Alma Maximiliane Karlin und die Sprachen

* 12. Oktober 1889 in Cilli, Österreich-Ungarn (heute Celje, Slowenien)
† 14. Januar 1950 in Pečovje, Gemeinde Štore bei Celje, Slowenien

Begabung, Ausbildung und Neugier

Alma M. Karlin war, wie man so sagt, ein Sprachgenie.

Mindestens acht Sprachen hat sie mit Prüfungen abgeschlossen. Hinzu kamen weitere Sprachen, die sie sich im Laufe ihres Lebens aneignete. Auf ihren Weltreisen soll sie sich in den Ländern, in denen sie länger lebte, die jeweilige Landessprache mit Leichtigkeit angeeignet haben. Sie verfasste ein „Wörterbuch der 10 Sprachen“, wohl als Vorbereitung auf ihre Weltreise, veröffentlichte es jedoch nie.

Möglicherweise wurden Ihr, neben persönlichen Gründen, Sprachen besonders wichtig, weil sie in Cilli (heute Celje) in einer mehrsprachigen Umgebung aufwuchs. Sie hatte eine (K. und K.-)österreichisch-slowenische Familie, in der Deutsch die Familiensprache war. Sie schrieb später: „Zu Hause sprachen wir ausschließlich Deutsch … Auch im Haus meiner slowenischen Tante sprach man mit mir Deutsch.“

Hintergrund: Im Alltag der Stadt spielte Slowenisch zwar eine wichtige Rolle, aber die slowenisch Sprechenden waren gesellschaftlich benachteiligt. Deutsch war die Sprache des Adels und des Bürgertums.

Neuere Forschungen gehen davon aus, dass Alma M. Karlin durchaus Slowenisch sprach. Offenbar beherrschte sie diese Sprache jedoch weniger sicher als viele ihrer später erlernten Fremdsprachen. Bemerkenswert ist außerdem, dass sie, anders als bei mehreren anderen Sprachen, nichts auf Slowenisch veröffentlichte.

Den Grundstein für ihre sprachliche Ausbildung und spätere schriftstellerische und journalistische Arbeit legte Alma M. Karlin bereits in jungen Jahren. Schon als Kind und Jugendliche waren Lesen und Schreiben für sie weit mehr als bloße Freizeitbeschäftigungen. Sie boten ihr die Möglichkeit, einem von Einsamkeit, körperlichen Einschränkungen und medizinischen Behandlungen geprägten Alltag zu entfliehen und ihre Gedanken sowie Gefühle auszudrücken. So führte sie regelmäßig ein Tagebuch, verfasste Gedichte und weitere literarische Texte.

Außerdem nahm sie in Celje privaten Unterricht in Englisch und Französisch, den sie 1907 und 1908 mit den staatlichen Lehramtsprüfungen für Englisch und Französisch in Gorica (damals K. und K.-Monarchie, heute Italien) abschloss. Eine ausgedehnte Europareise mit ihrer Mutter schloss sich an.
Aber schon im Herbst 1908 reiste sie allein nach London. Ihren Lebensunterhalt finanzierte sie dort durch Arbeit in einem Übersetzungsbüro. Ein weiteres Standbein war das private Unterrichten in Englisch.

In ihrer Freizeit stürzte sie sich auf das Erlernen vieler weiterer Sprachen. Dazu wählte sie nicht nur Bücher, sondern sie nahm Unterricht bei Muttersprachlern. So konnte sie Beides verbinden: die Sprache auf bestmögliche Weise lernen und gleichzeitig „die Seele der Menschen“ erforschen.

1914 schloss sie ihre Ausbildung mit Auszeichnung an der Royal Society of Arts mit Prüfungen in Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch sowie den skandinavischen Sprachen Schwedisch, Norwegisch und Dänisch ab. Nach manchen Quellen studierte sie außerdem Finnisch und Latein. Ob sie auch in diesen Fächern Prüfungen ablegte, lässt sich anhand der verfügbaren Quellen nicht eindeutig klären.

