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Erin Pizzey

Erin Patria Margaret Pizzey, geborene Carney, (* 19. Februar 1939 in Tsingtao, China)

TEIL 1: Die Geschichte des ersten Frauenhauses der Welt

HEIMAT? – wenn der sichere Ort fehlt

Was bedeutet Heimat, wenn das Zuhause zum gefährlichsten Ort wird?
Was heißt Geborgenheit, wenn Gewalt zur Alltagsrealität gehört?
Was bleibt von Zugehörigkeit, wenn die eigene (gewählte oder in sie hineingeborene) Familie zur physischen und psychischen Zerstörung der Mitglieder beiträgt?

Fragen, die heute leider genauso aktuell sind wie damals vor 55 Jahren und früher! – Das zeigen die aktuellen Statistiken, die in den letzten Jahren sogar eine signifikante Steigerung häuslicher Gewalt anzeigen – neben Steigerung allgemeiner (sexistischer) Gewalt.

Erin Pizzey – ohne stabilisierendes Elternhaus1

E. Pizzey weiß aus biografischer Erfahrung, was eine zerstörerische Kindheit bedeutet. Aufgewachsen als Tochter eines Diplomaten, geprägt von wechselnden Orten und einem gewaltbelasteten Elternhaus, fehlte ihr ein verlässlicher, sicherer Ort. Sie suchte vergeblich nach Hilfe und fühlte sich einsam den problematischen Situationen ausgeliefert.

Später, als „grüne Witwe“, d.h. als junge Mutter in einem Londoner Häuschen mit zwei kleinen Kindern und Haustieren, der Ehemann beruflich immer längere Zeit unterwegs, spürt sie wieder Einsamkeit.

Kakteen als Seriensymbol für "Heimat"
Kakteen als „Heimat“-Seriensymbol

Erin Pizzey – sie wird aktiv! – wieder und immer wieder!

In der damaligen Frauenbewegung sucht sie vergeblich nach gleichgesinnten Frauen. Frauen, die sich nicht nur um die Weltpolitik kümmern, sondern auch um konkrete alltägliche Fragen und Probleme von Frauen. Eine wichtige Anforderung an die Frauen, die sie sucht: sie dürfen nicht männerfeindlich sein – ein Aspekt, der in ihren späteren Leben eine wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste und entscheidendste Rolle spielen wird.

Sie sucht und findet gleichgesinnte Frauen und gründet 1971 (wie wir auf Deutsch sagen würden) einen „Mutter-Kind-Kreis“ – wie sie damals auch zuhauf in Deutschland neu gegründet wurden. Mit zwei Freundinnen renoviert sie ein billiges, heruntergekommenes Haus – es fungiert als „offenes Haus“, das täglich und gerne von vielen Frauen mit ihren Kindern genutzt wird.

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Das Frauenhaus – Antwort auf eine zerstörerische Heimat

Irgendwann 1971 kommt eine geschlagene Frau zu ihrem Treffpunkt. E. Pizzey beschreibt diesen Moment so: „I will help you, I promised her – and refuge was born.“2 [„Ich werde Dir helfen, versprach ich ihr – damit war das Frauenhaus geboren“]

Was als Treffpunkt beginnt, wird bald ein Ort für Frauen (mit ihren Kindern), die vor häuslicher Gewalt fliehen. Das Haus wird zum neuen Zuhause für diese Frauen – zur „refuge“, zum Zufluchtsort, Schutzraum und Chance für einen möglichen Neuanfang.

Bis heute gilt E. Pizzeys Haus als Geburtsstätte der internationalen Frauenhausbewegung.

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Ein Schutzraum – viele Konflikte

Bald leben ca. 40 Personen im Haus. – Eine Situation, die schnell eine Anzahl von Problemen und Konflikten hervorruft.

Nachbarn beschweren sich, es gibt Angriffe und Anzeigen, Gerichtsprozesse… Behörden verlangen Änderungen, verlangen, die Überbelegung des Hauses zu stoppen, in letzter Konsequenz eine Räumung.
E. Pizzey und ihre Mitstreiterinnen kommen den Forderungen von Nachbarn und Behörden nicht nach!

Und die zuständigen Behörden leugnen weiterhin, dass es das Problem „geschlagene Frauen“ überhaupt gibt. Im Zweifel war es ein „privates Problem“ oder, noch schlimmer: es gab Verständnis für die Männer, „die sicher einen Grund hatten zu schlagen“.

Ein Journalist von „The Observer“ beschreibt die konfliktbeladene und bedrohte Situation des offenen Hauses in einem Artikel. Der Bauunternehmer Neville Vincent finanzierte E. Pizzey daraufhin ein größeres Haus:
Chiswick Women’s Aid, No.2 Belmont Terrace

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Die Bewegung „Women’s Aid“

PROBLEM: dieses neue Haus, behördlicherseits für 36 Personen genehmigt, platzt bald wieder aus allen Nähten – mit 150 Personen und unmöglichen sanitären Verhältnissen!

Diese Überbelegung zeigt die verzweifelte Suche von geschlagenen Frauen nach einem sicheren Ort – nach einer Art (zeitweiser) schützender „Heimat“.

