Johanna Linde Hübsch – 40 Jahre Marktfrau auf dem Nürnberger Hauptmarkt – 1935 Nürnberg – 2002 Nürnberg
Man konnte sie hören, bevor man sie sah. „A Tässle Supp’n?“ – dieser Satz gehörte jahrzehntelang zum Klang des Nürnberger Hauptmarkts wie das Glockenspiel der Frauenkirche. Er galt für alle gleich: für den Bankdirektor und den Obdachlosen, für Schulkinder und Durchgefrorene, die gar nicht stehenbleiben wollten. Täglich schenkte Johanna Linde Hübsch bis zu 300 Liter heiße Brühe kostenlos aus – die „Wela-Frau“, deren Namen kaum jemand kannte, deren Suppe aber alle kannten. Heute erinnert eine Linde mitten im Kreisverkehr an der Lorenzer Straße an sie. Die Gedenktafel darunter ist halb hinter Pflanzen verborgen. Vielleicht passend.
„A Tässle Supp’n?“


Biografie
Nürnberg, Pfarrhaus, sechs Kinder
Johanna Linde Hübsch wird 1935 in Nürnberg geboren. Sie heiratet einen freikirchlichen Pfarrer – was bedeutet: enge Einbindung in eine kleine Gemeinde (wahrscheinlich kein weiterer hauptberuflicher Mitarbeiter), Präsenz, Verlässlichkeit, kaum freie Zeit. Dazu sechs Kinder. Und dennoch sucht sie sich einen eigenen Weg.
Um die Haushaltskasse aufzubessern, beginnt sie, für die Firma Wela auf Kirchweihen in der Region, auf Sportplätzen, Märkten und Messen Tütensuppen, Fertigsaucen und Suppenwürze zu verkaufen. Ihre Art, Menschen anzusprechen, ist so ungewöhnlich, dass die Geschäftsführung ihr Vertriebspersonal nach ihrem Vorbild ausbilden lässt.
Suppenfee auf dem Hauptmarkt
Schließlich erlaubt ihr das Nürnberger Marktamt den Ausschank auf dem Hauptmarkt – und von da an, rund 40 Jahre lang (ca. 1958 bis 1998), ist sie ein fester Bestandteil des innerstädtischen Lebens. Ihre Erscheinung, ihre Stimme, ihr Satz – ich sehe sie heute noch vor mir. Kein Kaufzwang. Keine Erwartung. Viele, die an den Stand kommen, erzählen ihr von ihren Problemen – und sie hört zu: Jeder und Jedem, ob Schulkind, ob Erwachsener, ob Obdachloser, ob Manager.
Sie muss eine unendliche Energie gehabt haben.
Ihr privates Umfeld und die Gemeinde müssen gemeinsam ein „symbolisches Dorf“ gewesen sein – frei nach der Weisheit „Um Kinder groß zu ziehen braucht es ein Dorf“.
Auszeichnung und Tod
1999 setzen ihre Kinder gemeinsam mit der Stadt durch, dass Johanna Linde Hübsch mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wird.
Drei Jahre später, 2002, stirbt sie an einem Herzstillstand – in der Nacht nach einem Tag, an dem sie noch im Wagen stand und Suppe ausgeschenkt hatte.
Das Denkmal
Eine Linde für Linde
Kurz nach ihrem Tod beschließen ihre Kinder gemeinsam mit dem Nürnberger Journalisten und Autor Klaus Schamberger, ihr ein Denkmal zu setzen. Kein Sockel, keine Bronze. Eine Linde – weil sie Linde hieß, und weil das eine Pointe ist, die sie selbst gemocht hätte.
Es dauert einige Zeit, bis sich Stadt und Marktamt auf einen Standort einigen. Im März 2003 wird die Linde im Kreisverkehr an der Lorenzer Straße gepflanzt und eine Gedenktafel angebracht. Die Familie übernimmt alle Kosten.
Die Inschrift der Gedenktafel lautet:
„Gepflanzt zur Erinnerung an Johanna Linde Hübsch, 1935 – 2002, Marktfrau zu Nürnberg“
Knapp 600 Meter trennen den Baum von ihrer früheren Wirkungsstätte auf dem Hauptmarkt. Wer sie kannte und heute daran vorbeikommt, denkt, so berichtet es die Stadtführerin Karola Gärtner, „daran, wie wohltuend eine Begegnung mit der Marktfrau und ihrer heißen Brühe war.“
Der Stand auf dem Hauptmarkt wird bis heute von ihren Kindern weitergeführt.
Dieser Artikel ist die erweiterte Fassung eines Blog-Eintrags von 2021. Zum ursprünglichen Text →
