Die ‚Theosophische Gesellschaft‘: eine Einordnung

Die Theosophische Gesellschaft: Auf der Suche nach einer gemeinsamen geistigen Wahrheit

In die spirituellen Strömungen des 19. Jahrhunderts gehört auch die 1875 in New York gegründete Theosophische Gesellschaft. Zu ihren Gründern gehörten Helena Petrovna Blavatsky, 1831 im damals zum Russischen Kaiserreich gehörenden Jekaterinoslaw (heute Dnipro, Ukraine) geboren, der US-Amerikaner Henry Steel Olcott und der irisch-US-amerikanische Jurist William Quan Judge. Die Gesellschaft entwickelte sich zu einer internationalen Bewegung, die sich mit Religionen, Philosophie, Esoterik und übersinnlichen Phänomenen beschäftigte.

Die Theosophische Gesellschaft: eine neue Kirche?

Der Begriff „Theosophie“ bedeutet wörtlich etwa „göttliche Weisheit“. Das Ziel der international organisierten, spirituellen und esoterischen Gesellschaft war und ist, hinter den verschiedenen Religionen eine gemeinsame geistige Wahrheit zu suchen. Dabei verbindet sie Elemente westlicher esoterischer Traditionen mit Vorstellungen aus asiatischen Religionen und Philosophien, insbesondere aus Buddhismus und Hinduismus. Trotz ihrer starken Hinwendung zu asiatischen Religionen und Vorstellungen wie Karma und Wiedergeburt war die Theosophie keine einfache Übernahme buddhistischer oder hinduistischer Lehren. Sie verband diese mit westlichen esoterischen Vorstellungen und entwickelte daraus eine eigene Weltanschauung.

Die Theosophische Gesellschaft versteht sich nicht als neue Kirche. Schon gar nicht als Kirche im herkömmlichen christlichen Sinn. Sie wollte auch nicht an die Stelle der bestehenden Religionen treten. Sie besitzt keine verbindliche Glaubenslehre, keinen Klerus und keine sakramentale Formen des Glaubens. Ihre Mitglieder können unterschiedlichen Religionen angehören oder keiner Religion. Im Mittelpunkt steht die vergleichende Erforschung von Religion, Philosophie und Wissenschaft sowie die Suche nach verborgenen geistigen Gesetzmäßigkeiten.

Für Menschen des 19. Jahrhunderts war die Theosophische Gesellschaft deshalb in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Man brauchte keine kirchliche Organisation verlassen und keine neue Glaubenslehre annahmen. Im Gegenteil: Menschen verschiedener religiöser Hintergründe verband die Idee einer universellen Bruderschaft der Menschheit, die vergleichende Erforschung von Religion, Philosophie und Naturwissenschaft sowie die Untersuchung bisher unerklärter Naturgesetze und verborgener Fähigkeiten des Menschen.

Die Theosophische Gesellschaft entstand im Umfeld des Spiritismus und des Okkultismus. Zu ihren Gründern gehörten Menschen, die sich mit Séancen, Medien und übersinnlichen Phänomenen beschäftigten. In der organisierten Theosophischen Gesellschaft spielen diese Themen aber ein untergeordnetes Rolle. Die Gesellschaft bietet vielmehr einen Raum, in dem unterschiedliche religiöse und philosophische Traditionen miteinander verglichen und miteinander verbunden werden.

Eine internationale Bewegung

Die Theosophische Gesellschaft verstand sich von Anfang an als internationale Bewegung. Ihr Zentrum verlagerte sich 1882 nach Adyar bei Madras (heute Chennai). Dadurch entstand eine ungewöhnliche Verbindung zwischen westlichen esoterischen Kreisen und religiösen Traditionen Asiens. Gerade diese Verbindung machte die Theosophie für viele Menschen im Europa des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts interessant.

Auch Alma M. Karlin beschäftigte sich spätestens während ihrer Londoner Jahre mit der Theosophie. Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte sie sich im nun jugoslawischen Celje in der dortigen theosophischen Gesellschaft.