Die Bewegung „Women’s Aid“ nahm Fahrt auf: sie bekam weitere einflussreiche Unterstützer. Frauengruppen besetzten leerstehende Häuser, um geschlagene Frauen mit ihren Kindern unterzubringen…

1974 ist ihr „Fall“, sind ihre Anliegen, ihre öffentlichen Demonstrationen zusammen mit betroffenen Frauen und Unterstützer*innen so bekannt, dass die zuständigen Behörden sie endlich finanziell unterstützen. Ihre juristischen Auseinandersetzungen sind damit allerdings noch lange nicht zu Ende.

1975 würdigt ein Abgeordneter im britischen Parlament E. Pizzeys Arbeit: sie leiste erstklassige Pionierarbeit.

1976 führt ihr Engagement zum ersten britischen Gesetz zum Schutz von Opfern häuslicher Gewalt.

Ab 1993 wurde diese Bewegung – zu „Refuge“ umbenannt – zur landesweit größten Organisation gegen häusliche Gewalt.

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Juristische Auseinandersetzungen

Trotz erfolgreicher Anerkennung des Problems geschlagener Frauen durch das britische Parlament: die katastrophalen Zustände in ihrem Frauenhaus wurden dadurch nicht gelöst!

E. Pizzey und ihr Team weigerten sich weiterhin, die Anzahl der schutzsuchenden Frauen (samt Kinder) in ihrem Haus zu reduzieren. Und so wurde E. Pizzey 1976 von der Stadt bei Gericht wegen Überfüllung ihres weiterhin offenen Hauses angeklagt.

Den ersten Prozess gewannen die Frauen dank hervorragendem Rechtsanwalt und wichtigen Unterstützern.

Die Stadt verklagte sie daraufhin beim „High Court“, der sie verurteilte. Die Frauen wandten sich 1977 an das House of Lords. Wenn auch offensichtlich zögernd, verurteilte es ebenso E. Pizzey – wie auch die letzte richterliche Instanz im Oktober 1977.

Die Queen – Retterin in höchster Not

1978 sollte wegen des juristischen Siegs der Stadt das Frauenhaus in Chiswick geschlossen werden.

Eine dort wohnende Mutter wandte sich deshalb mit einer Petition direkt an die Queen. Diese intervenierte im Februar 1978 und verhinderte damit die Schließung des Hauses.

Mit dieser Intervention rettete Queen Elisabeth II nicht nur das konkrete Frauenhaus, sondern die Frauenhausbewegung als Ganzes.

E. Pizzey fasst den ganzen Vorgang in ihren Memoiren wieder knapp und zum Punkt zusammen: „The following February, in response to a letter from one of our mothers, the Queen intervened and saved the Refuge. The war was over, and the rest is history“.3
[„Im darauffolgenden Februar griff die Königin auf einen Brief einer unserer Mütter hin ein und rettete das Refuge. Der Krieg war vorbei, und der Rest ist Geschichte“.]

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TEIL 2: Die Dauerfehde – Kampf um die Deutungshoheit

Beginn

Die Fehde mit Feministinnen – oder wohl besser die Feindschaft und Schlammschlacht, die sich beide Seiten bis heute liefern, startet langsam mit E. Pizzeys erstem Buch 1974: „Scream quietly or the neighbors will hear“, um Ende der 1970er Jahre, spätestens 1982 voll aufzudrehen.

1) E. Pizzey beschreibt 1974 (und später auch in ihren weiteren Veröffentlichungen) mit ungeschönten Worten von Beobachtungen. Erkenntnissen und Dokumentationen konkreter Fälle, mit denen sie und ihr Team zu tun haben. Dazu ihre dazugehörigen Schlussfolgerungen und Forderungen, die die bis dahin gültigen Anschauungen und Tabus radikal und auf immer zerstörten.

2) In ihrem weiteren Buch „Prone to Violence“ (1982) begeht sie einen weiteren Tabubruch:
Sie greift Gesellschaft und Behörden an: sie stellt fest, dass viele, eigentlich gut gemeinte Interventionen von Gesellschaft und (Sozial-)Behörden oft nicht nur wirkungslos, sondern im Gegenteil extrem schädlich sind und die Probleme noch verschlimmern.

3) Ihren aus feministischer Sicht unverzeihlichsten Tabubruch begeht sie, als sie ihre Beobachtung beschreibt: dass es auch gewalttätige, ja, gewaltsüchtige Frauen gibt; dass es auch männliche Gewaltopfer gibt; dass es auch Familien mit reziproken Gewaltstrukturen gibt.

4) Eine Ergänzung zu ihren Beobachtungen, dass die schwarz-weiß-These „alle Frauen sind nur Opfer, nie Täterin – Männer sind immer nur Täter, nie Opfer“ nicht der Realität standhält, erfährt sie auch 1976 bei einer Reise in die USA in Gesprächen mit Congress-Abgeordneten und Frauenorganisationen.
Sie und ihr Team finden zum ersten Mal Gesprächspartner*innen zum Problem des „Drehtüreffekts“: misshandelte Frauen kehren nach einer „Erholungszeit“ im Frauenhaus immer wieder zu ihrem gewalttätigen Partner zurück.

