Landkreis Roth – Straßen, Wege und öffentliche Räume

Elf Orte im Landkreis Roth. In fast allen taucht mindestens ein Frauenname im Straßenbild auf. Das klingt nach viel. Es ist wenig. Denn wer genauer hinschaut, sieht das Muster: Die meisten Namen gehören heiligen Frauen oder mythologischen Figuren. Hilpoltstein ist der Sonderfall. Dort wurde systematisch benannt, weil eine politische Entscheidung Raum dafür schuf: Ein Neubaugebiet, benannt nach einer Pfalzgräfin und ihren Töchtern. Das zeigt, was möglich ist, wenn nicht nur einzelne Frauen gewürdigt werden, sondern diese in ein Konzept eingebunden werden.
Wo im Landkrei könnten weitere Konzepte entstehen oder ausgebaut werden?

der Landkreis aus Frauenperspektive

In diesen Stadtteilen finden Sie Straßen u.ä. mit Frauennamen:

Abenberg, Allersberg, Georgensmünd, Greding, Hilpoldstein, Kammerstein, Röttenbach, Roth, Schwanstetten, Spalt, Wendelstein

Abenberg

Zwei Frauen, tausend Jahre Abstand. Stilla von Abenberg starb um 1140 als Kirchenstifterin: eine der frühen Wohltäterinnen, die mittelalterliche Klöster und Kirchen möglich machten und heute kaum noch bekannt sind. Franziska Streitel wurde 1844 geboren und gründete in Abenberg die Kongregation der Schwestern von der Schmerzhaften Mutter. Der Orden existiert heute noch . Beide haben eine Straße. Beide wären ohne gezielte Forschung vergessen.

Franziska Streitel
Amalia Streitel – die spätere Schwester Franziska Streitel
24.11.1844 –
nicht bekannt
Gründerin der Kongregation der Schwestern von der Schmerzhaften Mutter (SSM).
Gründerin Kloster Marienburg in Abenberg.

Stilla von Abenberg
† um 1140 in Abenberg
Kirchenstifterin und Wohltäterin

Allersberg

Sybilla Maurer ist keine Heilige und keine Adlige. Sie ist Unternehmerin. Getauft 1667, begraben 1730. Zeitlich dazwischen: eine Frau, die den Allersberger Drahtzug rettete, als er kurz vor dem Ruin stand. Die Quellen nennen sie „Retterin des Allersberger Drahtzuges“.
Eine Allee trägt ihren Mädchennamen. Das ist ungewöhnlich – in einer Zeit, in der Frauen nach ihrem Ehemann benannt wurden, erinnert Allersberg an Sybilla Maurer, nicht an Sybilla Gilardi oder Sybilla Heckel, wie sie nach ihren Ehen hieß.

Sybilla Maurer
Sybilla Gilardi, verw. Heckel, geb. Maurer
17.11.1667 (getauft) –
18.04.1730 (beerdigt)

Unternehmerin;
„Retterin des Allersberger Drahtzuges“

Georgensgmünd


Margarete
Legende der Königstochter Margarete, die der Hl. Georg vor dem bösen Drachen rettete (am Georgsbrunnen erzählt)

Greding

Maria
(bezogen auf Wallfahrten und die Filialkirche „Unserer lieben Frau“

Hilpoltstein

Kein anderer Ort im Landkreis Roth hat so viele Straßen mit Frauennamen – und fast alle führen zur selben Frau zurück. 1606 bezog die Witwe Dorothea Maria im Alter von vierundvierzig Jahren mit ihren drei Töchtern die Burg Hilpoltstein. Zuvor hatte sie die mittelalterliche Wehrburg mit großer Tatkraft in ein Renaissanceschloss umbauen lassen. Über 30 Jahre lebte sie hier, förderte die Stadt, legte Gärten und Alleen an. Die Töchter heißen Sofia, Susanna, Sabina – und alle drei haben heute eine Straße. Dazu Magdalena Sabine, Dorothea Ursula, Marie Elisabeth: weitere Töchter, weitere Straßen. Brunhilde und Kriemhilde aus der Nibelungensage sind die einzigen, die nicht zur Pfalzgräfin-Familie gehören. Das Burgfest erinnert jedes Jahr an den Einzug von 1606. Die Straßen erinnern das ganze Jahr.

Sophie Agnes
Frau von Johann Friedrich, dem Neffen der Dorothea Maria.
Anna Maria
Mutter der Pfalzgräfin Dorothea Maria
Brunhilde
Nibelungensage
Dorothea Maria
1562 – 1639

Marie Elisabeth
Tochter der Pfalzgräfin Dorothea Maria
Julie Braun
Kriemhilde
Nibelungensage
Magdalena Sabine
Tochter der Pfalzgräfin Dorothea Maria
Dorothea Maria
1562 – 1639
Sabina
Tochter der Pfalzgräfin Dorothea Maria
Sophia
Tochter der Pfalzgräfin Dorothea Maria
Susanna
Tochter der Pfalzgräfin Dorothea Maria
Dorothea Ursula
Tochter der Pfalzgräfin Dorothea Maria

Kammerstein

Eine Straße. Eine Frau. Eine Geschichte, die 1487 auf dem Schwabacher Marktplatz endet. Ottilie Kuhn aus Kammerstein wurde als vermeintliche Hexe öffentlich hingerichtet. Was sie getan haben soll, ist nicht überliefert. Die Hexenverfolgung brauchte keine juristischen Beweise, nur Verdacht und Angst.
Kammerstein hat ihr eine Straße gewidmet. Das ist mehr, als die meisten Opfer der Hexenverfolgung je bekommen haben.

