Celje: vier Glaubensgemeinschaften, drei verschwunden

Im April 1941, wenige Tage nach dem deutschen Einmarsch in Jugoslawien, wurde in Celje eine Kirche gesprengt. Die Anordnung der deutschen Militärverwaltung erhielt Hitlers ausdrückliche Zustimmung. Die serbisch-orthodoxe Kirche des Heiligen Sava, gerade einmal rund neun Jahre alt, stand an der Ljubljanska cesta, direkt neben dem Ort, an dem Alma Maximiliane Karlin 1889 geboren worden war.

Was in jenem April geschah, war kein Zufall und auch kein Einzelfall. Es war die dritte Auslöschung einer religiösen Gemeinschaft in dieser Stadt innerhalb von dreieinhalb Jahrhunderten.

Religion ist nie nur Glaube. Sie ist Macht, Sprache, Nation – und viel zu oft Sprengstoff.

Auch in Celje war Religion deshalb nie nur Glaube, sondern stets ein Werkzeug politischer und nationaler Identität. Die Stadt lag jahrhundertelang an einer kulturellen Bruchlinie zwischen deutscher und slowenischer Sprache, zwischen habsburgischer Landespolitik und südslawischer Nationsbildung. Glaubensgemeinschaften wurden hier deshalb immer wieder zu politischen Symbolen.

Das Judentum war im 14. Jahrhundert eine politische und finanzielle Stütze des Grafen von Cilli, bevor die jüdische Gemeinschaft im 15. Jahrhundert vertrieben wurde. Im 16. Jahrhundert war der Protestantismus eng mit der deutschen Kultur verbunden, während die katholische Kirche im 19. Jahrhundert zum Symbol slowenischen Widerstands gegen die Germanisierung wurde. Die serbisch-orthodoxe Kirche des 20. Jahrhunderts stand für den neuen jugoslawischen Staat und wurde deshalb von nationalistischen Gruppen abgelehnt.

Wichtiger Hinweis: Die Stadt hatte im Laufe ihrer fast 3000jährigen Geschichte immer wieder ihren Namen geändert. Dieser Artikel behandelt die Zeit ab der k. und k. Monarchie, deshalb: „Cilli“ war bis 1918 die amtliche, deutschsprachige Bezeichnung. „Celje“, der slowenische Name, wurde danach zur offiziellen Bezeichnung und gilt bis heute. In diesem Artikel folgt die Namenswahl dem jeweiligen historischen Kontext.

Das Judentum: zuerst nützlich, dann vertrieben

Die älteste Geschichte religiöser Auslöschung in Cilli ist die jüdische.
1340 ist erstmals ein Jude in der Stadt nachweisbar: Schäblein, Vater zweier Söhne, die als Geldverleiher den Grafen von Cilli ihren Herrschaftsausbau finanzierten. Kaum waren die Söhne tot, ließ Graf Hermann II. um 1400 alle Juden aus seinem Herrschaftsgebiet vertreiben.
Die endgültige Ausweisung kam 1497: Kaiser Maximilian I. befahl, alle Juden bis zum 6. Januar aus der Steiermark zu entfernen. Die Begründung: Verunreinigung christlicher Sakramente, angebliche Ritualmorde, Wucher.
Das klassische Muster in vielen christlich geprägten Ländern: Juden erst auf das Geldgeschäft reduzieren. Und sobald sie dadurch zu einflussreich werden oder man zu viele Schulden bei ihnen hat: Diffamierung und Vertreibung bis hin zur Vernichtung.
Was in Celje vom Judentum erhalten blieb: Grabsteine, die einzigen materiellen Zeugen einer Gemeinde, die sonst spurlos verschwunden ist.

Zu Alma Karlins Geburt 1889 lebten einige Dutzend jüdische Familien in der Stadt, säkularisiert, bürgerlich, ohne aktives Gemeindeleben. 1939 zählte die offizielle Statistik 66 Juden in Celje. Im Frühjahr 1941, mit dem deutschen Einmarsch, begannen die Deportationen. Von den rund 1.500 Juden in ganz Slowenien überlebten schätzungsweise 200: eine Vernichtungsrate von 87 Prozent, eine der höchsten Europas.
Eine breitere gesellschaftliche Aufarbeitung scheint nach 1945 ausgeblieben zu sein.

