politische Gemeinde eine Schule für die Kinder einer Konfession einzurichten und zu unterhalten hatte, wenn mindestens 60 Familien dieser Konfession dort ansässig waren. Diese Regelung ermöglichte auch Freudental eine staatliche Konfessionsschule.
Für die Geschichte der Industrieschulen ist Freudental besonders aufschlussreich: Bereits 1825 erscheint die „Mädchen-Industrie-Schule“ als Teil eines erweiterten Schulkonzepts; Fleischmann charakterisiert sie rückblickend zusammen mit der Sonntagsschule ausdrücklich als „eine Art Berufsschule“. Die Industrieschule steht damit deutlich im Zusammenhang mit praktischer bzw. erwerbsorientierter Mädchenbildung.
Fazit
Die Industrieschule war nicht die Berufsschule. Aber sie gehört zu deren Vorgeschichte. Aus zunächst lokal, kirchlich, kommunal oder privat organisierten Formen praktischer Mädchenbildung entstanden im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend institutionalisierte Formen beruflicher Fortbildung.
Damit veränderte sich auch das Verständnis davon, was Mädchen lernen sollten und wozu diese Bildung dienen konnte: vom richtigen Wirtschaften im eigenen Haushalt über die Fähigkeit, als Dienstbotin oder Näherin ihren Lebensunterhalt zu verdienen, bis hin zu neuen gewerblichen Frauenberufen.
Die Geschichte der Industrieschule ist damit eine frühe Geschichte weiblicher Berufsbildung.
Und sie zeigt einen grundlegenden Wandel: Was zunächst als soziale Aufgabe von Pfarre, Gemeinde, Wohltätigkeit und lokalen Gemeinschaften organisiert wurde, wurde im späteren 19. Jahrhundert zunehmend zu einer öffentlichen und staatlich geregelten Bildungsaufgabe.
***
→ Dieser Artikel ist Teil der Reihe Alma M. Karlin in europäischer Perspektive
→ Alma Maximiliane Karlin: Kurzbiografie der Reiseschriftstellerin, Weltreisende und Grenzgängerin; Sichtbarkeit im Stadtraum
Jeder Artikel geht einer Frage nach.
Gemeinsam erschließen sie Alma M. Karlin, ihre Lebenswelt und ihre Nachwirkung bis heute.
|
Alma M. Karlin Familie, Lebenswelten, Wege und Werk |
Orte und Regionen Cilli/Celje Lebensstationen und Weltreise |
|
Geschichte Politik, Gesellschaft und Zeitgeschichte |
Natur Landschaften, Pflanzen und Tiere |
|
Kultur Sprache, Religion, Mythen und Alltag |
Selbst weiterforschen Quellen, Museen und Forschungsstand |
Weiterführendes
🔍 Weiterführende Links und Originalquellen „Industrieschulen“
- Ferdinand Hutz: „Die Pfarrschule Dechantskirchen“ – Zeitschrift des Historischen Vereins für Steiermark, S. 141–143.
- Georg Göth: Das Herzogthum Steiermark, Band 3 (1843) – Angaben zu Pflindsberg und St. Blasien. S. 12/13 und 32.
- Oliver Bender: „Die Entwicklung der fränkischen Industriestadt Fürth im 19. Jahrhundert“ – Universität Bamberg, S. 169.
- Sebastian Schwarz – Vöcklabruck – zur privaten Industrie- und Arbeitsschule für Mädchen ab 1843.
- Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde – zur Industrieschule in Urslau, S. 93.
- Blumhardt, Band 3 – zur Entwicklung der Näh-, Strick- und Industrieschule in Möttlingen, S. 73.
- Kilian-von-Steiner-Schule Laupheim – Geschichte – zur Laupheimer Industrieschule für Frauenarbeiten und hauswirtschaftliche Fortbildung.
- Industrieschule für israelitische Mädchen in Breslau – zur jüdischen Mädchenbildung und zur Entwicklung der Einrichtung 1801–1922. „`

