| Die Artikelreihe: Alma M. Karlin in europäischer Perspektive |
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1777 bis 1918 — Die Anfänge: Eine gemeinsame Schule für Knaben und Mädchen — Mädchenbildung im 19. Jahrhundert — 1869: Die Volksschulreform erreicht Cilli — Schule und Sprache: Cilli als Schauplatz des nationalen Konflikts — Mädchenbildung und neue Möglichkeiten — Cilli um 1900 — 1918: Das Ende einer Epoche — weiterführende Links und Quellen
1777 bis 1918
Cilli/Celje war im 19. Jahrhundert eine Stadt mit der Erfahrung jahrhundertelangem Zusammenlebens zweier verschiedener Kulturen und Sprachen. Das hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Schulen der Stadt und seines Umkreises.
Innerhalb von rund 140 Jahren veränderte sich das Schulwesen grundlegend: Aus einer gemeinsamen Schule für Knaben und Mädchen entwickelte sich ein nach Geschlecht getrennter Schulbetrieb. Nach 1869 wurde das Volksschulwesen staatlich neu geordnet, aber zugleich wurde die Frage nach der Unterrichtssprache zunehmend zu einem Bestandteil des nationalen Konflikts.
Die Anfänge: Eine gemeinsame Schule für Knaben und Mädchen
Im habsburgischen Schulwesen des späten 18. Jahrhunderts war Bildung grundsätzlich auch für Mädchen vorgesehen. Die Allgemeine Schulordnung von 1774 unter Kaiserin Maria Theresia führte eine allgemeine, sechsjährige Schulpflicht für Kinder beider Geschlechter ein.
Im Zuge der theresianischen Schulreformen entstand 1777 in Cilli eine staatlich organisierte Schule, die zunächst Knaben und Mädchen gemeinsam besuchten. Die Cillier Schule entwickelte sich zunächst als gemeinsame Schule weiter. 1828 wurde eine vierte Klasse eingerichtet, allerdings nur für Knaben. Kurz darauf wurde die Schulorganisation nach Geschlechtern getrennt.
Die Knabenschule verfügte über ein breites Bildungsangebot mit zusätzlichen Fächern wie Sprachunterricht, Zeichnen und später auch naturwissenschaftlichen Fächern. Die Knabenbildung sollte dadurch auf höhere Schulen, Verwaltung und akademische Berufe vorbereiten.
Die Mädchenschule wurde als zweiklassige Trivialschule mit vier Unterrichtsfächern weiter geführt.
Mädchenbildung im 19. Jahrhundert
Die Cillier Mädchenschule vermittelte zunächst vor allem grundlegende Kenntnisse und Fähigkeiten. Lesen, Schreiben und Rechnen standen neben Religion und Handarbeiten. Die Mädchenbildung war damit eng mit den damaligen Vorstellungen von weiblicher Lebensführung verbunden.
Der tatsächliche Schulbesuch blieb jedoch lange hinter dem Anspruch der Schulpflicht zurück. Für Cilli lässt sich über das 19. und frühe 20. Jahrhundert zwar eine deutliche Zunahme des Schulbesuchs feststellen. Bis zur Schulreform von 1869 waren Mädchen an den regulären Schulen allerdings schlechter vertreten als Knaben. In den Sonntagsschulen überwogen dagegen die Mädchen.
Die Entwicklung des Schulbesuchs lässt sich für Cilli anhand von Schülerzahlen und Schulbesuchsstatistiken bis 1916 nachvollziehen.
1869: Die Volksschulreform erreicht Cilli
Nur drei Jahre nach Österreichs Niederlage im „Deutschen Krieg“ von 1866 wird das Schulwesen grundlegend neu geordnet.
Das Reichsvolksschulgesetz von 1869 veränderte auch in Cilli die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen. Die bisherige Schulorganisation wurde in das neue staatlich geregelte Volksschulsystem überführt. Die Schulpflicht wurde ausgeweitet, die Ausbildung der Lehrkräfte neu geordnet und der staatliche Einfluss auf die Schulen verstärkt. Die Cillier Schulen passten sich schrittweise dem neuen System an.
Gerade in Cilli zeigte sich nun jedoch ein Problem, das über die reine Schulorganisation hinausging: die Frage nach der Sprache des Unterrichts.
Schule und Sprache: Cilli als Schauplatz des nationalen Konflikts
Im 19. Jahrhundert wurden die Schulen in Cilli zunehmend Schauplatz der Konflikte zwischen der deutschen und der slowenischen Nationalbewegungen.
Die städtische Gemeinde wurde politisch von der deutsch orientierten Stadtvertretung geprägt. 1870 beschloss der Cillier Gemeinderat, Deutsch als ausschließliche Unterrichtssprache der städtischen Volksschule festzulegen. Für die slowenischsprachige Bevölkerung der Stadt und vor allem für die umliegende Gemeinde war diese Regelung nicht akzeptabel.
Besonders betroffen waren die Kinder aus der Umgebung. Sie mussten die städtische Schule besuchen, obwohl ihre Muttersprache vielfach Slowenisch war. Die Umgebungsgemeinde musste dafür Beiträge an die Stadt leisten. Zusätzlich hatten die Eltern Schulgeld zu bezahlen. Der Schulbesuch blieb deshalb gering.
