Die Slawen: eine Einordnung

Die Welt, in die Alma Karlin (1889 – 1950) hineingeboren wurde

Ihre Heimatstadt Cilli (heute Celje, Slowenien) lag 1889 in der Untersteiermark, einem Vielvölkergebiet der Habsburgermonarchie. In ihrer Familie wurde Deutsch gesprochen. Ob sich ihre Eltern jedoch als deutsch-österreichisch oder als deutsch-slowenisch verstanden, lässt sich heute nicht eindeutig beantworten. Gerade in der Habsburgermonarchie fielen Sprache, kulturelle Prägung und nationale Identität häufig nicht zusammen.
Um Alma Karlins Lebenswelt zu verstehen, hilft deshalb zunächst ein Blick auf die Slawen als große ethnische Familie.

Was die Slawen eint

Alle hier genannten Völker gehören zur Familie der Slawen, die sich in drei Untergruppen gliedert: Südslawen, Westslawen, Ostslawen.

a) Südslawen: Slowenen (Slowenien), Kroaten (Kroatien), Bosniaken (Bosnien und Herzegowina), Serben (Serbien), Montenegriner (Montenegro), Mazedonier (Nordmazedonien), Bulgaren (Bulgarien).
Sprachlich stehen sich Serbisch, Kroatisch, Bosnisch und Montenegrinisch so nah, dass sie oft als ein Sprachkontinuum gelten, früher unter dem Begriff „Serbokroatisch“ zusammengefasst. Heute, aus politischen Gründen, gelten sie als eigenständige Sprachen.
Slowenisch sowie Mazedonisch und Bulgarisch stehen sprachlich etwas weiter entfernt.

b) Westslawen: Slowaken (Slowakei), Tschechen (Tschechien), Sorben (heute Sachsen und Brandenburg in Deutschland).
Slowakisch und Tschechisch sind sich so ähnlich, dass sich Sprecher beider Sprachen meist ohne Übersetzung verständigen können.
Sorbisch , in den zwei Varianten Ober- und Niedersorbisch, ist eigenständiger und gilt als stark gefährdete Sprache.

c) Ostslawen: Russen (Russland), Ukrainer (Ukraine), Belarussen (Belarus).
Die drei Sprachen gehen zwar auf eine gemeinsame Wurzel zurück, das Altostslawische, haben sich aber seit dem Mittelalter deutlich auseinanderentwickelt.

Was die Slawen trennt:

Slowenen: Südslawisches Volk. Heute Slowenien (Hauptstadt Ljubljana); entstanden als eigenständiger Staat 1991 nach dem Zerfall Jugoslawiens. Zuvor jahrhundertelang Teil der Habsburgermonarchie – wie auch Alma Karlins Geburtsstadt Cilli. Sprache: Slowenisch. Religion: römisch-katholisch geprägt.
Nicht zu verwechseln mit der Slowakei.

Kroaten: Südslawisches Volk. Heute Kroatien (Hauptstadt Zagreb); bis 1991 Teil Jugoslawiens. Sprache: Kroatisch. Religion: römisch-katholisch geprägt.

Bosniaken: Südslawisches Volk. Heute Bosnien und Herzegowina (Hauptstadt Sarajevo); seit 1992 eigenständig, davor Teil Jugoslawiens. Sprache: Bosnisch. Religion: sunnitisch-muslimisch geprägt, Erbe der jahrhundertelangen osmanischen Herrschaft.

Serben: Südslawisches Volk. Heute Serbien (Hauptstadt Belgrad); Serbien bildete den größten Teil Jugoslawiens und war innerhalb des sozialistischen Jugoslawiens die bevölkerungsreichste Teilrepublik. Sprache: Serbisch. Religion: serbisch-orthodox geprägt.

Montenegriner: Südslawisches Volk. Heute Montenegro (Hauptstadt Podgorica); seit 2006 eigenständig, von 2003 bis 2006 Teil des Staatenbundes Serbien und Montenegro. Sprache: Montenegrinisch, dem Serbischen sehr nahe. Religion: serbisch-orthodox geprägt.

Mazedonier: Südslawisches Volk. Heute Nordmazedonien (Hauptstadt Skopje), seit 1991 eigenständig. Der Name war jahrzehntelang umstritten, weil auch eine griechische Region Mazedonien heißt. Seit 2019 lautet der offizielle Staatsname „Nordmazedonien“. Sprache: Mazedonisch. Religion: mazedonisch-orthodox geprägt.

Bulgaren: Südslawisches Volk. Heute Bulgarien (Hauptstadt Sofia); Bulgarien trat 1908 endgültig als unabhängiger Staat aus dem Osmanischen Reich hervor. Es war nie Teil Jugoslawiens. Sprache: Bulgarisch. Religion: bulgarisch-orthodox geprägt.

Slowaken: Westslawisches Volk. Heute Slowakei (Hauptstadt Bratislava), entstanden 1993 durch die „Samtene Scheidung“ von Tschechien. Davor: Tschechoslowakei (1918 bis 1993), davor Ungarn beziehungsweise Österreich-Ungarn. Sprache: Slowakisch. Religion: römisch-katholisch geprägt.

Tschechen: Westslawisches Volk. Heute Tschechien (auch: Tschechische Republik, Hauptstadt Prag). Historisch: Böhmen, Mähren, Schlesien. Teil der Habsburgermonarchie, dann Tschechoslowakei, seit 1993 eigenständig. Sprache: Tschechisch. Religion: historisch katholisch geprägt, heute aber eines der am stärksten säkularisierten Länder Europas: rund siebzig Prozent der Bevölkerung gehören keiner Religionsgemeinschaft an.