Vorwürfe, Angriffe und argumentative Gegenwehr

E. Pizzey Forschungsergebnisse und ihre daraus folgenden Forderungen lösten heftigsten Widerstand aus: bis hin zu massiven persönlichen Angriffen, Bomben- und Todesdrohungen, Einschüchterung, physische Gewalt und Diebstahl ihrer Hunde (+ vergifteten Hund).

Beide Seiten sind bei ihren gegenseitigen Vorwürfen „nicht fein“ und kämpfen mit harten Bandagen.

Hauptvorwürfe an E. Pizzey. Sie …

• betreibe nicht nur „Verrat an der Sache der Frauen“, sondern habe eine „Anti Frauen Agenda“
• mache eine „Opfer Täter Umkehr“ oder „victim blaming“ (sie gebe Gewaltopfern eine Mitschuld)
• sei „anti feministisch“ (sie untergrabe den feministischen Konsens, dass häusliche Gewalt Ausdruck patriarchaler Machtverhältnisse sei.)
• sei reaktionär
• zeige „internalisierte Misogynie“
• relativiere männliche Gewalt, indem sie weibliche Täterinnen thematisiere

Hauptvorwürfe an Feministinnen. Diese …

• versuchen, die Ehe und das Familienleben zu zerstören
• verbreiten falsche Zahlen
• hassen Männer, zerstören damit deren Leben
• betreiben eine „feministische Industrie“, sind nur daran interessiert, dass die reichlichen Zuschüsse an die Frauenhäuser nicht versiegen
• verweigern die Anerkennung, dass „häusliche Gewalt kein Geschlechterproblem ist“
• sind nicht an einer Lösung des Gewaltproblems interessiert
+ der ganz allgemeine Vorwurf: das feministische Klima schüchtere die Menschen ein, die Wahrheit über häusliche Gewalt zu sagen.

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Zwei englischsprachige Medienberichte als Beispiele

(Deutschübersetzungen von mir)

Deborah Ross

beschreibt in ihrem The Independent-Artikel 1974 „Angeschlagen und zermürbt? Erin Pizzey? Ja, etwas“ sehr ausführlich E. Pizzeys (trauriges) persönliches Leben.
Sie berichtet auch über die Reaktion nach der Veröffentlichung von Pizzeys Buch „Prone to Violence“ 1982: „Die feministische Schwesternschaft rastete komplett aus.“4

Masculinist Evolution New Zealand5

berichtet über einen BBC-Dokumentarfilm „Wer lässt die Familie im Stich?“ (1999), in der Pizzey ausführlich zu Wort kommt und ihre oben schon genannten Vorwürfe ausführlich darstellt.
Außerdem wird in diesem Artikel erwähnt, dass Pizzeys Buch „Prone to Violence“ nach massiven Protesten vollständig aus den Buchhandlungen und Bibliotheken entfernt wurde.

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Quotes von Erin Pizzey6:

„I have never been a feminist, because, having experienced my mother’s violence, I always knew that women can be as vicious and irresponsible as men.“ BBC News (10.11.2021) online
(„Ich war nie Feministin, denn da ich die Gewalt meiner Mutter am eigenen Leib erfahren habe, wusste ich schon immer, dass Frauen genauso grausam und verantwortungslos sein können wie Männer.“)

„You know, one of the hardest things to learn, is peace.“ BBC News (10.11.2021) online
(„Weißt du, eine der schwierigsten Lektionen ist es, Frieden zu finden.“)

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🔍 QUELLEN

1 Deborah Ross (10 March 1997). „Battered? Erin Pizzey? Yes, a bit“. The Independent. Archived from the original on 19 April 2014. (abgerufen 15.07.2025) online
2 Erin Pizzey „Prone to Violence“, Seite 3 (abgerufen 15.07.2025)
3 Erin Pizzey „Prone to Violence“, Vorwort (abgerufen 15.07.2025)
4 Deborah Ross : „Battered? Erin Pizzey? Yes, a bit“, The Independent (10.03.1997) Archived from the original on 19 April 2014. (abgerufen 15.07.2025) online
5 Werbung für eine BBC-Dokumentation (mit Kommentaren weiterer Fachleute, die Pizzey zustimmen) mit dem Titel „Who’s Failing the Family?“, Masculinist Evolution New Zealand (MENZ) (abgerufen 15.07.2025)
6 BBC News (10.11.2021) online

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🔍 externe weiterführende Informationen – Quellen & Literatur

✔️ Erin Pizzeys eigene Plattform
Honest Ribbon (früher bekannt als WhiteRibbon.org). online
Host: ‚A Voice for Men‘ – Nicht verbunden mit anderen White Ribbon-Organisationen!

