Caritas Pirckheimer – Äbtissin des Klarissenklosters Nürnberg – *21. März 1467, Eichstätt; †19. August 1532, Nürnberg – bürgerlicher Name: Barbara Pirckheimer
Geschichte wird oft mit Schlachten erzählt – und mit den Männern, die sie gewonnen haben. Die Reformation macht da keine Ausnahme. Das mächtige Nürnberger Patriziat schloss rigoros alle Klöster – und fragte die Frauen darin nicht. Dass wir von einer von ihnen heute noch wissen, verdankt sich drei Dingen: ihrer Familie, ihrer Bildung und ihren Verbindungen zu den richtigen Männern.
„Der Glaube und das Gewissen eines Menschen ist nicht zu nötigen.“ Caritas Pirckheimer, aus den „Denkwürdigkeiten aus dem Reformationszeitalter“ (1524–1528)
VORWORT

Die über Jahrhunderte dokumentierte, historisch eindeutig belegbare Geschichtsschreibung ist überwiegend die Geschichte der (männlichen) Macht.
Man sagt, dass nur ca. 5 – 10 % aller Überlieferungen Leben und Macht von Frauen dokumentieren.
Die Äbtissin Caritas Pirckheimer aus Nürnberg gehört zu den Wenigen, deren Leben die Auswirkungen eines historischen Umbruchs dokumentiert.
Historisch betrachtet: Sieg und Niederlage halten sich die Waage – bei Männern wie bei Frauen.


Warum sie zu der Minderheit der Frauen gehört, über die man heute noch spricht:
– Sie stammt aus dem Adel Nürnbergs, dem Patriziat.
– Sie ist außergewöhnlich gut „in männlichem Wissen“ gebildet.
– Sie ist außergewöhnlich gut und international vernetzt.
BIOGRAFIE
Barbara Pirckheimer – Herkunft und Bildung
Barbara Pirckheimer ist älteste Tochter einer Nürnberger Patrizierfamilie. Ihr Vater ist Jurist und Diplomat. Ihr Bruder Willibald, ein überzeugter Verfechter der Reformation, wird einer der bekanntesten Humanisten seiner Zeit.
Auch sie bekommt eine hervorragende humanistische Bildung. Barbara wächst in einem Haus auf, in dem Latein keine Fremdsprache ist – sie lernt es schon als Kind, zunächst von ihrer Großmutter und deren Schwester, später in der Klosterschule der Klarissen. Mit 16 Jahren tritt sie freiwillig in den Konvent ein.
==>Aus Barbara wird Caritas. Und mit dem Namen „Caritas“ geht sie in die Geschichte ein.
Caritas Pirckheimer – Äbtissin
1503, mit 36 Jahren, wird sie Äbtissin. Rund 60 Klosterschwestern stehen unter ihrer Leitung.
Ihr liegt besonders die Bildung der Schwestern am Herzen. Das Erlernen des Lateinischen gehört dazu: damit sie den Glauben nicht nur leben, sondern auch verstehen und verteidigen können. Diese Bildung wird zu einem entscheidenden Baustein , ihr Kloster im aufgeheizten Umbruch der Reformationszeit zu retten.
Sie selbst pflegt einen ausgedehnten, vor allem theologischen Briefwechsel mit den bedeutenden Gelehrten ihrer Zeit: mit Erasmus von Rotterdam, Conrad Celtis, Christoph Scheurl, Philipp Melanchthon – und mit ihrem Bruder Willibald, dem Ratsjuristen. Auch mit dem Maler Albrecht Dürer ist ein Brief überliefert.
Ihre ausgezeichnete intellektuelle Ausbildung ermöglichte ihr, eine tiefgreifende und zwingende Auseinandersetzung mit den Thesen und den mächtigen Vertretern der „Reformation“ zu führen – wie wir heute sagen: die Diskussin verlief auf Augenhöhe!

Die Reformation kommt nach Nürnberg
Ab 1525 wendet sich Nürnberg der Reformation zu. Alle Klöster werden ohne Rücksicht geschlossen. Mönche und Nonnen werden zwangsweise ihrer Gelübde entbunden, ihren Familien zurückgegeben oder verheiratet.
Caritas und ihre Mitschwestern wehren sich vehement gegen die Säkularisation. Nur eine Nonne verlässt freiwillig das Kloster.
Mit Unterstützung von Philipp Melanchthon erreicht Caritas, dass der Stadtrat das Kloster weiter existieren lässt. Allerdings unter einer Bedingung: Es darf keine neue Novizin mehr aufgenommen werden.
1596 stirbt das Kloster buchstäblich aus.