Während ihrer Londoner Jahre erwarb sie sich zusätzlich Grundkenntnisse in Sanskrit, Chinesisch und Japanisch Sie benutzte dafür die „Tandem-Methode“, d.h. sie suchte Sprachenschüler zum gegenseitigen Unterricht in Sprache und Kulturaustausch.
Das Wissen dieser drei asiatischen Sprachen konnte sie auf ihrer späteren Weltreise weiter vertiefen.
Einschub: Alma M. Karlin war kurzzeitig mit dem Sohn eines chinesischen Mandarins verlobt. Sie lernte ihn durch ihre Unterrichtstätigkeit kennen .

Persisch und Esperanto kamen in späteren Lebensjahren hinzu.

Ihre vielen Reisen in der kurzen Zeit von sechs Jahren, also zwischen 1908 und 1914, bieten auch einen Grund zum Staunen – noch dazu bei den damaligen Reisebedingungen.
Sie studierte in Paris für ca. sechs Monate Französisch an der Sorbonne, aber auch die Grundstrukturen der chinesischen Sprache am Orientalischen Institut. Einige Dokumente deuten darauf hin, dass dies 2011 war, allerdings gelten ihre autobiografischen Notizen zu diesem Aufenthalt als verloren.
Einige Quellen erwähnen außerdem in diesen Jahren einen Aufenthalt in Norwegen und Finnland, den Karlin als eine Art Vorbereitung auf ihre Weltreise genutzt habe.

Die Zahl der von Alma M. Karlin beherrschten Sprachen wird in verschiedenen Veröffentlichungen unterschiedlich angegeben. Unstrittig ist jedoch, dass für sie Sprachen nicht nur ein Werkzeug zum Reisen, sondern auch der Schlüssel zum Verständnis anderer Kulturen war.

Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges wurden ihr als Angehörige des Feindes Englands Bewegungseinschränkungen auferlegt. Sie verließ London und wich nach Norwegen und Schweden aus. Auch hier kann sie ihren Lebensunterhalt durch Unterricht von Sprachen finanzieren. In ihrer Freizeit studiert sie statt weiterer Sprachen „alte Civilisationen“.

Sie hat das Gefühl, dass sie genug gelernt und studiert hat. Das Unterrichten allein ist ihr nicht befriedigend genug. Sie möchte schreibende Profi werden.
Sie schreibt ihr erstes Buch, ein Theaterstück „Die Kringhäusler“, das 1918 in Leipzig veröffentlicht wurde. Aus späterer Sicht kein gelungenes Werk. Es brachte ihr dazu viel Kritik ein, weil sich reale Personen bei den darin geschilderten Personen wiedererkannten.

Nach Ende des ersten Weltkriegs kehrte sie nach Celje zurück und gründete eine Sprachenschule. Ihr Wissensdurst und ihre Reiselust bestehen aber weiter. So baut sie sich ein Reisebudget für ihre Weltreise auf, kaufr sich ihre „Erika“-Schreibmaschine, ihr späteres Kennzeichen, und studierte weitere Themen.

Warum gerade Französisch, skandinavische und fernöstliche Sprachen?

Karlins Sprachwahl erscheint aus heutiger Sicht ungewöhnlich. Sie entsprach jedoch den kulturellen und geistigen Strömungen ihrer Zeit.

Französisch galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als internationale Kultur- und Bildungssprache. Sie war für Schriftstellerinnen, Journalisten und Intellektuelle von zentraler Bedeutung. Alma M. Karlin entdeckte schon in ihrer Jugend, dass sie eine Affinität zur französischen Sprache hat. Die Beherrschung des Französischen eröffnete ihr später den Zugang zur europäischen Literatur-, Kunst- und Wissenschaftswelt.

Auch ihr Interesse an den skandinavischen Sprachen war zeittypisch. Die Literatur aus Schweden und Norwegen genoss damals europaweit großes Ansehen, wurde als innovativ und gesellschaftlich relevant wahrgenommen. Damit konnte Karlin skandinavische Werke im Original lesen und sich intensiv mit deren Kultur und Denkweise auseinandersetzen. Auch Kontakte zu wichtigen Persönlichkeiten, wie z.B. zu Selma Lagerlöf, waren dadurch problemlos möglich.

Einschub: Manchmal wird behauptet, dass S. Lagerlöf A. Karlin für den Nobelpreis vorgeschlagen hat. Auf der offiziellen Seite des Nobelpreises findet sich kein Hinweis darauf, dass Karlin jemals für den Nobelpreis nominiert wurde.