✔️ Allgemeine Informationen & Biografien
• Wikipedia (Deutsch), abgerufen 15.07.2025. online
• Wikipedia (Englisch), abgerufen 15.07.2025. online
• Wikimannia (kritisch), abgerufen 15.07.2025. online

✔️Journalistische Beiträge (englisch)
🔵 Aktuelle Medienberichte
• BBC News (10.11.2021): „The woman who looked beyond the bruises“ von Bethan Bell, abgerufen 15.07.2025. online
• The Lotus Eaters (23.09.2022): „Erin: Beyond the Bruises – Men Are Finally Being Brought into the Domestic Abuse Equation“ von Hannah Gal, abgerufen 15.07.2025. online
🔵 Artikel – pro-contra
• The Independent (10.03.1997): „Battered? Erin Pizzey? Yes, a bit“ von Deborah Ross. abgerufen 15.07.2025. online
• The Guardian (23.03.1999): „Feminist n, adj. – eine Frau, die Familien zerstört…?“ von Julie Bindel, abgerufen 15.07.2025. online
• The Guardian (26.11.2001): ‚Domestic violence can’t be a gender issue‘ von Dina Rabinovitch (abgerufen 29.03.2926) online
• The Atlantic (27.02.2020): „Feminism’s Purity Wars – Warum Erin Pizzey aus der Bewegung verdrängt wurde“ von Helen Lewis, abgerufen 15.07.2025. online
• Medium (20.07.2023): „The Feminist Who Was Threatened for Acknowledging Male Victims“ von Alexander Moreau-Delyon, abgerufen 15.07.2025. online

✔️ Bücher und Publikationen
🔵 Erin Pizzeys sachbezogene Bücher und Publikationen, nicht ihre Romane
• „Prone to Violence“ (19.02.1982), abgerufen 15.07.2025 – Download verfügbar bei Scribd
• „Schrei leise: Misshandlungen in der Familie“ (1989, deutsche Ausgabe) Vorwort: Sarah Haffner – (englische Originalausgabe: 1974)
• Erin Pizzey: „Working with Violent Women – Pulling aside the blanket of silence on a taboo subject“ (1997): Artikel über ein Tabuthema, abgerufen 15.07.2025. online
• Book reviews zu: „Scream quietly or the neighbors will hear“. online

✔️ Interviews und Gespräche –
Perspektive: Männerrechtsbewegung
• Masculinist Evolution New Zealand (MENZ): Werbung (mit Pizzey zustimmenden Kommentaren weiterer Fachleute) für eine BBC-Dokumentation mit dem Titel „Who’s Failing the Family?“, in der E.Pizzey ihre Thesen erklärt (Juli 1999). abgerufen 15.07.2025. online
• „Dads on the Air (22.05.2007): Radiointerview mit Erin Pizzey („One in Three Campaign“), abgerufen 15.07.2025. online
• John Barry (o.J.): „An invisible hero for invisible victims“ – Interview mit Erin Pizzey zur häuslichen Gewalt, abgerufen 15.07.2025. online

✔️ Aktuelle Forschung und Berichte (2024-2025)
• Bundesministerium für Familie/BMFSFJ (26.09.2024): „Fachtag stellt neue Erkenntnisse zu häuslicher Gewalt gegen Männer vor“, Organisation: Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz (BFKM), abgerufen 15.07.2025. online
• DIW Berlin (5.03.2025): „Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt: Ein gesamtgesellschaftliches Problem“ von Anna Bindler (Abteilungsleiterin Kriminalität, Arbeit und Ungleichheit), abgerufen 15.07.2025. online

✔️ „Erin Pizzey.“ AZQuotes.com. Wind and Fly LTD, 2025. 16 July 2025. online

🔍 Serie „Heimaten“

Statement der Südstädterin: Biografien sind politisch. Sichtbarkeit ist eine Machtfrage. (Stadt-)Geschichte ist nicht neutral. Hier geht es um Frauen. Punkt. Global & europäisch – Geschichte endet nicht an Grenzen.

Stand: 03.2026



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Senetta Joseftal – Senta Josephthal

Aufbau einer neuen Heimat

Senta Josephthal (geboren als Senta Punfud am 5. Dezember 1912 in Fürth, gestorben 2007 in Gal’ed, Israel) steht beispielhaft für das Schicksal vieler deutscher Juden, die durch den Nationalsozialismus ihre Heimat verloren und in Israel eine neue Existenz aufbauten. Ihr Lebensweg ist geprägt von Entwurzelung, aber auch von bewundernswerter Aufbauarbeit und politischer Gestaltung in ihrer neuen Heimat.

Kindheit und Jugend

S. Punfud wuchs in Fürth auf und besuchte das dortige Mädchenlyzeum. Ihr anschließendes Studium der Rechtswissenschaften und Nationalökonomie an der Universität Erlangen musste sie jedoch als Jüdin 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten abbrechen.

In Nürnberg engagierte sie sich im jüdischen Jugendbund, der sich 1933 der zionistischen Jugendbewegung anschloss.
Ab 1934 arbeitete sie bei Hechaluz, einer zionistisch-sozialistischen Organisation, die jüdische Jugendliche auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitete – ein Weg, der auch ihr nicht erspart blieb.

Neue und tiefe Wurzeln im Kibbuz Gal’ed

1938 emigrierte Senta mit ihrem Mann Georg nach Palästina – neuer Name: Senetta und Giora Joseftal.