Welche genaue Bedeutung die Theosophie für ihre persönliche Weltanschauung hatte, lässt sich aus den im Internet zugänglichen Quellen jedoch nur begrenzt beurteilen.Ein Bild, das ihre Haltung greifbar macht, findet sich auf der offiziellen slowenischen Tourismusseite: Karlin habe an den theosophischen Gedanken geglaubt, dass alle Wege zum selben Gipfel führen. Sie sei damit nicht nur eine Nomadin geografischer Breiten gewesen, sondern auch der geistigen Tiefen. Alma Karlin blieb bis zu ihrem Lebensende formal Mitglied der römisch-katholischen Kirche und wurde nach deren Ritus beerdigt. Die Beschäftigung mit der Theosophie muss daher nicht bedeuten, dass sie ihre katholische Herkunft oder Identität vollständig aufgab.

Die Theosophische Gesellschaft entstand in einer Zeit, in der sich religiöse, philosophische und esoterische Vorstellungen zunehmend miteinander verbanden. Die Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche schloss das Interesse an anderen geistigen Traditionen dabei nicht grundsätzlich aus.

Alma M. Karlin

Für das Celje, in das Alma Karlin nach dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrte, ist die Theosophische Gesellschaft deshalb ein weiterer Teil der religiösen und geistigen Landschaft. Neben katholischen, protestantischen, jüdischen und serbisch-orthodoxen Gemeinschaften existierte hier auch eine Organisation, die Religionen und Weltanschauungen miteinander zu verbinden suchte.

Zur geistigen und sprachlichen Dimension in Almas Werk siehe auch Dejan Kos: „Die Grenzen der Sprache und die Grenzenlosigkeit der Welt. Zum Problem der Alterität bei Alma M. Karlin“.

Heute

Die theosophische Tradition existiert bis heute. Im Laufe ihrer Geschichte haben sich aus ihr verschiedene Richtungen und Organisationen entwickelt. Eine der bekanntesten eigenständigen Entwicklungen ging von Rudolf Steiner aus. Er war zunächst Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, bevor es 1912/13 zur Trennung und zur Gründung der ‚Anthroposophischen Gesellschaft‘ kam.
Auslöser der Trennung war der Streit um die Ernennung Krishnamurtis zum „Weltlehrer“ durch Annie Besant, amtierende Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft (Adyar).

Steiner entwickelte ausgehend von der Theosophie eine eigenständige anthroposophische Weltanschauung. Bekannt ist er heute vor allem durch die von ihm begründete Anthroposophie und die aus diesem Umfeld hervorgegangene Waldorfpädagogik. Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart gegründet.

Auch in Celje gibt es bis heute theosophische Organisationen. Seit 2009 besteht außerdem eine nach Alma M. Karlin benannte theosophische Bibliothek „Teozofska knjižnica in bralnica Alme M. Karlin (TKBAK)“. Die Geschichte der Theosophie gehört damit nicht nur zur geistigen Welt, in der Alma Karlin lebte. Sie ist auch Teil der heutigen Erinnerungskultur der Stadt.

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Dieser Artikel ist Teil der Reihe Alma M. Karlin in europäischer Perspektive

Jeder Artikel geht einer Frage nach.
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Grundlagen

Annie Besant, Rudolf Steiner und die Abspaltung 1912/13

Alma Karlin und die Theosophie

  • Alma Karlin, Biografie — wikipedia
  • Reiseschriftstellerin Alma Karlin, Porträt — taz.de
  • Pokrajinski muzej Celje (Regionalmuseum Celje), Ausstellungsseite — pokmuz-ce.si
  • Alma M. Karlin, Porträt — slovenia.info
  • Dejan Kos: „Die Grenzen der Sprache und die Grenzenlosigkeit der Welt. Zum Problem der Alterität bei Alma M. Karlin“ / „Meje jezika in brezmejnost sveta. O problemu alteritete pri Almi M. Karlin“ / „The Boundaries of Language and the Boundlessness of the World. On the Issue of Alterity by Alma M. Karlin“ — University of Maribor Press

Teozofska knjižnica in bralnica Alme M. Karlin (TKBAK), Celje

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