Sieg? Niederlage?
Caritas selbst schreibt alles auf – von 1524 bis 1528 führt sie eine Chronik der Ereignisse. Der Historiker Constantin Höfler veröffentlicht sie 1852 unter dem Titel „Denkwürdigkeiten aus dem Reformationszeitalter“.
Ein seltenes Dokument: eine Frauenstimme – nicht nur allgemein aus der Zeit eines der größten Umbrüche der europäischen Geschichte – sondern aus Nürnberg, der ersten Reichsstadt, die 1525 die Reformation einführte.
Notizen am Rande:
1. Rechtlich gesehen war dieser Glaubenswechsel eigentlich unmöglich, denn die religiöse Oberhoheit hatte der Bischof von Bamberg. Der Rat hat sich also bewusst über geltendes Recht hinweggesetzt.
2. Philipp Melanchthon gründete 1526 im Auftrag des Nürnberger Rates das erste Gymnasium Deutschlands: das heutige Melanchthon-Gymnasium.
Was bleibt

Caritas Pirckheimer und ihre Schriften sind bis heute unvergessen.
Die katholische Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg – die einzige kirchliche Akademie Deutschlands, die nach einer Frau benannt ist – beruft sich auf sie: auf ihr Pochen auf breite Mädchen- und Frauenbildung, auf ihre Bereitschaft zum Dialog auch mit Andersdenkenden.
Seit 2009 verleiht die Akademie jährlich den Caritas-Pirckheimer-Preis.
Im ehemaligen Kreuzgang des Klarissenklosters – heute ein öffentlich zugänglicher, ruhiger Innenhof des Caritas-Pirckheimer-Hauses – stehen zwei Skulpturen von ihr. In der benachbarten Klarakirche gibt es eine weitere Statue. Ein Relief in der Lorenzer Straße wurde 1972 angebracht (Original von 1900). Und es gab – oder gibt? – ein Denkmal, das 1928 der Bildhauer Balthasar Schmitt schuf. Wo es heute ist, lässt sich nicht klären. Eine offene Frage, die zum Symbol wird für die Lücken im kollektiven Gedächtnis.
Die Pirckheimerstraße in Nürnberg trägt übrigens nicht ihren Namen, sondern den ihres Bruders Willibald.
Straßen nach Caritas Pirckheimer gibt es in Roßtal und Veitsbronn.
Den Namen Caritas Pirckheimer trägt ein weiteres Haus: eine Seniorenwohnanlage in Eichstätt.
🔍 weiterführende Links (aufklappen)
Zur Person
- Caritas Pirckheimer (wikipedia.de)
- Caritas Pirckheimer (domradio.de) – Interview mit CPH-Direktor Grillmeyer zum 550. Geburtstag
- Pirckheimergesellschaft (pirckheimer.de) – Gesellschaft für Renaissance-Forschung, benannt nach Willibald Pirckheimer
Reformation in Nürnberg
- Nürnberg als erste Reichsstadt – Historisches Lexikon Bayerns
- Nürnberger Religionsgespräch 1525 (wikipedia.de)
- Klarissen – Historisches Lexikon Bayerns
- Stadtspaziergang Reformation Nürnberg – Citykirche-Magazin (Kreuzgang, Klarakirche, Pirckheimers Widerstand)
Klarakirche & Denkmäler
- Klarakirche Nürnberg – Citykirche (stadtkirche-nuernberg.de)
- Balthasar Schmitt (wikipedia.de) – Bildhauer, schuf 1928 ein Denkmal für Caritas Pirckheimer
Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus
- Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus – offizielle Website (cph-nuernberg.de)
- Geschichte der Akademie CPH (cph-nuernberg.de)
- Akademie CPH Nürnberg (wikipedia.de)
- Caritas-Pirckheimer-Haus Eichstätt (wikipedia.de) – Seniorenwohnanlage, nicht die Akademie
- Melanchthon-Gymnasium Nürnberg (wikipedia.de) – gegründet 1526, erstes Gymnasium Deutschlands
Straßen & Erinnerungsorte
- Straßen nach Caritas Pirckheimer: Roßtal und Veitsbronn (suedstaedterin.de)
- Virtuelles Museum Nürnberg – Margarethe Engelhardt (nuernberg.museum)
Dieser Artikel ist die erweiterte Fassung eines Blog-Eintrags von 2021. Zum ursprünglichen Text →
