Alma M. Karlin: eine europäische Grenzgängerin

Das Leben von Alma Karlin (12. Oktober 1889 – 14. Januar 1950) zeigt, wie politische Grenzen Menschen von einem Tag auf den anderen in Mehrheiten oder Minderheiten verwandeln können, obwohl sie ihr Leben lang am selben Ort geblieben sind.

Alma Karlins Geschichte erzählt davon, dass Sprache und nationale Zugehörigkeit Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert politisch mehrmals neu definiert wurden. Sie erzählt davon, welche Folgen das für Menschen wie sie hatte, die sich nicht eindeutig einer Nation zuordnen ließen, oder die sich selbst nicht einer vorgegebenen Nation zuordnen konnten oder wollten. Die am Ende der einzelnen Seiten zusammengestellten Quellen- und Literaturhinweise bieten Anknüpfungspunkte für eine weiterführende eigene Recherche.

Was geschieht mit einem Menschen, dessen Sprache, Herkunft und Selbstverständnis plötzlich nicht mehr zur politischen Wirklichkeit passen?

Alma M. Karlins Denkmal zwischen den historischen Polen von Celje

Vor dem heutigen „Celjski dom“ in Celje, Slowenien, steht seit 2010 die lebensgroße Bronzestatue einer Frau im Reisemantel, den Koffer in der Hand, den Blick auf die Innenstadt gerichtet. Alma Maximiliane Karlin, so heißt die Frau, präsentiert sich selbstbewusst und zielgerichtet an diesem geschichtsträchtigen Ort.

Nicht zufällig steht sie hier: vor dem heutigen „Celjski dom“, dem 1907 als „Deutsches Haus“ eröffneten Gebäude. Es war ein demonstratives Symbol des deutschnationalen Vereinslebens und wurde als Gegenstück zum gegenüberliegenden „Narodni dom“ gebaut, in dem sich slowenische Honoratioren, Vereine und Firmen trafen.

Das Denkmal Alma Karlins steht damit an einem Ort, an dem die damaligen nationalen Spannungen in Celje auch architektonisch sichtbar werden. Dazu kommt: Auch Almas eigene Lebensgeschichte führt mitten in dieses Spannungsfeld: Sie stammte aus Familien slowenischer Herkunft, wuchs aber in einer deutschsprachigen Umgebung auf und schrieb ausschließlich auf Deutsch.

Es ist also nötig, auch ihre Familie, die Welt zu betrachten, in die Alma M. Karlin hineingeboren wurde, um sie und ihr Handeln einordnen zu können. Um verstehen zu können, warum sie zu einer europäischen Grenzgängerin werden konnte.
Kontext „Cilli 1889“;

Welche Auswirkungen hat es auf Alma, dass sie familiär zugleich mehreren kulturellen und sprachlichen Räumen angehört? Welche Prioritäten setzt sie für sich selbst?
Kontext „Sprache als Werkzeug“;

Welchen Einfluss haben die geografische Lage Cillis und der damaligen Untersteiermark auf Almas Leben? Welche Rolle spielen dabei die vielfältigen Landschaften ihrer Umgebung?
Kontext „Pečovnik“;

Die politischen Koordinaten ihrer Stadt, ihres Landes und der Welt haben sich in Almas Lebenszeit mehrmals geändert. Wie geht sie damit um? Wie verändert sich das Verhalten ihrer Umgebung? Welchen Zwängen ist sie ausgesetzt?
1919: Eine neue politische Heimat; → Kontext „Die Rückkehr“; → Kontext „Pečovnik“;

Wie prägt diese vielfältige Hintergrunderfahrung ihre Sicht auf die Welt? Welche Schlüsse zieht sie daraus? Kann sie ihre europäische Prägung bei ihren Reisebeschreibungen zurückstellen? Und wie weit helfen ihr ihre Sprachkenntnisse dabei, persönliche und kulturelle Grenzen zu überschreiten?
Kontext „Sprache als Werkzeug“; → Kontext „Die Weltreise“; → Kontext „Die Rückkehr“; → Thea Schreiber-Gammelin („Schwesternseele“); → Kontext „Schreiben“; → „Die Widersprüche der Grenzgängerin“;