Eine Stadt, fast vollständig evangelisch-lutherisch

Im 16. Jahrhundert gehörte Cilli zu den protestantischen Hochburgen Innerösterreichs.
Da Erzherzog Karl II. von Innerösterreich (Steiermark, Kärnten, Krain) protestantische Kirchen innerhalb der Stadtmauern verbot, bauten die Gläubigen im nahegelegenen Scharfenau eine prächtige Kirche in zwölfjähriger Bauzeit. Ab 1598 ließ Erzherzog Ferdinand, der spätere Kaiser Ferdinand II., die Kirche im Zuge der Gegenreformation sprengen. Gleichzeitig veranlasste er in Cilli Bau und Gründung eines Kapuzinerklosters.

Der Protestantismus verschwand, aber die Erinnerung an diese Ereignisse blieb im kollektiven Gedächtnis der Stadt. Dazu passt, dass der 31. Oktober, der „Reformationstag“, in Slowenien bis heute gesetzlicher Feiertag ist.
Randbemerkung: in Deutschland, dem Land Luthers, mit heute 20,8 % Protestanten, ist der Reformationstag nur noch in neun der 16 Bundesländer ein gesetzlicher Feiertag.

Primož Trubar: das Paradox

Die Schlüsselfigur der protestantischen Bewegung in den slowenischen Ländern war nicht aus Cilli, wirkte aber in der Untersteiermark: Primož Trubar, auf Deutsch Primus Truber (1508–1586).
Er übersetzte das Neue Testament ins Slowenische und veröffentlichte 1550 den ersten Katechismus in slowenischer Sprache. In seiner Widmung verwendete Trubar erstmals die Bezeichnung „Slovenci“ für sein Volk. Damit prägte er den Begriff ‚Slowenen‘ als Bezeichnung für sein Volk: ein Meilenstein für die slowenische Identität.

Trubar gilt heute als Begründer der slowenischen Schriftsprache. Sein Bildnis ist auf der slowenischen 1-Euro-Münze. Sein Grab liegt in Derendingen bei Tübingen: Er musste zweimal fliehen und kehrte nie zurück.

Das Paradox ist kaum zu übertreffen. Der Mann, der das Slowenische zur Schriftsprache machte, tat es im Dienst einer Religion, die in Slowenien heute kaum noch existiert. Weniger als ein Prozent der Bevölkerung ist evangelisch. Die meisten leben im Nordosten des Landes, in der Region Prekmurje, weit von Celje entfernt.

Konfession als Nationalitätsfrage: Karlins Kontext

Für Alma Karlin war Religion nicht abstrakt. Sie war in ein religiöses Koordinatensystem hineingeboren, das zugleich ein nationales war:

In der Untersteiermark überlagerten sich im späten 19. Jahrhundert häufig konfessionelle und nationale Zugehörigkeiten. Protestantisch wurde oft mit deutschem Bürgertum verbunden, katholisch häufiger mit der slowenischen Bevölkerungsmehrheit:  eine Zuordnung, die politisch genutzt und instrumentalisiert wurde, aber zahlreiche Ausnahmen kannte. Es gab sehr wohl auch slowenischsprachige Protestanten und deutschsprachige Katholiken.

Der Pfarrer von Celje in der Zwischenkriegszeit, Gerhard May, war katholisch. Er engagierte sich im Schwäbisch-Deutschen Kulturbund, einer nationalistischen deutschen Organisation. Diese wurde später zur Vorfeldorganisation der NSDAP. May selbst war kein NSDAP-Mitglied, aber ein vehementer Gegner der slowenischen Identitätspolitik.

Die orthodoxe Kirche: Neuankömmling, schnell zerstört

Mit dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen ab 1918 kam eine neue Konfession nach Celje: die serbisch-orthodoxe. Sie war das sichtbare Symbol des neuen jugoslawischen Staates, Symbol der jugoslawischen Einheit.

1924 begann die kleine Gemeinde, Spenden für eine Kirche zu sammeln. 1929 wurde der Grundstein gelegt, 1932 die Kirche des Heiligen Sava feierlich eingeweiht. Sie stand am Vrazov trg (Vraz-Platz), wenige Schritte von Karlins Geburtshaus entfernt.

Neun Jahre später war die sichtbare Kirche Geschichte. Ihre Zerstörung 1941 war Teil der deutschen Besatzungspolitik, die serbische Präsenz auslöschen und zugleich Spannungen zwischen Slowenen und Serben fördern sollte.

Aber auch dieses Kapitel scheint nach gut achtzig Jahren noch immer nicht aufgearbeitet zu sein: Die damals entwendeten wertvollen Ikonen sind wohl von der Stadt bis heute nicht an die serbisch-orthodoxe Kirche zurückgegeben worden. Das letzte Rückgabegesuch soll bis heute unbeantwortet geblieben sein.