Dort gründeten sie mit anderen deutschen Juden 1945 den Kibbuz Gal’ed (Gal’ed = ‚Denkmal, Zeugenhügel‘: d.h. der Kibbuz ist ein lebendiges Denkmal für die verlorenen Angehörigen und die zerstörten Gemeinschaften Europas, aber auch Verpflichtung, eine auf Gemeinschaft und Solidarität basierende Gesellschaft zu schaffen.).
Hintergrund der Kibbuzim: die Gartenstadt-Idee E. Howards und die Zentralorttheorien von Walter Christaller flossen in die israelische Raumplanung mit ein.

Kibbuz Gal’ed

Senetta wurde bis ins hohe Alter regelmäßig in das Selbstverwaltungsgremium des Kibbuz gewählt. Sie war bekannt für ihre Nähe zu den Menschen, ihre Tatkraft, ihr Durchsetzungsvermögen und ihre Fähigkeit, unterschiedliche Gruppen zusammenzubringen.
„Ich glaube, es war ein besonderes Anrecht, dass ich meine eigene Heimat mit meinen eigenen zehn Fingern gebaut habe. Es war nicht leicht, aber es war sehr befriedigend.“

Aus einer kargen Einöde entstand durch harte Arbeit eine erfolgreiche Gemeinschaft, überwiegend von Landwirtschaft lebend – eine Kollektivsiedlung, in denen die Menschen ohne Privateigentum zusammenleben.
Gal’ed wurde zum Symbol des Pioniergeistes der Gründergeneration – bis heute ein Ort, an dem die Werte von Solidarität und Gemeinschaft weitergegeben werden.

Sprung zu heute: (2025) das Kibbuz finanziert sich nicht mehr vorwiegend von Landwirtschaft – es ist an einem Unternehmen beteiligt und dadurch zu „einer kommunalen Wirtschaftsorganisation“ geworden mit „kapitalistischen Verhaltensweisen“. 2018 leben dortlaut wikipedia 490 Einwohner.

Senetta und Giora Joseftal – landesweites Engagement

Senetta und Giora Joseftal prägten mehr als nur mit Gal’ed das gesellschaftliche und politische Fundament des Staates Israel entscheidend mit:

Senetta Joseftal

Senetta J. engagierte sich in der landesweiten Kibbuzbewegung und wurde deren Vorsitzende. In der Gewerkschaft Histadrut leitete sie die Eingliederung von Neueinwanderern aus arabischen und afrikanischen Ländern.

Giora Joseftal

Ihr Mann Giora wurde u.a. Minister für Arbeit und Wohnungsbau in Israel.
Konzept des Städtebaus: Neue Städte sollten nicht nur Wohnraum bieten, sondern strategische Frontlinien im Kampf um jüdische Souveränität markieren

Als Generalsekretär der Hechaluz-Organisation entwickelte er ein Konzept beruflicher Umschulungslager, das Heimat aktiv vorbereitete:
Konzept der „Hachschara-Bewegung“: landwirtschaftliche Ausbildungsstätten einrichten, wo junge Juden handwerkliche Fertigkeiten für den Aufbau Palästinas erlernen

Mitglied der Knesset

S. Joseftal machte zwei Mal einen „Ausflug“ in die Politik – kurz, aber wirkungsmächtig:
Sie wurde in die Knesset, das israelische Parlament, gewählt: 1955, auf Vorschlag von David Ben-Gurion (Ministerpräsident und Verteidigungsminister), und erneut 1976. Beide Male legte sie ihr Mandat vorzeitig nieder, da sie die praktische Arbeit der reinen Parlamentsarbeit vorzog:
„Nur Reden halten, das war nichts für mich.“

Konflikt mit der alten Heimat

S. Joseftal wollte nie wieder nach Deutschland zurückkehren.

Doch 1956 schickte sie der damalige Finanzminister Levi Eschkol nach Deutschland. Wie schwer muss es ihr gefallen sein, dorthin zurückzureisen!
Es war eine Rückkehr in ein Land, das nicht mehr „Heimat“ war, sondern ein Ort der Verhandlung, der Konfrontation und der rechtlichen Auseinandersetzung – nicht der Versöhnung.

verweigerte Entschädigungszahlungen

Sie sollte in Frankfurt am Main über Entschädigungszahlungen an Holocaust-Opfer verhandeln. Dazu den Deutschen das Konzept des Kibbuz erklären..

Ministerpräsident David Ben Gurion und Kanzler Konrad Adenauer hatten Entschädigungszahlungen an Israel vereinbart.
Trotzdem verweigerte ein Stuttgarter Gericht zunächst die Zahlungen mit der frechen, unwahren und völlig irrelevanten Begründung, Kibbuz-Bewohner lebten wie in einem Kloster und verzichteten auf weltliche Annehmlichkeiten.
Senta setzte sich hartnäckig für die Rechte der Kibbuz-Bewohner ein – mit Erfolg:
Die Entschädigungszahlungen wurden schließlich überwiesen.

internationales Engagement

Ab 1960 reiste Senta Josephthal häufig im Auftrag von nationalen und Parteiorganisationen ins Ausland.