Cilli 1889: Eine Stadt zwischen Sprachen und Nationen

Alma Maximiliane Karlin kommt am 12. Oktober 1889 in Cilli auf die Welt, dem habsburgischen Verwaltungszentrum der Untersteiermark, das heute slowenisch Celje heißt. Die Stadt ist zweisprachig, aber die Sprachen sind nicht gleichwertig: Deutsch ist die Sprache der Gebildeten, des Aufstiegs und der Verwaltung. Ihr Vater Jakob ist Major in der k.u.k. Armee, ihre Mutter Vilibalda Lehrerin an der Deutschen Mädchenschule. In der Kleinfamilie spricht man durchgängig Deutsch. Alma spricht bis an ihr Lebensende kein fließendes Slowenisch.

Welche Bedeutung geben die Familien Miheljak und Karlin in dieser Stadt, in der der Sprachenstreit politisch aufgeladen ist, ihrer slowenischen Herkunft, der deutschen und slowenischen Sprache und ihrer Zugehörigkeit zur Habsburgermonarchie? Wie weit kommt es deswegen zu Auseinandersetzungen innerhalb der Familie? Ändert sich das Zugehörigkeitsgefühl über ein ganzes Leben oder über mehrere Generationen hinweg?

Eine Antwort auf diese speziellen Fragen habe ich in den bisher ausgewerteten Internetquellen noch nicht gefunden. Möglicherweise bietet die gedruckte Forschungsliteratur weitere Antworten. Die folgenden Themen helfen zunächst, Almas familiäre Lebenswelt historisch einzuordnen:

Kontext „Cilli 1889“
Die Slawen: eine Einordnung
Celje zur Lebenszeit Alma M. Karlins: eine Stadt, zwei Sprachen, drei Staaten
Zwischen Sprache und Nation: Identitäten in der Habsburgermonarchie
Cillier Schulstreit 1895
Celje: vier Glaubensgemeinschaften, drei verschwunden

Alma M. Karlins Familie (Überblick)
Almas Mutter: Vilibalda Miheljak
Lehrerinnen im Habsburgerreich: Ein neuer Frauenberuf I
Lehrerinnen im Habsburgerreich: Ein neuer Frauenberuf II

Sprache als Werkzeug

Als Alma zur Welt kommt, ist das Entsetzen groß: ein linksseitig leicht gelähmtes Kind, dem man bei der Geburt eine lebenslange geistige Behinderung und letztlich keine lange Lebenszeit voraussagt.

Der Vater nimmt Alma auf lange Spaziergänge mit, stirbt aber leider, als sie acht Jahre alt ist. Die Mutter ist für die Vermittlung von Anstandsregeln und die Organisation der medizinische Behandlung zuständig. Beides ist für Alma ein Graus, und so kommt die Mutter in ihren späteren Schriften nicht besonders gut weg.

Ihre körperlichen Einschränkungen und die quälenden medizinischen Behandlungen führen dazu, dass Alma wahrscheinlich insgesamt wenig Kontakt zu anderen Kindern und Menschen hat. Später schreibt sie häufig über ihre Einsamkeit als Kind und als Erwachsene. Das Lesen und das Schreiben, z.B. Gedichte und Tagebücher, werden zu ihren treuen Begleitern.

Mit elf Jahren entdeckt sie ihre Freude am Erlernen von Fremdsprachen. Besonders Französisch hat es ihr angetan. Bei Privatlehrern lernt sie Französisch und Englisch so gut, dass sie im Alter von 17 und 18 Jahren ihre Lehramtsprüfungen ablegen kann.

Mit 18 Jahren reist sie, mit zugesagter finanzieller Unterstützung der Mutter, allein nach London. Dort legt sie Examen in acht Fremdsprachen ab. Sie lernt zusätzlich Sanskrit und Japanisch. In Paris studiert sie Französisch und die Anfangsgründe des Chinesischen. Später auf ihren Reisen kommen noch viele weitere Sprachen hinzu.

Sprachen sind für Alma Karlin ein Werkzeug: Sie helfen ihr, Grenzen zu überwinden, neue Welten zu erschließen und, wie sie selbst schreibt, „die Seele der Menschen“ zu erforschen.

