Celje zur Lebenszeit A. M. Karlins

eine Stadt, zwei Sprachen, drei Staaten

Eine Stadt und seine Namen

Mit meiner ersten Vermutung, dass der Name etwas mit einer Mönchszelle zu tun hat, lag ich total falsch. Denn: die erste nachweisbare Siedlung datiert von ca. 800 v. Chr.
Unter den Kelten (nach 400 v. Chr.) hieß der Ort „Kelea“. Als römische Provinz hieß sie „Celeia“. Im 12. Jahrhundert beschreiben die Chroniken die Stadt „Cylie“. Die Habsburger machten sie zum Verwaltungszentrum der Untersteiermark und nannten die Stadt „Cilli“. Im Slowenischen hat sie den Namen „Celje“.

Cilli um 1890 – 1914: Zwei Sprachen, eine Stadt

Cilli war das Habsburger Verwaltungszentrum der Untersteiermark. Deutsch war Amtssprache und galt als Sprache der Gebildeten. Slowenischsprachige wurden gesellschaftlich abgewertet. Deshalb kann man von der deutschen Familiensprache nicht automatisch auf die Zugehörigkeit zu einer Nationalität schließen. Auch die Zahlen der Volkszählung von 1880, nach der 73,6 Prozent der Stadtbevölkerung als Deutsche galten, sind daher mit Vorsicht zu interpretieren.

Ende des 19. Jahrhunderts gewann die slowenische Nationalbewegung zunehmend an Stärke. Sie wollte die Dominanz der deutschsprachigen Eliten und der deutschen Sprache nicht länger hinnehmen und forderte mehr politische und kulturelle Rechte.

Gleichzeitig erlebte Cilli einen wirtschaftlichen Aufschwung. Eisenbahnanschluss, Industrie und Handel förderten das Wachstum der Stadt und boten sowohl deutsch- als auch slowenischsprachigen Einwohnern neue wirtschaftliche Chancen. Der wirtschaftliche Fortschritt führte jedoch nicht zu einem Zusammenwachsen der Bevölkerungsgruppen, sondern verstärkte den Wettbewerb um Einfluss, Bildung und politische Mitsprache.

1895 eskaliert die Auseinandersetzung zwischen Deutsch- und Slowenischsprachigen. Die Regierung in Wien erlaubte und finanzierte die Einrichtung slowenischer Parallelklassen am deutschen Untergymnasium in Cilli. Dies löste bei deutsch-nationalen Kreisen große Ängste aus. Der Konflikt führte schließlich sogar zum Zerfall der Regierung von Ministerpräsident Alfred Fürst zu Windisch-Grätz in Wien.

1907 eröffnete gegenüber dem Bahnhof das „Deutsche Haus“, in dem deutsch-österreichische Vereine und Firmen ihren Sitz hatten. Es galt als Gegenstück zum gegenüberliegenden „Narodni dom“ (Nationalhaus), das eine ähnliche Funktion für die slowenische Bevölkerung erfüllte.
Zwei Häuser, zwei Gemeinschaften: die Trennung war nun auch im Stadtbild sichtbar.

Celje im „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“, das 1929 per Königsdiktat in „Königreich Jugoslawien (Süd-Slawien)“ umbenannt wird, aber der selbe Staat bleibt. (1918 – 1941)

Mit Ende des Ersten Weltkriegs verändert sich die Situation grundlegend.

1918 kommt Cilli, jetzt „Celje“, mit der überwiegend von Slowenen bewohnten Untersteiermark zum neu gegründeten „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“: Was bisher Mehrheit war wird nun Minderheit und umgekehrt.

Amtssprache wird jetzt Slowenisch: nach gut zwei Jahrhunderten, in denen Deutsch die einzige anerkannte Verwaltungssprache gewesen war.

Auch das Bildungs- und Kulturleben richtet sich neu aus. Slowenische Schulen und Vereine gewinnen an Bedeutung, während die deutschsprachigen Einrichtungen ihre bisherige Vorrangstellung verlieren. Das „Deutsche Haus“ wird 1919 enteignet und erhält den Namen „Celjski dom“.

Wer hätte in dieser angespannten Situation jemals ahnen können, dass rund 90 Jahre später vor diesem Gebäude eine lebensgroße Bronzestatue von Alma M. Karlin stehen würde: die deutsch schreibende Reiseschriftstellerin, die sich selbst nie eindeutig einer Nationalität zuordnete. Sie gilt heute vielen als bedeutende Persönlichkeit der Stadt Celje und zugleich der slowenischen Kulturgeschichte.
Ein weiteres Beispiel dafür, wie sich die Einordnung von Sprache, Herkunft und nationaler Zugehörigkeit im Laufe einer relativ kurzen Zeitspanne radikal verändern kann.

Die Bevölkerung Celjes wächst in dieser Zeit von 7.750 im Jahr 1924 auf rund 20.000 vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Denn Celje zieht Industrie an. Darunter die Emaillierwarenfabrik „Westen“, die seit 1894 Kochgeschirr produziert und in den späten 1920er Jahren ihre Produktion ausbaut.

Aber darunter liegt weiter die alte Spannung, nur jetzt in vertauschten Rollen.

Und doch: Die Stadt wird zwar slowenischer, bleibt aber kulturell und wirtschaftlich von ihrer habsburgischen Vergangenheit geprägt.

Diese Umkehrung der politischen Verhältnisse, dieses neue-alte Spannungsfeld der beiden Bevölkerungsgruppen erwartet Alma M. Karlin 1927 in ihrer Heimatstadt Celje, als sie nach rund acht Jahren Weltreise nach Celje zurückkehrt.

