„De fire vinder“ bzw. „De fire vindene“, Haugesund

„Die vier Winde“. So lautet die deutsche Übersetzung des Titels dieses Denkmals auf dem Rathausplatz in Haugesund.

Sprachlicher Hinweis:
„De fire vinder“ bzw. „De fire vindene“, Haugesund
– warum heißt es“vinder“ und „vindene“?
Nach Auskunft einer KI
hat Norwegen zwei offizielle Schriftsprachen: Bokmål und Nynorsk. Beide sind gleichwertig, aber regional unterschiedlich verbreitet. Haugesund liegt in Westnorwegen, wo Nynorsk traditionell stärker verwurzelt ist.
„De fire vinder“ entspricht einer Nynorsk-Form bzw. einer älteren Bokmål-Schreibung. „De fire vindene“ ist die modernere Bokmål-Form – mit dem bestimmten Artikel als Endung angehängt.

Vier Frauen stemmen sich gegen den Wind

Vier Frauen stemmen sich gegen den rauen Seewind, der ihnen aus allen vier Himmelsrichtungen entgegenbläst. Und doch: Sie stehen fest und unbeirrt auf ihrem Granitsockel am bzw. oberhalb des Rathausplatzes (Rådhusplassen) in Haugesund … jede in eine andere Richtung gewandt, jedem Sturm trotzend.

So zeigt sie das Denkmal: die Frauen der knapp 40.000 Einwohner zählenden Kleinstadt, denen dieses Denkmal auf dem Rathausplatz gewidmet ist: all den „Kriegswitwen, Seemannsfrauen, Frauen in der Heringsverarbeitung“ … kurz: all jenen, ‚die das Leben am Laufen hielten‘, auch wenn die Männer auf See waren.

Als Galionsfiguren gestaltet, stehen die vier Frauen zugleich für die Fürsorge, mit der Generationen von Frauen diese ‚Herings-Hauptstadt‘ über mehr als 150 Jahre trugen. Und sie stehen für jene Winde, die ihre Männer wieder nach Hause brachten.

Die Skulptur „De fire vinder“ (Die vier Winde) wurde 2004 zum 150-jährigen Stadtjubiläum Haugesunds enthüllt – durch Königin Sonja persönlich.
Die Skulptur steht in direkter Nachbarschaft zu einer der dichtesten Skulpturensammlungen Norwegens.

Die Bildhauerin Nina Sundbye (geb. 1944 in Oslo), eine der bedeutendsten norwegischen Bildhauer*innen ihrer Generation, entwarf und schuf dieses Denkmal. Es stellt, wie viele ihrer Skulpturen, Bewegung auf eindrucksvolle Weise dar: ein charakteristisches Merkmal ihrer Kunst.
Für ihr reiches Schaffen erhielt Nina Sundbye 1999 den Kulturpreis der Stadt Oslo. 2007 wurde sie zum Ritter des Sankt-Olav-Ordens ernannt. Als erste Frau erhielt sie 2022 „den Anders Jahres Hederspris“, ein Ehrenpreis für herausragende Verdienste, vorrangig im norwegischen Kulturleben. Der seit 1990 vergebene Preis wurde bislang erst dreimal verliehen.

Finanziert wurde das Denkmal vom „Anna Knutsen f. Fostenes Fond“ und von der Stadt Haugesund. Dieser Fonds, gegründet 1969, ist nach einer Haugesunderin benannt, die mit ihrem Nachlass die künstlerische Ausgestaltung ihrer Stadt ermöglichte.
Auch das ist eine Form von Sichtbarkeit, die nicht laut schreit.

Alle und keine – „De fire vinder“ und die Frage nach dem Gesicht

Es ist ein Denkmal für alle Frauen der Stadt. Und für keine bestimmte. Das ist die erklärte Absicht … und gleichzeitig die Frage, die es aufwirft.

„De fire vinder“ bzw. „De fire vindene“ zeigt vier Frauen als Galionsfiguren, ausgerichtet nach Nord, Süd, Ost und West. Sie stehen für Kriegswitwen, Seemannsfrauen, Frauen in der Heringsverarbeitung: für alle, die das Leben der Stadt am Laufen hielten, während die Männer auf See waren.
Kein Name auf dem Sockel. Keine Biografie. Die vier Frauen tragen Gesichter, aber keine Identitäten.

Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Gesichter realen Frauen gehören. Bei vielen Skulpturen, die Nina Sundbye geschaffen hat, weiß man genau, wer ihr Modell gestanden hat. In einem Artikel über ihr Werk ist nachzulesen, welche konkreten Schauspieler oder Persönlichkeiten ihre Modelle für historische oder literarische Figuren waren.
Bei den „vier Winden“ findet sich keine entsprechende Dokumentation. Naheliegend wäre, dass ihr, passend zur Widmung, unbekannte Bewohnerinnen der Stadt Haugesund Modell standen.

Und doch: Das Fehlen der Namen der Modelle ist keine Lücke in der Überlieferung. Es ist das System. Ein Denkmal, das alle ehrt, ehrt niemanden namentlich. Das ist die klassische Vorgehensweise des kollektiven Frauendenkmals – wie wir sie auch von Brunnen, Kriegsdenkmälern und vielen anderen öffentlichen Plätzen und Gebäuden kennen. Auch hier, bei diesem Denkmal in Haugesund, wird die Arbeit sichtbar … die Personen jedoch verschwinden in der Anonymität.

Spannend ist und bleibt, dass Nina Sundbye eine uralte, traditionsreiche weibliche Figur aufgenommen und in ihrer Bedeutung ausgeweitet hat:
Die Galionsfigur, jedem Schiff vorausgestreckt gegen Wind und Wellen, ist das älteste Bild weiblichen Schutzes und weiblicher Stärke im Dienst lebensgefährlicher männlicher Unternehmungen auf See.
Nina Sundbye erweitert diesen Schutz und diese Stärke auf das Festland. Die Frauen stehen gleichsam am Bug des Schiffes „Festland“. Sie schützen die Heimat: jedoch nicht nur symbolisch am Bug gegen Wind und Wetter. Gleichzeitig verrichten sie auch die Arbeit ‚an Bord‘: Sie halten das Leben am Laufen.

Die Frauen, die für dieses Denkmal Modell standen und ihm beim Vorbeigehen begegnen: Ob sie stolz sind, stellvertretend für die Frauen der Stadt zu stehen? Ob sie traurig sind, nicht nur vergessen zu sein, sondern nie bekannt geworden zu sein?

🔍 weiterführende Links (aufklappen)

Das Denkmal selbst

  • NKDB Haugesund, Gemeindedatenbank — nkdb.no

Nina Sundbye

Haugalandmuseet

interessanter Hinweis: ein ähnliches Denkmal von Nina Sundbye steht in der Gemeinde Tvedestrand, Finnland. Der Titel: „Fire årstider (Die vier Jahreszeiten)“ (tvedestrandsposten)

Denkmäler für Frauen

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