Am Anfang meiner Recherche steht das Foto einer mir unbekannten lebensgroßen Statue einer Frau in einem mir unbekannten schwedischen Dorf mit heute knapp 2.650 Einwohnern: „Gränna“. Das Foto schickte mir eine nordlandverliebte Verwandte (herzlichen Dank an Katrin).
Die Statue von Amalia Eriksson
Im Södra Parken (‚Südpark‘), wenige Schritte von der Brahegatan (‚Brahegasse‘) entfernt, steht seit 1997 die Bronzestatue: AMALIA ERIKSSON, einen Korb voll Polkagrisar (‚Zuckerstangen‘) am Arm. Die schwedische Bildhauerin Lena Lervik hat sie in Arbeitskleidung dargestellt.
„Polkagrisar“: nicht irgendwelche Zuckerstangen, nein, DIE schwedischen handgefertigten Zuckerstangen, die als erstes weltweit professionell hergestellt wurden, und einen Siegeszug durch die Welt antraten. Wahrscheinlich am bekanntesten in den USA, wo die sog. „Candy Canes“, die, allerdings industriell hergestellten, rot-weiß gestreiften Zuckerstangen in traditioneller Weise zu Weihnachten an den Christbaum gehängt werden.
Ob jemand in den USA weiß, dass diese „Äkta Gränna Polkagris“ („Echte Gränna Zuckerstangen“) seit 2022 eine geschützte geografische Angabe der EU ist? Eines von 26 registrierten schwedischen Produkten?

Amalia Eriksson
Amalia Eriksson, geborene Lundström, wurde 1824 in Jönköping geboren, etwa 50 km entfernt von Gränna. Sie war Tochter einer Magd und eines Hufschmieds. Mit zehn Jahren verlor sie allerdings Eltern und Geschwister in einer Choleraepidemie. So wuchs sie bei Pflegeeltern auf, arbeitete jahrelang als Magd und zog 1855 mit ihrer Arbeitgeberfamilie nach Gränna.
Dort heiratete sie. Sie bekam Zwillinge. Einfach unvorstellbar: ein Zwilling wurde tot geboren. Und vier Tage später starb ihr Mann an der Ruhr.
Sie war 34 Jahre alt, Witwe, ohne Kapital, ohne Netz, mit einem neugeborenen Kind.

Ein nach der europäischen Revolution von 1848 erlassenes Gesetz half ihr, wirtschaftlich zu überleben:
Frauen in Schweden durften zu dieser Zeit zwar kein Gewerbe betreiben. Als Witwe konnte sie jedoch beim Magistrat eine Sondergenehmigung beantragen.
Und so erhielt Amalia Eriksson am 10. Januar 1859 die Erlaubnis, „feine Backwaren und sogenannte Polkagrisar“ herzustellen.
Im Folgenden die deepl-Übersetzung der Erlaubnis:
„Da die Antragstellerin gemäß der hier vorgelegten Bescheinigung des Pfarrers volljährig ist, am Heiligen Abendmahl teilgenommen hat und bei guter Gesundheit ist, stellt der Magistrat gemäß § 12 Abs. 1 der Königlichen Handwerksverordnung (Kongl. Hantverksförordningen) vom 22. Dezember 1846, dass kein Hindernis vorliegt, das die Antragstellerin daran hindert, hier in dieser Stadt mit eigenen Händen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, ‚eine Bäckerei zu betreiben, in der grobes und feines Brot sowie sogenannte Polkagrisar hergestellt werden‘.“
Amalia Eriksson gilt als die erste Person weltweit, die diese rot-weiß gestreiften Pfefferminzkaramellen kommerziell produzierte. Wie sie auf diese Idee kam, ist nicht überliefert.
Das Rezept: Zucker, Wasser, Essig, Pfefferminzöl; ein Teil der Masse rot gefärbt, der andere durch langes Kneten porös gemacht. Der Name „Polkagrisar“ – „Polkaschwein“: kombinierte den damals populären Tanz mit dem zeitgenössischen Begriff für harte Bonbons.