Ottilie Kuhn
1487: die Kammersteiner Bürgerin wurde auf dem Schwabacher Marktplatz als vermeintliche Hexe öffentlich hingerichtet

Röttenbach

Maria

Roth

Die Kreisstadt hat das größte Angebot, und das heterogenste: Sagengestalten, eine Nobelpreisträgerin, eine Parlamentspolitikerin.
Was sie verbindet? Sie alle haben Wirkung entfaltet: die einen in Geschichten, die andere über sie erzählten, die anderen in einer Welt, die ihnen das nicht zugestehen wollte. Roth: eine Straßenkarte des Weges von der Figur zur Handelnden.

AnnaBrunhilde
Nibelungensage
Freyja
Mythos und Sage
Helene Weber
1881 – 1962
Sie ist eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“ (Politikerin des Zentrums und der CDU)
Isolde
Erzählung „Tristan und Isolde“
Käthe Kollwitz
1867 – 1945
Grafikerin, Malerin und Bildhauerin
Kriemhilde
Nibelungensage
Marie Curie
1867 – 1934
Mathematikerin, Physikerin, Chemikerin;
Nobelpreise für Physik und für Chemie
Marie Juchacz
1879 – 1956
Politikerin (SPD)
Gründerin der AWO;
Spricht als erste Frau in einem dt. Parlament

Schwanstetten

Zwei Namen: Elisabeth Engelhardt, Schriftstellerin und Malerin: mit Biografie, mit Daten, mit einem Ort, der sie kennt. Und Karoline: ein Vorname, weiter nichts. Die eine ist dokumentiert, die andere verschwunden. Oder: steht hinter „Karoline“ vielleicht gar keine historisch fassbare Frau?
Und doch: Beide haben eine Straße.

Elisabeth Engelhardt
1925 – 1978
Schriftstellerin und Malerin
Karoline

Spalt

Drei Straßen, ein Thema: die Nornen. In der nordischen Mythologie spinnen, messen und schneiden sie den Lebensfaden – Urd (Vergangenheit), Verdandi (Gegenwart), Skuld (Zukunft). Spalt hat zwei von ihnen als Straßennamen und dazu den Nornenweg. Wer Skuld besser kennenlernen möchte: hier entlang zu meinem Blog.

Nornen
Schicksals-göttinnen in der germanisch-nordischen Mythologie
Skuld
Schicksalsgöttin –
Urd, Werdandi und Skuld spinnen und weben die Fäden
Werdandi
Schicksalsgöttin –
Urd, Werdandi und Skuld spinnen und weben die Fäden

Wendelstein

Sie kam vom Bergbauernhof, er war Schuhmacher und Poet aus Nürnberg. 1519 heirateten sie – und 41 Jahre lang lieferte das gemeinsame Leben den Stoff für über 6.000 Schwänke, Gedichte und Fastnachtsspiele. Hans Sachs schrieb: „Sie ist ein Himmel meiner Seel – sie ist auch oft mein Pein und Hell.“ Was Kunigunde Creutzer darüber dachte, hat niemand aufgeschrieben.

In Nürnberg steht das Ehekarussell – ein Skulpturenbrunnen nach seinem Gedicht „Das bittersüße ehlich Leben“. Hans Sachs tanzt oben auf der Säule. Kunigunde ist im Gedicht überall und nirgends: als Engel, als Fegefeuer, als Wonne, als Herzeleid.
In Wendelstein trägt eine Straße ihren Namen. Alle drei Jahre gibt es Festspiele: mit ihr als Hauptfigur, mit seinen Texten als Vorlage.

Seine Worte. Von ihr selbst ist kein einziges Wort überliefert, aber ihr Name steht auf dem Straßenschild.

Brunhild
Nibelungensage
Edda
Mythos und Sage
Gudrun
Kudrunsage
Kriemhild
Nibelungensage
Kunigunde Creutzer
1502 – 1560
erste Frau des Schuhmachermeisters und Meistersingers. Hans Sachs
Margarete
Frauen in Mittelfranken

Diese Seite zeigt Ergebnisse einer kuratorischen Forschungsarbeit. Werden Sie selbst zur Forscherin, zum Forscher – auf vier Wegen:

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Straße ins Navi – und los!
Statement der "Südstädterin": Biografien sind politisch. Sichtbarkeit ist eine Machtfrage. (Stadt-)Geschichte ist nicht neutral. Hier geht es um Frauen. Punkt. Global & europäisch – Geschichte endet nicht an Grenzen.

Recherchestand Straßen: 03.2021