Kontext „Sprache als Werkzeug“
Alma Maximiliane Karlin und die Sprachen

1919: Eine neue politische Heimat

Als Alma M. Karlin 1908 Cilli verlässt und nach London aufbricht, ist die Stadt noch ein habsburgisches Verwaltungszentrum der Untersteiermark. Alma reist als Bürgerin der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Während sie in London lebt, bricht 1914 der Erste Weltkrieg aus. Das Habsburgerreich wird dadurch zum Kriegsgegner Großbritanniens. Als österreichisch-ungarische Staatsbürgerin gerät Alma in London zunehmend unter Druck und verlässt die Stadt. Sie lebt zunächst in Norwegen und später in Schweden.

Im Frühjahr 1918 kehrt sie nach Cilli zurück. Inzwischen ist die Habsburgermonarchie zerfallen und die Stadt Teil des neu gegründeten Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen. Aus dem deutsch geprägten habsburgischen Cilli ist politisch das slowenische Celje geworden.

Alma bleibt nicht lange. Sie eröffnet zwar eine Sprachenschule und arbeitet intensiv, aber sie bereitet sich gleichzeitig auf ihre Weltreise vor und spart Geld dafür.

Am 24. November 1919 verlässt sie Celje erneut: als Bürgerin des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen. Sie beginnt ihre acht Jahre dauernde Reise um die Welt mit einer Zugreise nach Triest, das nach dem Ende der Habsburgermonarchie unter italienische Kontrolle gelangt ist. Die Weltreise beginnt damit auch in einer politisch völlig veränderten Welt: Grenzen weltweit sind neu gezogen, Reisevorschriften verschärft und politische Allianzen neu geordnet.

Die Weltreise: Die Welt wird zum Erfahrungsraum

Für Alma ist Japan das „Traumland“. Wegen der Visabestimmungen kann sie jedoch nicht direkt dorthin reisen. Sie nimmt den Umweg über Peru und Panama und erreicht ihr Traumland schließlich von Osten.

Ihre Weltreise wird auch deshalb wesentlich länger als ursprünglich geplant: sie dauert von Ende 1919 bis Anfang 1928. Ihre Ersparnisse reichen nicht aus dafür. Sie arbeitet deshalb während ihrer Reise als Sprachenlehrerin, als Übersetzerin, als Journalistin. Manchmal bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich Geld zu leihen.

Nach ihrer Rückkehr verarbeitet sie ihre Erlebnisse und schriftlichen Aufzeichnungen in Reisebücher und Romane. Zwischen den beiden Weltkriegen wird sie dadurch „zur meistgelesenen deutschsprachigen Reiseschriftstellerin“.

Ihre Reiseroute:
Celje – Triest – Genua – Peru – Panama – San Francisco – Hawaii – Japan – Korea – China – Formosa (heute Taiwan) – China – Philippinen – Australien – Neuseeland – Fidschi – Neukaledonien – Neue Hebriden – Salomonen – Neuguinea – Indonesien – Singapur – Thailand – Birma – Indien – Bab al-Mandab – Eritrea/Somaliland – Suezkanal – Venedig – Celje

Kontext „Die Weltreise“
Reisen um 1920: Mehr als nur eine Frage des Geldes

Die Rückkehr: Celje, das „Nest“

1928 kehrt Alma M. Karlin nach acht Jahren Weltreise nach Celje zurück. Sie selbst ist körperlich erschöpft und schwer krank. Ihre Mutter, auf deren Wunsch sie zurückgekehrt ist, stirbt noch im selben Jahr.

Als deutschsprachige und deutschschreibende Frau lebt Alma nun in einer Stadt, die ihr nicht nur gefühlt fremd geworden ist. Celje ist nicht mehr die Stadt ihrer Kindheit. Auf ihren Reisen hat sie andere Lebensweisen kennen und teilweise auch schätzen gelernt. Ihre theosophischen Studien haben ihr zudem ein Bewusstsein für die Zusammengehörigkeit der Menschen vermittelt. Nationale Engstirnigkeiten kann sie nicht mehr nachvollziehen. Gleichzeitig steht sie zu ihrer deutschsprachigen Erziehung und damit auch zu ihrer fast ausschließlichen Verwendung der deutschen Sprache.