Karlins Hinwendung zu fernöstlichen Sprachen und Kulturen fügte sich ebenfalls in eine breitere Entwicklung des frühen 20. Jahrhunderts ein.
In Europa, insbesondere auch im deutschsprachigen Raum, wuchs das Interesse an Asien.

Neben China und Japan galt vor allem Indien als bedeutender Kulturraum, dessen philosophische und religiöse Traditionen große Aufmerksamkeit fanden. Buddhismus, Hinduismus und die indische Geistesgeschichte beeinflussten Wissenschaft, Literatur und Kunst.

Maßgeblich trugen dazu Persönlichkeiten wie Arthur Schopenhauer bei, der die indischen Upanishaden als eine der bedeutendsten Quellen philosophischer Erkenntnis würdigte. Friedrich Rückert, der mit seinen Übersetzungen und Dichtungen orientalische und indische Literatur einem breiten Publikum näherbrachte, steht ebenfalls prominent für dieses Interessse. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Indien gewann dadurch ebenfalls an Bedeutung. Dafür steht beispielhaft die Indologin Betty Heimann, die als erste Frau Deutschlands für Indologie habilitiert wurde und später in Indien und Ceylon lehrte. Sie verkörperte eine neue Generation von Wissenschaftlerinnen, die den kulturellen Austausch mit Asien unmittelbar vor Ort vertieften.

In diese spirituelle Strömung passte auch die 1875 in den USA gegründete Theosophische Gesellschaft, die hinduistische und buddhistische Elemente in ihre Lehre aufnahm.
Für Karlin, die sich spätestens seit ihrer Londoner Zeit mit der Theosophie beschäftigte, wurde sie zur wichtigen Bezugsgröße: Nach 1945 engagierte sie sich im jetzt jugoslawischen Celje in der dortigen theosophischen Gesellschaft, ohne deshalb ihre Mitgliedschaft in der römisch-katholischen Kirche aufzugeben. Zur Überraschung ihrer Freunde wünschte und bekam sie eine katholische Beerdigung.

Neben Indien rückten auch China und Japan zunehmend in den Blick Europas. Für China prägte vor allem der Sinologe Richard Wilhelm mit seinen Übersetzungen klassischer Werke das deutsche Chinabild, während der Japanologe Karl Florenz die japanische Literatur und Kultur im deutschsprachigen Raum bekannt machte.

Alma Karlins Motivation

Sprachen waren für Alma M. Karlin weit mehr als ein Flucht- und Kommunikationsmittel. Sie waren für sie der Schlüssel zu Bildung, Literatur, Reisen und Kennenlernen fremder Kulturen. Ihr Ziel war nicht das bloße Erlernen möglichst vieler Sprachen, sondern über diese ein Verständnis für die Menschen und Kulturen zu entwickeln, die sich hinter ihnen verbargen.

Sie schrieb in ihrer autobiographischen Schrift „Ein Mensch wird“ : „Wenn ich später einmal in die weite Welt hinausgehe, möchte ich das Innere der Dinge kennenlernen, das heißt die Seele der Menschen, die Blumen und Tiere der inneren Welten. Vor allem aber möchte ich den Aberglauben anderer Völker erforschen.“

Ein weiteres Zitat zeigt, dass bei ihr Lernen und Schreiben untrennbar miteinander verbunden waren: „Bis dahin hatte ich nur alles in mich hineingeschüttet … Nun begann alles hervorzusprudeln und verlangte nach einem Ausweg.“

Dass Karlin fremde Kulturen über ihre Sprachen verstehen wollte, war für ihre Zeit ein ungewöhnlich offener Ansatz. Wie ihre Beobachtungen heute wissenschaftlich eingeordnet werden, muss Thema eines eigenen Kontextartikels innerhalb dieser Reihe sein.

Jeder Artikel geht einer Frage nach.
Gemeinsam erschließen sie Alma M. Karlin, ihre Lebenswelt und ihre Nachwirkung bis heute.

Alma M. Karlin
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Externe Informationen

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Diese Auswahl vereint digitale Quellen und grundlegende Forschungsliteratur zum Thema „Alma M. Karlin und Sprachen“. Sie ergänzt die im Artikel verwendeten Internetquellen und verweist auf den aktuellen Forschungsstand sowie auf wichtige Primär: und Sekundärliteratur.