Die Auseinandersetzung führte schließlich zur Gründung einer eigenen slowenischsprachigen Schule der Cillier Umgebung. Der Unterricht begann am 20. September 1875. Die Schule erhielt den Namen „Ljudska šola celjske okolice“ (Volksschule der Cillier Umgebung) und wurde zunächst in verschiedenen gemieteten Räumen in Cilli und seiner Umgebung geführt.
Damit entstand eine bemerkenswerte Situation: In der Stadt bestand die deutschsprachige städtische Volksschule, während für die überwiegend slowenischsprachige Bevölkerung der Umgebung eine eigene slowenische Schule eingerichtet wurde.Die Schule wurde damit zu einem sichtbaren Ausdruck der nationalen Sprachenfrage.
Mädchenbildung und neue Möglichkeiten
Die Entwicklung des Volksschulwesens eröffnete Mädchen im Laufe des 19. Jahrhunderts neue Möglichkeiten der Bildung, wenngleich sie stark an die zeitgenössische Vorstellung gebunden blieb, was eine Frau für die Versorgung ihrer Familie brauchte.
Mit der Ausweitung des Schulwesens stieg auch der Bedarf an Lehrkräften. Frauen konnten nun zunehmend als Lehrerinnen tätig werden. Damit entstand eine der wenigen gesellschaftlich akzeptierten Möglichkeiten für Frauen aus dem Bürgertum, einen qualifizierten Beruf außerhalb des Hauses auszuüben.
Cilli um 1900
Um 1900 war das elementaren Schulwesen Cillis daher wesentlich differenzierter als noch hundert Jahre zuvor. Aus der gemeinsamen Elementarschule von 1777 war ein nach Geschlecht und Sprache stärker ausdifferenziertes, staatlich geregeltes Schulwesen geworden. Gleichzeitig hatte sich die Lehrerbildung zunehmend institutionalisiert.
Cilli war damit ein Beispiel dafür, wie sich zwei Entwicklungen überschnitten: die Modernisierung und Professionalisierung des Schulwesens und die zunehmende Nationalisierung der Sprache und Bildung.
1918: Das Ende einer Epoche
Mit dem Ende der Habsburgermonarchie 1918 endete auch der politische Rahmen, in dem sich diese Entwicklung vollzogen hatte.
Die Geschichte der Schulen in Cilli zeigt damit im Kleinen einen größeren Wandel des 19. Jahrhunderts: Schule wurde von einer lokalen und vorwiegend kirchlich geprägten Einrichtung zu einer staatlich organisierten Institution. Und zugleich entwickelte sie sich zu einem wichtigen Ort gesellschaftlicher und nationaler Auseinandersetzungen.
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→ Dieser Artikel ist Teil der Reihe Alma M. Karlin in europäischer Perspektive
→ Alma Maximiliane Karlin: Kurzbiografie der Reiseschriftstellerin, Weltreisende und Grenzgängerin; Sichtbarkeit im Stadtraum
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Weiterführendes
🔍 Weiterführende Links und Quellen „Elementare Schulbildung in Cilli/Celje“ (aufklappen)
Die folgenden Links führen zu historischen Quellen, Archivbeständen und weiterführenden Darstellungen zur Entwicklung der elementaren Schulbildung in Cilli/Celje. Falls einzelne Links inzwischen nicht mehr aktiv sind, bleiben sie als Hinweis erhalten, wo eine weiterführende Suche beginnen kann.
Schulen in Cilli/Celje – Archivbestände- Zgodovinski arhiv Celje – Glavna, deška in dekliška osnovna šola Celje (1777–1941) – ZAC
- Zgodovinski arhiv Celje – Okoliška deška osnovna šola Celje (1873–1959) – ZAC
- Zgodovinski arhiv Celje – Dekliška šola šolskih sester v Celju (1878–1948) – ZAC
- Ivanka Zajc Cizelj: Šoloobiskujoči otroci na celjskih osnovnih in nedeljskih šolah (1796–1916) – Untersuchung zum Schulbesuch an den Cillier Elementar- und Sonntagsschulen – SIstory
- Ivanka Zajc Cizelj: Osnovna šola Celje 1777–1919 – zur Geschichte der Cillier Grundschule – dLib.si
- Anton Adalbert Klein (1969): Das niedere Schulwesen der Steiermark von den ersten Anfängen bis zur Schulgesetzgebung 1962 – Historischer Verein Steiermark
- Fritz Posch (1964): Über die Pfarrschulen und die Anfänge der Volksbildung – Historischer Verein Steiermark
- Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal-, Haupt- und Trivialschulen (1774) – Wienbibliothek im Rathaus
- Reichsvolksschulgesetz vom 14. Mai 1869 (RGBl. Nr. 62) – ALEX – Österreichische Nationalbibliothek
- Nicole Hechenblaikner (2018): Das Reichsvolksschulgesetz und seine Auswirkungen auf das österreichische Volksschulwesen – historia.scribere
- I. osnovna šola Celje – Zgodovina šole: Geschichte der Schule und der Entstehung der slowenischsprachigen Schule der Cillier Umgebung – I. osnovna šola Celje
- Wien Geschichte Wiki: Trivialschule – GeschichteWiki Wien
- Wien Geschichte Wiki: Reichsvolksschulgesetz – GeschichteWiki Wien
- Wien Geschichte Wiki: Lehrerbildung – GeschichteWiki Wien
- Wien Geschichte Wiki: Schulpflicht – GeschichteWiki Wien

