AMANDA: die Frau hinter dem Preis

Jedes Jahr im August, wenn Norwegen seinen wichtigsten Filmpreis vergibt, steht vor dem Konzerthaus Festiviteten an der Seitenlinie des roten Teppichs eine Frau aus Bronze: Regisseure, Schauspielerinnen, Jurymitglieder gehen an ihr vorbei. Einige von ihnen werden am Ende des Festivals eine Miniaturausgabe von ihr in den Händen halten.
Die meisten kennen ihren Namen: Amanda. Aber kaum jemand kennt ihre Geschichte.
Dabei ist die Geschichte dieser Frau das Eigentliche. Nicht der Preis.

Festiviteten, Haugesund. Vor den Treppen die Statue "Amanda" (markiert), Miniatur-Amanda ist norwegischer Filmpreis

Haugesund, Norwegen, in den 1920er Jahren

Amanda Louise Stangeland, geborene Steinsnes, wird im Juli 1894 bei Steinsnes nördlich von Haugesund geboren. 1914 heiratet sie im Alter von 20 Jahren Anders Bertin Stangeland, einen Böttcher aus Ølen. Sieben Monate später, am norwegischen Nationalfeiertag 1915, kommt das erste Kind zur Welt: Sigrun Beate. Bis Ende 1920 folgen vier weitere Töchter in rascher Folge: Malene, Anna, Magda Louise und Ruth.

1921 stirbt ihr Mann. Amanda Louise ist 27 Jahre alt und hat fünf Kinder unter sieben Jahren.

Was folgt, kennt ihr Großneffe Øyvind Pedersen aus Familienüberlieferung: Sie war eine beliebte Frau mit einem großen sozialen Netzwerk und vielen Besuchern. Bekannt war sie vor allem für das, was man in Haugesund damals „gauking“ nannte: den Verkauf von selbst gebranntem Schnaps an Fabrikarbeiter und Seeleute.

1943 trifft die Familie ein weiterer Schlag: Magda Louise, die viertgeborene Tochter, wird mit zwölf Jahren von einem Auto erfasst und stirbt.

Amanda Louise Stangeland stirbt am 22. Oktober 1947 im Krankenhaus in Stavanger. Sie wurde also gerade 53 Jahre alt.
Ihr Leichnam wird mit dem Boot nach Haugesund überführt und auf dem Friedhof Udland im nördlichen Haugesund beerdigt, in der damaligen Gemeinde Skåre.

Vom Lied zum Preis

1937 schreibt Lars Raknes das Lied „Amanda fra Haugesund“, auf eine schwedische Melodie. Das Lied wird lokal und national gesungen und aufgenommen, in immer neuen Versionen. Die Frau darin ist selbstbewusst und unverwechselbar.

Als das Norwegische Filmfestival 1985 einen neuen Preis brauchte, war dieser Name in Haugesund so verankert, dass er die naheliegende Wahl war. Die Idee geht auf die Regisseurin und Produzentin Bente Erichsen zurück. Die Lokalzeitung Haugesunds Avis schrieb einen Wettbewerb aus: Wer entwirft die Skulptur der legendären Amanda?
Den Wettbewerb gewann der norwegische Bildhauer Kristian Kvakland. Die 30 Zentimeter hohe Bronzefigur wird seither in Haugesund gegossen, bei Olaussen Metall.

Heute steht die lebensgroße Version steht vor dem Festiviteten am Rathausplatz, dem Konzerthaus der Stadt Haugesund. Am 22. August 2011 enthüllten sie die Schauspieler Janne Formoe und Ingar Helge Gimle an diesem ihren neuen Standort. Ursprünglich stand sie ab 1985 auf dem Parkplatz der Lokalzeitung. Auf der kleinen Bronzeplakette am Fuß der Statue steht, dass sie damals von Liv Ullmann enthüllt wurde.

Was der Preis aussagt

Der Amanda Award trägt den Namen einer Frau, die von der Bevölkerung ihrer Stadt teilweise scheel angesehen wurde, aber auch, nicht zuletzt durch das Lied, nicht vergessen wurde. Eine Frau, die trotz Armut, trotz eines schweren Schicksals auf tatkräftige Weise ihre Kinder durchbrachte, auf ihre eigene, selbstbewusste Art.

Dass ihr Name heute für künstlerische Exzellenz steht, sagt auch etwas darüber aus, wie Erinnerung funktioniert: Wiederholung – Wiederholung – Wiederholung. Dabei ist sogar nicht ausgeschlossen, dass sich die ursprünglichen Bewertungen im Laufe der Zeit abschleifen, sich wandeln und ins Gegenteil verkehren … Wissen verloren geht.

Und so wird die ganze Geschichte der Amanda Louise Stangeland heute neu erzählt. Erst 2025 erschien die erste Biografie über sie, geschrieben von Eirin Marthinussen aus Sveio nach drei Jahren Archivrecherche. Selbst Amandas Nachkommen, so Marthinussen, seien von dem überrascht worden, was sie gefunden hat.

🔍 weiterführende Links (aufklappen)

1. Amanda als historische Person

2. Amanda als Stadtlegende und kulturelle Erinnerung

  • Theaterstück zur Amanda-Legende, Untertitel „den (halv) sanne historien“ – Suche auf Haugesunds Avis (Archiv, Suche erforderlich)
  • Entstehung des Musicals, erste Leseprobe – Suche auf Haugesunds Avis (Archiv, Suche erforderlich)
  • Lokale Erinnerungskultur rund um Amanda – Suche auf Haugesunds Avis (Archiv, Suche erforderlich)

3. Amanda als Denkmal und öffentlicher Raum

4. Amanda als nationale Marke: Filmpreis und Filmfestival

5. Amanda im populären Gedächtnis und Liedgut

Denkmäler für Frauen

Werden Sie selbst zur Forscher*in – auf vier Wegen:

Denkmäler entdecken
Gezielt nach Lage suchen
Biografien lesen
Für wen ist das Denkmal?
Muster erkennen
Wann errichtet? Was fällt auf?
Analog erkunden
„Festiviteten, Haugesund“ ins Navi – und los!
Statement der "Südstädterin": Biografien sind politisch. Sichtbarkeit ist eine Machtfrage. (Stadt-)Geschichte ist nicht neutral. Hier geht es um Frauen. Punkt. Global & europäisch – Geschichte endet nicht an Grenzen.