A. Online:Ressourcen

Alma M. Karlin

  • Alma M. Karlin – Virtual Home (Gedenkstätte Celje): Offizielle Website des Alma:Karlin:Gedenkhauses mit Biographie, Nachlassinformationen und Materialien — almakarlin, SI
  • Alma M. Karlin – Virtual Home: Biographie (englisch) — almakarlin
  • Regionalmuseum Celje (Pokrajinski muzej Celje), EN/SI — pokmuz-ce
  • Slovenska biografija (Slowenische Biographie) — slovenska-biografija
  • FemBio – Institut für Frauen:Biographieforschung: Biographie von Alma M. Karlin — fembio

Wissenschaftliche Aufsätze und Publikationen

  • Maja Veselič (2021): The Allure of the Mystical: East Asian Religious Traditions in the Eyes of Alma M. Karlin (online verfügbar, ResearchGate) — researchgate
  • University of Maribor Press (online verfügbar) — press.um.si
  • Gabriele Habinger: Einsam von einem zum anderen Ende der Welt: Alma Karlin (1889–1950) (gedruckte Publikation, Universität Wien) — univie

Bibliographien

  • Kamra – Digital Collections: Ausgewählte Bibliographie zu Alma M. Karlin — kamra

Journalistische Quelle

  • Deutschlandfunk: Alma M. Karlin: „Einsame Weltreise“ – Die selbsternannte Kolumbustochterdeutschlandfunk

Selma Lagerlöf und Nobelpreis

  • Nobel Prize – Selma Lagerlöf (Biographie) — nobelprize

Arthur Schopenhauer

Friedrich Rückert

Betty Heimann

Richard Wilhelm

Karl Florenz

B. Gedruckte Literatur

Alma M. Karlin

  • Karlin, Alma M.: Einsame Weltreise. Mehrere Ausgaben (u. a. Drava Verlag; Mladinska knjiga).
  • Karlin, Alma M.: Im Banne der Südsee. Mehrere Ausgaben.
  • Jezernik, Jerneja: Alma Karlin – Državljanka sveta. Ljubljana, 2009.
  • Jezernik, Jerneja: Alma M. Karlin. Eine Weltbürgerin aus der Provinz.
  • Jezernik, Jerneja (Hrsg.): Alma M. Karlin – Bürgerin von morgen.
  • Trnovec, Barbara: Neskončno potovanje Alme M. Karlin: življenje, delo, zapuščina. Celje, 2020.
  • Jesenšek, Vida; Ehrhardt, Horst; Kaloh Vid, Natalia (Hrsg.): Language and Style in the Work of Alma M. Karlin / Jezik in slog v delih Alme M. Karlin. University of Maribor Press, 2019.

Asienrezeption in Deutschland

  • Marchand, Suzanne L.: German Orientalism in the Age of Empire. Religion, Race, and Scholarship. Cambridge University Press, 2009.
  • McGetchin, Douglas T.; Park, Peter K. J.; SarDesai, Damodar (Hrsg.): Sanskrit and „Orientalism“. Indology and Comparative Linguistics in Germany, 1750–1958. New Delhi: Manohar, 2004.

Arthur Schopenhauer

  • Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Mehrere wissenschaftliche Ausgaben.

Friedrich Rückert

  • Rückert, Friedrich: Die Weisheit des Brahmanen.

Richard Wilhelm

  • Wilhelm, Richard (Übers.): I Ging. Das Buch der Wandlungen. Mehrere wissenschaftliche Ausgaben.

Anmerkung

Für eine vertiefende Beschäftigung mit Alma M. Karlin bilden insbesondere die Arbeiten von Barbara Trnovec und Jerneja Jezernik sowie die Veröffentlichungen der University of Maribor Press und der Zeitschrift Slavia Centralis den aktuellen Forschungsstand. Für Karlins Asienbild sind darüber hinaus die Studie von Maja Veselič sowie Suzanne L. Marchands kulturhistorische Untersuchung zur deutschen Asienrezeption besonders empfehlenswert.

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Dieser Artikel ist Teil der Reihe Alma M. Karlin in europäischer Perspektive

Denkmäler für Frauen