1941: Der dritte Staat – Alma M. Karlin zwischen den Welten

Schon im April 1941 muss sich Alma M. Karlin erneut mit einer neuen Situation auseinandersetzen: die Wehrmacht besetzt Celje zu Beginn ihres Einmarsches in Jugoslawien.

Unmittelbar nach der Besetzung beginnen die nationalsozialistischen Behörden mit der Umsetzung ihres Germanisierungsprogramms. Ziel ist die ethnische Neuordnung der annektierten Gebiete durch Deportationen der slowenischen Bevölkerung und die Ansiedlung von Volksdeutschen. In internen Planungen ist von rund 260.000 auszuweisenden Slowenen die Rede.

Das Regime fordert eindeutige Loyalität und ordnet Menschen nach ihrer vermeintlichen „Rasse“ und Volkszugehörigkeit ein. Karlin, die sich zeitlebens keiner nationalen Schublade eindeutig zuordnen ließ und ideologischen Fanatismus ablehnte, verweigert die Anpassung und jede Zusammenarbeit mit dem Regime. Bereits vor Kriegsbeginn gewährte sie mehrfach Menschen Unterkunft, die vor dem Nationalsozialismus flohen, darunter auch jüdischen Flüchtlingen. Damit unterschied sie sich deutlich von vielen Mitgliedern der deutschsprachigen Minderheit in Celje, die die Eingliederung in das Deutsche Reich begrüßten.

Slowenisch wird im öffentlichen Raum verboten, slowenische Vereine und Bibliotheken werden geschlossen, slowenische Namen zwangsweise eingedeutscht. Per Verfügung wird aus Celje wieder Cilli. Die Stadt soll wieder deutsch werden: diesmal mit brutaler Gewalt.
Was jahrzehntelang ein Konflikt um Sprache, Schule und politische Rechte gewesen war, wird unter der nationalsozialistischen Besatzung zu einer Frage von Verfolgung, Vertreibung und Überleben.

Nach 1945: Neubeginn unter veränderten Rahmenbedingungen

1945 ist Cilli wieder Celje. Diesmal endgültig.
Celje kehrt in einen jugoslawischen Staat zurück: diesmal als Teil der Sozialistischen Föderativen Republik unter Josip Broz Tito.

Die deutsche Bevölkerung verschwindet innerhalb kurzer Zeit fast vollständig aus dem Stadtbild. Viele fliehen vor Kriegsende, andere werden enteignet, interniert oder ausgewiesen. Damit endet nach Jahrhunderten die deutschsprachige Geschichte Cillis als prägender Bestandteil der Stadt. Was Jahrzehnte lang die dominante Sprache der Verwaltung, der Bildung und des Bürgertums gewesen war, verschwindet aus dem öffentlichen Leben.

Celje wird das, was es demographisch längst war: eine slowenische Stadt. Slowenisch ist Amtssprache, nicht mehr Kompromiss oder Kampfansage, sondern Selbstverständlichkeit.

Industrie und Wohnungsbau werden ausgebaut. Celje entwickelt sich zu einem wichtigen Industriestandort Sloweniens. Der Wiederaufbau ist auch ein Umbau. Die verstaatlichten Betriebe werden zum Motor der neuen Ordnung. Die Emailwarenfabrik, einst unter dem Namen „Westen „gegründet, heißt jetzt „EMO“. EMO wird zu einem der bekanntesten Industriebetriebe Sloweniens, dessen Produkte in alle Welt exportiert werden.

Celje wächst. Die Stadt, zwischen den Weltkriegen etwa 20.000 Einwohner, hat 2021 ca. 37.520 Einwohner.  Sie entwickelt sich zur Regionalhauptstadt mit allem, was dazugehört: Hochschule, Krankenhaus, Kulturinstitutionen. Und das auf selbstverständliche Weise slowenisch, ohne dass das jemand hinterfragt.

Der lange Konflikt um Sprache und Zugehörigkeit ist nicht vergessen, aber er hat seine politische Brisanz verloren. Die Frage, wem diese Stadt gehört, ist beantwortet: durch Geschichte, Demographie und Staatsentwicklung zugleich.

Seit 2004 ist Slowenien Mitglied der EU, der „Europäischen Union“

Die Geschichte Celjes zeigt, wie schnell aus Sprache und Herkunft politische Kategorien werden können – und wie schnell daraus Ausgrenzung, Vertreibung und Gewalt entstehen. Sie erinnert daran, welchen Wert ein Europa besitzt, das auf Zusammenarbeit statt auf Abgrenzung setzt.

Jeder Artikel geht einer Frage nach.
Gemeinsam erschließen sie Alma M. Karlin, ihre Lebenswelt und ihre Nachwirkung bis heute.

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Dieser Artikel ist Teil der Reihe Alma M. Karlin in europäischer Perspektive

🔍 weiterführende Links (aufklappen)

Geschichte Celjes – Überblick

Untersteiermark und Sprachenkonflikt

  • Geschichte der Steiermark – enthält den Cilli-Konflikt 1895 im regionalen Kontext — wikipedia
  • Geschichte des Celjski dom – konkrete historische Details zum Deutschen Haus über alle Epochen (slowenisch) — Mestna občina Celje

Jugoslawien

Museen vor Ort

  • Pokrajinski muzej Celje – Geschichte der Stadt, Celeia, Grafen von Cilli, Alma M. Karlin — pokmuz-ce.si
  • Museum für zeitgenössische Geschichte Celje – Gedenkraum Stari pisker, NS-Epoche — visitcelje.eu
  • Regionalmuseum Celje (mit Karlin-Dauerausstellung) — visitcelje.eu
  • Celje Regional Museum — culture.si
  • Alma Karlin Memorial House — culture.si

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