Brückenschlag heute

Slowenien ist nominell mehrheitlich katholisch. Rund 58 Prozent der Bevölkerung sind gehören der katholischen Kirche an, aber regelmäßig praktizierend sind es etwa nur 13 Prozent. Das Verhältnis zwischen Staat und katholischer Kirche zählt bis heute zu den wiederkehrenden politischen Konfliktthemen. Rechte Parteien suchen traditionell ihre Nähe, linke halten Abstand.

Und Celje? Heute befindet sich in Celje der Sitz des 2006 gegründeten Bistums Celje, derselben katholischen Kirche, die während der Gegenreformation den Protestantismus in Innerösterreich zurückdrängte.

Dass heutzutage ausgerechnet der protestantische Reformationstag gesetzlicher Feiertag ist, gehört zu den historischen Paradoxien Sloweniens. Die Bewegung verschwand fast vollständig, ihr Beitrag zur Entstehung der slowenischen Eigenbezeichnung und zur Schriftsprache blieb.

Jeder Artikel geht einer Frage nach.
Gemeinsam erschließen sie Alma M. Karlin, ihre Lebenswelt und ihre Nachwirkung bis heute.

Alma M. Karlin
Lebenswelten, Wege und Werk
Orte und Regionen
Celje, Lebensstationen und Weltreise
Geschichte
Politik, Gesellschaft und Zeitgeschichte
Natur
Landschaften, Pflanzen und Tiere
Kultur
Sprache, Religion, Mythen und Alltag
Selbst weiterforschen
Quellen, Museen und Forschungsstand

***

Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Alma M. Karlin in europäischer Perspektive

🔍 weiterführende Links (aufklappen)

Die Stadt hatte im Laufe ihrer fast 3000jährigen Geschichte immer wieder ihren Namen geändert. Dieser Artikel behandelt die Zeit ab der k. und k. Monarchie, deshalb: „Cilli“ war bis 1918 die amtliche, deutschsprachige Bezeichnung. „Celje“, der slowenische Name, wurde danach zur offiziellen Bezeichnung und gilt bis heute. In diesem Artikel folgt die Namenswahl dem jeweiligen historischen Kontext.

Celje — Grundlagen

  • Stadtgeschichte, Konfessionen, Bauwerke — wikipedia
  • Celje im Austria-Forum, mit Kirchenliste — austria-forum.org
  • Kathedrale St. Daniel, gotischer Bau seit dem 14. Jahrhundert — wikipedia

Reformation & Protestantismus in Slowenien

  • Primož Trubar (1508–1586): Leben, Werk, Bedeutung — wikipedia
  • Primus Truber und die Anfänge der lutherischen Kirche in Slowenien — owep.de
  • Auf den Spuren der slowenischen Reformation, Reiseroute und Orte — slovenia.info
  • Geschichte der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Slowenien — evang.si
  • Evangelische Pfarrgemeinde Marburg/Maribor: Konfession und Nationalität im 19./20. Jahrhundert — dokumen.pub

Jüdische Geschichte in der Region

  • Geschichte der Juden in Slowenien, von der Antike bis zur Shoah — wikipedia
  • Geschichte der Juden in der Steiermark, inkl. Cilli/Celje, Vertreibung 1497 — wikipedia
  • Zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Slowenien, ausführlicher Essay — davidkultur.at
  • Stolpersteine in Slowenien: Holocaust-Opfer, Deportationen, Schweigen nach 1945 — wikipedia

Orthodoxe Kirche in Celje

  • Kirche des Hl. Sava in Celje (1929–1941): Bau, Zerstörung, offene Rückgabeforderungen — wikipedia
  • Serbisch-Orthodoxe Kirche: Geschichte, Selbstverständnis, Jugoslawien — wikipedia
  • Geschichte und Selbstverständnis der Serbischen Orthodoxen Kirche — owep.de

Katholische Kirche & Staat-Kirche-Verhältnis heute

  • Katholische Kirche in Celje zur Zwischenkriegszeit — katoliska-cerkev.si
  • Römisch-katholische Kirche in Slowenien, inkl. Bistum Celje seit 2006 — wikipedia
  • Zwischen Modernität und Kulturkampf: die katholische Kirche Sloweniens — owep.de
  • Kirche-Staat-Beziehungen unter der Janša-Regierung, Analyse — noek.info
  • Slowenien: Kirchenprofil und Projektübersicht — renovabis.de
  • Slowenien: politisches System, aktuelle Regierung — auswaertiges-amt.de
Denkmäler für Frauen