Ehrungen

Für ihr Lebenswerk wurde sie 2004 mit dem Ben-Gurion-Preis ausgezeichnet

2019 benannte die Stadt Fürth eine Straße nach ihr.

Fürth – Straßen, Wege, Plätze u.ä.

Ansonsten ist sie in Deutschland so gut wie unbekannt.

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🔍 weiterführende Quellen und Links

Senta Josephthal/Senetta Joseftal

Artikel und Biografien
Archive und Enzyklopädien
Zeitungsartikel und Forschung
  • Nordbayern.de
    Bedeutende Frauen: Diese Fürtherinnen haben die Welt verbessert, 08.03.2017.
[alle abgerufen um den 05.06.2025]

🔍 Serie „Heimaten“

Statement der Südstädterin: Biografien sind politisch. Sichtbarkeit ist eine Machtfrage. (Stadt-)Geschichte ist nicht neutral. Hier geht es um Frauen. Punkt. Global & europäisch – Geschichte endet nicht an Grenzen.
  • Stand 01.2026
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Elisabeth Bala

Geografische Heimat

Die Künstlerin Elisabeth Bala verbindet in ihrem Artikel „Im Haus des Vaters und der Mutter“ 1 „Heimat“ mit zwei Fixpunkten ihres Geburtslands Österreich: den Berg Traunstein im Salzkammergut, der sich im Traunsee spiegelt, und einem Grab, das vollständig von Efeu überwachsen ist. Ihren Lebensweg vergleicht sie nicht, wie so oft üblich, mit einem linearen Weitergehen, sondern mit Bahnen, die um diese Fixpunkte kreisen, ohne diese notwendigerweise zu berühren.

„Heimat“, verallgemeinert sie, ist ein Ort oder Zustand, gerne „als Himmel oder Paradies“ idealisiert. Aber in Realität schließt diese „Himmel und Hölle“, „Paradies und Alptraum“ mit ein. Dazu ist sie nur Teil eines größeren Ganzen.

Sie findet vor Jahren eine Entsprechung ihrer Gedanken in einem Text des befreundeten Schriftstellers Fritz Gruber, der sie zu einem Aquarel-Zyklus inspiriert, der sie bis heute begleitet: „Im Haus des Vaters und der Mutter, da wenn wirklich Heimat wäre, das gäb ein Abschiednehmen, ein leises, leises bei der Nacht […] wenn wir schlafen gehn keine Reue den Traum trübt und wir das Fremde erst erfahren mit den Kräften des Erwachens.“

Künstlerische Heimaten2

Elisabeth Bala ist in Wien geboren. Ihre künstlerische Ausbildung begann ebenfalls in Wien, wo sie Grafik-Design studierte. In Nürnberg folgte ein zusätzliches Studium der Malerei.

Die beiden Regionen – Nürnberg in Deutschland und die Steiermark in Österreich – wurden als Erwachsene zu ihren zentralen geografischen Bezugspunkten, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen:
Österreich: ihr Rückzugsort, ein Ort der Reflexion, des künstlerischen Arbeitens und der Wiederbegegnung mit früheren Bildern. In der Steiermark liegt ihr Atelier.
Deutschland: steht für Öffentlichkeit und Netzwerken. In der Region Nürnberg ist sie seit Jahrzehnten in vielfältige kulturelle Zusammenhänge eingebunden – die durchaus überregionales und länderübergreifendes Engagement erfordern können.3

Künstlerisches Engagement4

Neben ihrem Beruf, eigenen Werken und Ausstellungen engagiert sich Elisabeth Bala seit über 35 Jahren im interkulturellen Verein „Frauen in der Einen Welt – Zentrum für interkulturelle Frauenalltagsforschung und internationalen Austausch e.V.“. Ihre künstlerische Expertise und Arbeit ist eine entscheidende Säule für die Publikationen und Ausstellungen des Vereins – in den letzten 20 Jahren insbesondere im „Museum Frauenkultur regional – international“ (kurz: „Frauenmuseum Fürth“).

In einem Interviewzyklus 20205 beschreibt sie die Zusammenarbeit im Verein als wichtige Ergänzung zum oft einsamen Prozess künstlerischen Arbeitens. Die gemeinsame Projektarbeit, das Zusammenwirken verschiedener Perspektiven und Talente sieht sie als wertvolle Ressource, die ihre eigene Praxis bereichert.

Auch die inhaltliche Ausrichtung des Museums auf Frauen und Frauenkultur bejaht sie als konsequent und notwendig.

Schon in den 1980er-Jahren war Elisabeth Bala an Ausstellungen beteiligt, die sich gezielt mit weiblicher Kunst auseinandersetzten – als Reaktion auf die bis dahin männlich dominierte Kunstwelt. Parallel dazu wuchs in Museen und kulturellen Einrichtungen das Bewusstsein für die strukturelle Unsichtbarkeit von Frauen in Geschichte, Wissenschaft und Kultur.
So ist es nicht verwunderlich, dass E. Bala 1989 in Nürnberg zu den multikulturellen Gründerinnen des Vereins „Frauen in der Einen Welt“ (FidEW) gehörte – ein Verein mit seinem vom Start an interkulturellen und frauenpolitischen Schwerpunkt.