Der/die/das „Polkagrisar“ machte Amalia Eriksson zu einer der bekanntesten, wohlhabendsten und einflussreichsten Personen Grännas. Sogar Kronprinz Gustaf Adolf und seine Frau Margareta ließen es sich nicht nehmen, Amalias Bäckerei 1915 aufzusuchen, um ihre Süßigkeiten zu kaufen.
Amalia Eriksson starb 1923 mit 98 Jahren. Ihre Tochter Ida führte das Geschäft bis 1945 weiter.

Und heute?
Heute ist Gränna berühmt für seine handgemachten rot-weißen Pfefferminzstangen, seit 2022 eine geschützte geografische Angabe der EU. Viele Geschäfte leben von deren Herstellung in den verschiedensten Variationen und Geschmäckern.
Am 25. Juli jeden Jahres gibt es die ‚Polkagrisar-Weltmeisterschaft‘ in Gränna.
Im Guinness-Buch steht sie auch: 1989 als „längste Polkagrisar-Stange“ mit 286,7 bzw. 287,8 m; 1993 als „höchste Polkagrisar-Stange“ mit 8,67 m; 2003 als „schwerste Polkagrisar-Stange“ mit 2.158,7 kg
Ihr Wohnhaus wurde zu einem Vier-Sterne-Hotel umgebaut.
Und wer sind die beiden weiteren außergewöhnlichen Frauen Grännas und der damit eng verbundenen, nahegelegenen Insel Visingsö?
Meine Suche nach weiteren bemerkenswerten Frauen aus Gränna führt, nicht durch lokale Überlieferung, sondern mit Hilfe von KI, zu zwei Frauen, die außerhalb von Fachkreisen so gut wie unbekannt sind. Und so möchte ich sie hier wieder „sichtbar machen“.
Die erste Spur führt über das ‚Schwedische Frauenbiografische Lexikon‘ (SKBL) und das lokale Geschichtsbuch von 1980. Alle weiteren Forschungen und Verifizierungen müssten lokal in Kirchenbüchern und Archiven durchgeführt werden.
Maria Jonae Palmgren
Maria Jonae Palmgren wurde 1630 in Gränna geboren, als Gränna noch kein Stadtrecht hatte und vielleicht hundert Menschen zählte.
1645, mit fünfzehn Jahren, wurde sie als Schülerin bzw. Elevin am Gymnasium des Grafen Brahe auf der Insel Visingsö aufgenommen. Die einzige dauerhaft besiedelte Insel im Vätternsee, heute in etwa 25 Minuten per Fähre erreichbar.
M. J. Palmgren gehörte damit zu den frühesten bekannten weiblichen Lernenden an einer höheren Schule in Schweden. Die nächste Frau an derselben Schule scheint erst 135 Jahre später aufgenommen worden zu sein.
Clara Aurora Liljenroth
Clara Aurora Liljenroth wurde 1772 auf Visingsö geboren.
1780 wurde sie am selben Gymnasium als Schülerin aufgenommen, mit acht Jahren, nach einer Aufnahmeprüfung in Latein und Naturwissenschaften. 1788 bestand sie ihre Abschlussprüfung mit Auszeichnung in allen Fächern, die Abschlussrede hielt sie auf Französisch. Das war fünfundachtzig Jahre bevor Schwedens Universitäten offiziell für Frauen geöffnet wurden (1873).
Die Frage drängt sich natürlich auf, ob Gränna oder das Gymnasium besonders fortschrittlich oder feministisch waren?
Nein, waren sie nicht. Aber man sollte den Schulbesuch der beiden Mädchen Maria und Aurora auch nicht vergessen oder klein reden. Auch wenn die Voraussetzungen für den Schulbesuch außergewöhnlich waren, selbstverständlich war er trotzdem nicht.