Sorben: Westslawisches Volk, aber ohne eigenen Staat. Politische Heimat ist heute Deutschland: die Lausitz, das Gebiet zwischen Dresden und Cottbus, heute Sachsen und Brandenburg. Die Sorben gelten als anerkannte nationale Minderheit Deutschlands.
Zwei Gruppen: Obersorbisch um Bautzen, Niedersorbisch um Cottbus. Sprache und Kultur sind bis heute lebendig, aber vom Aussterben bedroht – eine Minderheit im eigenen Land seit Jahrhunderten. Religion: konfessionell gemischt, die Region um Bautzen eher katholisch, die Region um Cottbus eher protestantisch.

Russen: Ostslawisches Volk. Heute Russland (Hauptstadt Moskau), der flächenmäßig größte Staat der Erde. Sprache: Russisch. Religion: russisch-orthodox geprägt.

Ukrainer: Ostslawisches Volk. Heute Ukraine (Hauptstadt Kyjiw), seit 1991 eigenständig, davor Teil der Sowjetunion. Sprache: Ukrainisch. Religion: mehrheitlich ukrainisch-orthodox, im Westen des Landes daneben eine griechisch-katholische Minderheit, die mit Rom verbunden ist.

Belarussen: Ostslawisches Volk. Heute Belarus, auch Weißrussland genannt (Hauptstadt Minsk), seit 1991 eigenständig. Sprache: Belarussisch; Belarussisch ist Amtssprache, im Alltag dominiert jedoch in weiten Teilen des Landes Russisch. Religion: mehrheitlich orthodox, mit katholischer Minderheit.

Schriften der slawischen Sprachen

Die slawischen Sprachen werden heute mit zwei verschiedenen Alphabeten geschrieben.
Slowenisch, Kroatisch, Bosnisch, Tschechisch, Slowakisch und Sorbisch verwenden das lateinische Alphabet.
Bulgarisch, Mazedonisch, Russisch, Ukrainisch und Belarussisch verwenden das kyrillische Alphabet.
Serbisch und Montenegrinisch kennen beide Schriften; beide sind offiziell zugelassen.
Obwohl alle kyrillischen Alphabete auf denselben Ursprung zurückgehen, besitzt jede Sprache ein eigenes Alphabet mit teilweise unterschiedlichen Buchstaben.

Jeder Artikel geht einer Frage nach.
Gemeinsam erschließen sie Alma M. Karlin, ihre Lebenswelt und ihre Nachwirkung bis heute.

Alma M. Karlin
Lebenswelten, Wege und Werk
Orte und Regionen
Celje, Lebensstationen und Weltreise
Geschichte
Politik, Gesellschaft und Zeitgeschichte
Natur
Landschaften, Pflanzen und Tiere
Kultur
Sprache, Religion, Mythen und Alltag
Selbst weiterforschen
Quellen, Museen und Forschungsstand

***

Dieser Artikel ist Teil der Reihe Alma M. Karlin in europäischer Perspektive

🔍 weiterführende Links (aufklappen)

Grundlegende Einordnung der Slawen

  • Encyclopaedia Britannica: Slavic languages (Gliederung in Süd-, West- und Ostslawisch, Sprachgeschichte, Sprachkontinuum) — Britannica
  • Encyclopaedia Britannica: Slav (ethnische Einordnung der slawischen Völker) — Britannica
  • Osteuropa-Portal der Landeszentrale für politische Bildung BW: Sprachen im östlichen Europa — lpb-bw.de

Sprachliche Verwandtschaft

Sorben

  • Stiftung für das sorbische Volk (Sprache, Kultur, Minderheitenstatus der Ober- und Niedersorben) — zalozba.de
  • Domowina – Bund Lausitzer Sorben — domowina.de
  • bpb: Nationale Minderheiten in Deutschland (mit Abschnitt zu den Sorben) — bpb.de

Staaten, Geschichte und aktuelle Länderinformationen

  • CIA World Factbook – Archiv der letzten Ausgabe (Länderprofile; die laufende Publikation wurde 2026 eingestellt) — CIA World Factbook Archive
  • Encyclopaedia Britannica – Länderartikel über die Suchfunktion (Jugoslawien, Tschechoslowakei, Slowakei u. a.) — Britannica
  • bpb: Kleine Geschichte Jugoslawiens (Marie-Janine Calic, 2017) — bpb.de
  • bpb: Grenzen und Grenzziehungen in Südosteuropa (Habsburger Erbe, Nationalstaaten, Minderheiten) — bpb.de

Nordmazedonien (Namensänderung 2019)

Religionen

Slowenien – Geschichte und Sprache

  • bpb: Slowenien – Geschichte, Politik, Gesellschaft (Überblicksartikel) — bpb.de
  • bpb: Sloweniens historische Bürde – Zweiter Weltkrieg, Kollaboration, Erinnerungspolitik (Joachim Hösler, 2006) — bpb.de
  • Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (Uni Oldenburg): Slowenien — ome-lexikon.uni-oldenburg.de
  • Wikipedia: Sloweniendeutsche (Geschichte der deutschsprachigen Bevölkerung in Untersteiermark, Gottschee und Kärnten) — wikipedia

Alma Karlin und Celje

  • Pokrajinski muzej Celje – Alma Karlin Museum — pokmuz-ce.si
  • Encyclopaedia Britannica – Celje — Britannica
Denkmäler für Frauen