Ihre fortlaufende Auseinandersetzung mit weiblicher Identität und der Entwicklung ihrer Kunst macht sie im Interview auch fest an ihrer Fotomontagen-Serie „Ich Du Es – selbdritt“ („selbtritt“ = „zu Dritt“) 6.
E. Bala begann damit 2004 und entwickelte sie über Jahre weiter. 2019 zeigte sie den Zyklus in der Museumsausstellung „Rück Blick Nach Vorne 1989 2019 2030“7.
Der ursprüngliche Arbeitstitel lautete „Was ist individuell und was ist kollektiv?“, heute trägt der Zyklus den Titel: „Das Selbst finden – im Hier und in der Ferne“.

Eines ihrer Werke „Meine Beine lernen – Gehen“ verdichtet aus meiner Sicht ihren künstlerischen wie biografischen Weg. Das Werk besteht aus zwei Bildern und war 2018 Teil der Museumsausstellung „Wie weiblich ist die Stadt? Fürth und die Partnerstädte“.8
Ich bedanke mich herzlich bei Elisabeth Bala, dass ich dieses Werk in meinem Artikel veröffentlichen darf!

Ihrem Fazit am Ende ihres Artikels9 zum Thema „Heimat“ kann ich nur zustimmen – und nicht nur in deren Lebenskontext:
„Es leben die Lebendigen. Die Toten sollen vorerst bleiben, wo sie sind.“

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Sie möchten mehr über Elisabeth Bala und ihre Werke erfahren?
Besuchen Sie doch ihre neue Ausstellung „GESONDERTE MOMENTE – CAFÉ DIALOGE“, in der sie mit ihren Werken in Dialog tritt mit mehreren Künstlerinnen, schwerpunktmäßig mit der Künstlerin und Fotografin Cristina Kahlo (Großnichte von Frida Kahlo)!
Sie finden die Ausstellung in den neuen Räumen des Frauenmuseums in: 90762 Fürth, Hirschenstraße 16 (https://www.frauenindereinenwelt.de/)

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🔍 Hinweise auf die Quellen

1 FidEW-Zeitschrift 2003-2 „Heimaten“, S. 22, 23
2 blog „ Elisabeth Bala I – III“
3 Vieles davon dokumentiert auf den Ausstellungsseiten der Vereinswebseite
4 blog „ Elisabeth Bala I – III“
5 blog „ Elisabeth Bala I – III“
6 In der christlichen Ikonografie bedeutet „selbtritt“: Großmutter Anna, Mutter Maria und Jesus.
7 2019: „Rück Blick Nach Vorne 1989 2019 2030“ im Museum Frauenkultur Regional-International.
8 2018: „Wie weiblich ist die Stadt? – Fürth und die Partnerstädte“ im Museum Frauenkultur Regional-International.
9 FidEW-Zeitschrift 2003-2 „Heimaten“ S. 22, 23

(Web-Adressen siehe unter „weiterführende externe Links“)

🔍 weiterführende externe Links:

  • FidEW-Zeitschrift 2003-2 »Heimaten«
    Im Haus des Vaters und der Mutter von Elisabeth Bala
    PDF online
    Der Aufsatz von Seite 22/23 der Zeitschrift ist vollständig als PDF zugänglich. Für vertiefende Informationen zu Elisabeth Bala finden sich zudem Interviews und Blogbeiträge sowie Eindrücke aus den Ausstellungen von 2018 und 2019 online auf der FidEW-Vereinsseite

Blog „Portraits und Interviews“

Ausstellungen

Blog „Rück Blick Nach Vorne“

Webseite von Elisabeth Bala

weitere Ausstellungen, z.B.

🔍 blog Serie „Heimaten“

Stand 01.2026

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Heimat im Mittelalter und der Frühen Neuzeit

Heimat“ – ein Begriff im Wandel

heute

Der DUDEN definiert: „Land, Landesteil oder Ort, in dem man [geboren und] aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt“. Eine Redewendung von vielen: „Die Heimat ist der Spiegel der Seele.“ „Die Erinnerung ist die einzige Heimat, aus der wir nicht vertrieben werden können“, sagte Jean Paul.

Das Wort „Heimat“ ist im deutschsprachigen Raum seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar. Doch nicht nur seine Lautung und Schreibweise hat sich seit dieser Zeit bis heute verändert, sondern auch die damit verbundene Bedeutung. Z.B. wurde im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit ‚Heimat‘ eher nur punktuell als Gefühl oder Abstrakta („bî got ist unser heim“) begriffen.

MA und frühe Neuzeit

’Heimat‘ war vor allem an das eigene Haus, das „Heim“, geknüpft. Nur wer ein eigenes Haus – eine eigene Feuerstelle – besaß, konnte sich als Teil der Bürgerschaft fühlen und genoss damit bestimmte soziale und rechtliche Vorteile, z.B. Bürgerrechte, Recht auf Heirat und ärztliche Versorgung.