Amalia Eriksson dagegen hatte keine Schulbildung. Allerdings konnte sie lesen und schreiben, was aber für ihre Zeit und ihre „einfache Herkunft“ auch keine Selbstverständlichkeit war. Wo sie lesen und schreiben lernte, ist nicht bekannt.
Der Grundstock ihres Erfolgs war allerdings nicht Bildung, sondern Not – und ein Gespür für wirtschaftliches Handeln. Die Dispensgenehmigung, die sie 1859 beantragte, war ihre einzige rechtliche Ressource. Was sie daraus machte, war Erfindungsgeist, Arbeitsfleiß und, das betonen alle Quellen, ausgeprägte Marketingkompetenz.
Was die beiden Mädchen mit ihrem privilegierten Studium anfingen?
Maria Jonae Palmgren heiratete nach dem Studium einen Mitschüler, einen späteren Beamten des Grafen Brahe. Sie bekamen fünf Kinder.
Was Maria Jonae Palmgren mit ihrer Bildung anfing, ist nicht überliefert.
Aurora Liljenroth wurde nach dem Abschluss bekannt: in der Presse, bei Hofe, in Akademikerkreisen. Laut einer Familienchronik aus den 1880ern fand sie aber, ihr Vater habe sie wie eine „Trophäenpuppe“ vorgeführt. Sie las ihr Leben lang, kopierte Aufsätze und Artikel, schrieb aber nichts Eigenes.
Sie heiratete den Fabrikbesitzer Anders Eneström. Sie bekamen sechs Kinder, allerdings starb der jüngste Sohn bei der Geburt. Nach dem Tod von Anders Eneström 1824 verwaltete sie das Erbe, galt als angesehene Ratgeberin für ihre Umgebung.
Aurora Liljenroth starb 1836 mit 64 Jahren auf dem von ihr benannten Gut Liljendal.
Zum Hintergrund des Gymnasiums:
Die ‚Braheskolan‘ wurde am 1. Mai 1636 von Graf Per Brahe dem Jüngeren auf Visingsö als Privatschule gegründet. Sie stand damit unter dem Patronat des Grafen. Dies schuf einen Spielraum, den staatliche Institutionen nicht hatten.
Dass bereits 1644 eine ‚Ursula Agricola aus Straßburg‘ an der Schule aufgenommen worden war, legitimierte vermutlich alle späteren Aufnahmen wie jene von Maria Palmgren und Aurora Liljenroth.
Gränna wiederum wurde 1652 ebenfalls vom Grafen Per Brahe dem Jüngeren gegründet. Brahe-Grenna war die erste und einzige schwedische Stadt mit adligen statt königlichen Stadtrechten.
Hinzu kommt: Der Vater Palmgren war die Tochter des Pfarrers von Gränna. Der Vater Liljenroth war selbst Lehrer am Gymnasium: Voraussetzungen, die den außergewöhnlichen Bildungsweg ihrer Töchter überhaupt erst denkbar machten.
Mein Fazit:
So unterschiedlich ihre Voraussetzungen waren, privilegierte Bildung auf der einen Seite, existenzielle Not auf der anderen:
Alle drei Frauen zeigen, dass auch ein kleines Dorf unerwartete Spuren in der Geschichte hinterlassen kann.
🔍 weiterführende Links (aufklappen)
Amalia Eriksson
- Amalia Elisabeth Eriksson, Svenskt kvinnobiografiskt lexikon (Artikel von Linnea Åshede) – SKBL-Artikel
- Amalia Eriksson, Technisches Museum Stockholm – Technisches Museum
Verwandte Biografien
- Clara Aurora Liljenroth, Svenskt kvinnobiografiskt lexikon (Artikel von Kekke Stadin) – SKBL-Artikel
- Maria Jonae Palmgren – Wikipedia EN
- Maria Jonae Palmgren – web.archive.org
Polkagrisar & Gränna
- Polkagrisar – Wikipedia DE
- Gränna – Wikipedia DE
- EU-Rechtsgrundlage Polkagrisar-Schutzbezeichnung – eur-lex
- Candy Championships 2013 – youtube
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