Dies alles macht sie für die in Celje gebliebenen slowenischen Bewohnerinnen und Bewohner zur Fremden, wenn nicht gar im schlimmsten Fall zur Verräterin oder Feindin der „slowenischen Sache“.
Ihre offene Ablehnung des Nationalsozialismus bringt sie zusätzlich in Konflikt mit großen Teilen der deutschsprachigen Bevölkerung. Für diese wird sie zur „Feindin der deutschen Sache“.
Sie sitzt also in ihrer Heimatstadt auch weiterhin zwischen allen Stühlen. Und dies gilt bis an ihr Lebensende.

Während der nationalsozialistischen Besatzung wird ihr Haus beschlagnahmt und Alma verhaftet. Nur durch das Eingreifen ihrer „Seelenschwester“ und Lebensgefährtin Thea Schreiber-Gammelin entgeht sie dem Transport in ein deutsches Konzentrationslager und kommt wieder frei.
Thea Schreiber-Gammelin („Schwesternseele Almas“)
Thea Schreiber-Gammelin

Auch das Ende des zweiten Weltkriegs macht ihre Lage nicht einfacher. Im sozialistischen Jugoslawien bleiben ihre deutsche Sprache, ihre interkulturellen und internationalen Prägungen, ihr „Anderssein“ und ihre Weigerung, sich national vereinnahmen zu lassen, weiterhin problematisch. Alma Karlin gerät zunehmend ins Abseits und lebt schließlich mit Thea Schreiber-Gammelin in großer Armut.

In ihrer Reisebeschreibung Erlebte Welt schreibt Alma Karlin im Schlusswort der ersten Ausgabe:
Was ist’s, warum sich’s leben lässt trotz alledem auf dieser Erden? – Die Welt, sie ist ja überall ein Nest, doch jedes Nest kann eine Welt dir werden. – Mir aber war die ganze weite Welt bei all ihrer Schönheit immer nur Nest geblieben … [heutige Schreibweise]
Im Schlusswort der späteren Neuauflage ergänzt sie:
Heute jedoch ist mir, Gott sei Dank, [durch meine treuen Leser] die ganze Welt zur Heimat geworden.

1950 stirbt Alma in Pečovnik bei Celje an Brustkrebs. Ihre letzten Lebensjahre verbringt sie, von Thea betreut, weitgehend zurückgezogen und unter schwierigen Bedingungen.

Kontext „Die Rückkehr“ (externe Seite)
→ Alma M. Karlin – Pričevanja: Interviews auf Slowenisch mit englischen Untertiteln, unter anderem mit Großnichte, Freunden, Nachbarn und einer Journalistin. youtube/ Regionalmuseum Celje
Drehbuch und Regie: Barbara Trnovec; Kamera und Schnitt: Robert Gaber; Produktion: Gaber; 2021 (aufgenommen 2016).

Pečovnik: Almas letztes „Nest“

1950 stirbt Alma Karlin in Pečovnik am südlichen Rand von Celje an Brustkrebs. Ihre letzten fünf Lebensjahre verbringt sie dort gemeinsam mit Thea Schreiber-Gammelin, ihrer engsten Vertrauten und lebenslangen Gefährtin.. Thea bleibt auch nach Almas Tod in dem kleinen Haus und lebt dort bis zu ihrem Tod 1988. Heute ist es das Alma-M.-Karlin-Gedenkhaus.

Nach ihrer achtjährigen Weltreise kehrt Alma 1928 zu ihrer schwer kranken Mutter nach Celje zurück. Eine Stadt, die sich politisch und gesellschaftlich grundlegend verändert hat. Das frühere deutsch-österreichisch dominierte Cilli gehört nun zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen beziehungsweise ab 1929 zum Königreich Jugoslawien.

Die Mutter stirbt noch 1928. Alma versucht, sich in der inzwischen politisch und gesellschaftlich grundsätzlich veränderten Stadt ein neues Leben aufzubauen. 1934 zieht die deutsche Malerin und Journalistin Alma Thea Schreiber-Gammelin zu Alma. Thea entwickelte sich im Laufe der Zeit zu Karlins engster Vertrauten, Mitarbeiterin und „Seelenschwester“. Diese Beziehung löste bis an ihr Lebensende in ihren Umgebungen Befremden und manch böswilligen Klatsch aus.