Menschen hatten einen Geburtsort und im Idealfall einen Heimatort. Der Heimatort hatte die Pflicht, arbeitsunfähige und alte Menschen zu versorgen. Soziale Sicherheit war also an das Heimatrecht geknüpft.

‚Heimat‘ war damit ein exklusives Gut der Haus-Besitzenden, der ‚Normgerechten‘ – dazu meist an männlichen Besitz gebunden.

Auswirkungen auf Sprache

In der Sprache zeigt sich bis heute diese enge Bindung an Hausbesitz: „heimelig“, „heimlich“, „geheim“, „heimelisch-heit“ stand für: ‚zum Haus gehörend‘, geborgen, vertraut, nicht öffentlich.

Konsequenterweise bedeutete „unheimlich“: nicht zum Haus gehörend, fremd sein, bedrohlich.

„inwoner“ und Wohnungslose: ausgeschlossen und kontrolliert

Zur Miete gezwungene „inwoner“ wie Gesellen, Dienstboten, Tagelöhner oder Prostituierte, blieben ausgeschlossen. Wer kein eigenes Heim besaß, blieb offiziell heimatlos – und damit auch rechtlich und sozial benachteiligt.

Besonders Menschen, die auf der Straße lebten oder umherzogen, wurden stigmatisiert und per se als gefährlich eingestuft.
(Man muss leider konstatieren, dass sich an dieser Einschätzung, diesem Vor-Urteil, bis heute nicht viel geändert hat.)

Herrschaftsinteressen

Im späten Mittelalter, früher Neuzeit verstärkten sich die territorialen Herrschaftsinteressen, nicht nur „im Großen“ nach außen.
Das zeigte sich auch „im Kleinen“: So entstand in dieser Zeit z.B. die Tradition der „Siebener“ oder der „Feldgeschworenen“. Ihre Aufgabe war/ist es, über die Einhaltung von Grundstücks- und Gemarkungsgrenzen zu wachen. (heute im „Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes“)

Gleichzeitig verschärften sich die Maßnahmen gegen die „heimat-losen“ und besonders gegen die „fahrenden“ Menschen.

Staatliche Repressionen

Straßenkontrollen, Passzwang und polizeiliche Überwachung wurden alltäglich. Körperliche Kennzeichnungen und öffentliche Strafen dienten dazu auszugrenzen.

Bekanntes Beispiel z.B. der Nürnberger Bildschnitzer Veit Stoß, dem man um 1500 wegen Urkundenfälschung zur Strafe die Wange mit einem glühenden Eisen durchstach und ihn damit für den Rest seines Lebens zeichnete, „brandmarkte“.

Frauen doppelt benachteiligt

Ein Recht auf Heimat gestattete man in der Frühen Neuzeit aufgrund veränderter Sexual- und Moralvorstellungen allein erziehenden Müttern nicht mehr. Im Gegenteil, sie mussten ihre ‚Heimat‘ verlassen (so sie überhaupt je eine ‚Heimat‘ hatten) und sich ‚als Fahrende‘ durchs Leben schlagen. Wo immer sie sich zum Schlafen niederließen, mussten sie mit Vertreibung rechnen.

Bestrafung von Frauen

So sahen sich viele Frauen gezwungen, ihre unehelich Neugeborenen zu töten, um nicht ihren Arbeitsplatz zu verlieren, ausgewiesen zu werden oder auf unbestimmte Zeit im Lochgefängnis zu landen – neben dem Automatismus, dass man ihr das Kind weg nahm.

Strafen in Nürnberg für bekannt gewordene Kindsmörderinnen: ursprünglich ertränken.
N. Bennewitz1 berichtet von den ersten mit dem Schwert hingerichteten Kindsmörderinnen in Nürnberg 1580, wie z.B. der 50-jährigen Margaretha Dörfflerin aus Ebermannstadt.

Heimatlos, aber nicht bindungslos

Als weiteres Beispiel berichtet N. Bennewitz1 auch von Anna Margaretha Zirnküblin aus Preußen, die mit ihrem Sohn umherzog, mehrfach inhaftiert wurde und verzweifelt darum kämpfte, ihr Kind nicht zu verlieren.

Fahrende und Besitzlose mögen keine ‚Heimat‘ gehabt haben. Aber ihre räumliche Ungebundenheit führte in der Regel nicht zu familiärer und emotionaler Ungebundenheit!
Dies galt damals und gilt auch heute noch!

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🔍 weiterführende Links

Quelle Nadja Bennewitz

1Nadja Bennewitz: „Von heimeligen Hausbesitzern und unheimlichen Vaganten. Auf der Suche nach „Heimat“ in Mittelalter und Früher Neuzeit“, in der FidEW-Zeitschrift 2/2003 „Heimaten“ Artikel pdf

Persönliche Webseite: bennewitz-frauengeschichte.de

Weitere Quellen zum Thema „Heimat“

🔍 blog Serie „Heimaten“

Statement der Südstädterin: Biografien sind politisch. Sichtbarkeit ist eine Machtfrage. (Stadt-)Geschichte ist nicht neutral. Hier geht es um Frauen. Punkt. Global & europäisch – Geschichte endet nicht an Grenzen.

Stand 01.2026