Die politischen Verhältnisse verschärfen sich. Alma und Thea müssen ihr Haus verlassen, leben für einge Jahre in der Villa „Beli slon“ im südlichen Celjer Stadtteil Zagrad. Sie sind überzeugte Gegnerinnen des Nationalsozialismus und helfen Menschen, die vor dem Regime fliehen. Während des Zweiten Weltkriegs werden beide Frauen verfolgt. Alma wird verhaftet. Thea kann offenbar durch ihre Kontakte verhindern, dass Alma in ein Konzentrationslager deportiert wird. Später hilft Thea den Partisanen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Pečovnik, ein weiterer südlichee Stadtteil Celjes, zum gemeinsamen Lebensmittelpunkt. Diesmal keine Villa, sondern ein kleines Häuschen in einem ehemaligen Weinberg. Alma schreibt Bücher, Thea malt. Alma ist schwer krank und zunehmend von der Außenwelt abgeschnitten.

Almas Aufmerksamkeit richtet sich immer stärker auf die Natur in ihrer unmittelbaren Umgebung, auf Pflanzen, Tiere und Landschaft. Ein Interesse, dem sie schon auf ihrer Weltreise große Aufmerksamkeit gewidmet hat. Sie beendet das Schreiben ihrer philosophischen Schriften und widmet sich ihren Studien.

Nach Almas Tod am 14. Januar 1950 beginnt für Thea eine weitere, schwierige Lebensphase. Sie bleibt in dem kleinen Haus und überlebt ihre „Seelenschwester“ um 38 Jahre. Sie wird zur wichtigsten Bewahrerin von Almas Nachlass und Erinnerung.Zugleich wird sie zur wichtigsten Bewahrerin von Almas Nachlass. Teile der von Alma zusammengetragenen Sammlungen übergibt sie dem Museum in Celje, den literarischen Nachlass später der National- und Universitätsbibliothek in Ljubljana. Auch öffentlich setzt sie sich dafür ein, dass Alma in Celje als Weltreisende und Schriftstellerin anerkannt wird. Thea stirbt 1988 in Pečovnik.

Kontext „Pečovnik“
Wo Europas Landschaften zusammentreffen: Sloweniens geologische Vielfalt
Flora und Fauna Sloweniens
Celje: vier Glaubensgemeinschaften, drei verschwunden
Die ‚Theosophische Gesellschaft‘: eine Einordnung

Schreiben: Aus der Erfahrung wird Literatur

In London beginnt Alma M. Karlin, das Schreiben als möglichen Beruf ernst zu nehmen. Während ihrer Weltreise arbeitet sie vor allem journalistisch. Nach ihrer Rückkehr verarbeitet sie ihre Erlebnisse, Beobachtungen und Notizen zu Reisebüchern und Romanen. Mit ihrer Reisetrilogie wird sie zwischen den beiden Weltkriegen „zur meistgelesenen deutschsprachigen Reiseschriftstellerin“.

Kontext „Schreiben“ (externe Seiten)
→ Alma M. Karlin und ihre Schriften: „Der literarische Nachlass von AMK“. Offizielle digitale Alma-Karlin-Gedenkseite, konzipiert von der Zentralbibliothek Celje, heute vom Celeia Celje Institute verwaltet
→ Alma Karlin (Überblick und kostenloser Zugang zu einigen ihrer Werke) Gutenberg-Projekt

Alma Karlins Reisebeschreibungen
→ „Einsame Weltreise“, Alma Karlin. Gutenberg-Projekt
→ „Erlebte Welt, das Schicksal einer Frau“, Alma Karlin. Gutenberg-Projekt
→ „Im Banne der Südsee“, Alma Karlin. Gutenberg-Projekt

Die Widersprüche der Grenzgängerin

Alma Karlin lernt Sprachen, um, wie sie selbst sagt, „die Seele der Menschen zu erforschen“. Dafür nimmt sie auch die Strapazen einer Weltreise auf sich, trotz gesundheitlicher Einschränkungen, politischer Hindernisse und begrenzter finanzieller Mittel. Sie will Grenzen überschreiten: sprachliche, geografische und kulturelle.

Doch Alma Karlin nimmt auf ihre Reise auch sich selbst mit. Ihre eigenen Erfahrungen, ihre kulturellen Prägungen und die Vorurteile ihrer Zeit lassen sich nicht einfach ablegen. Manche ihrer Vorstellungen verändern sich durch die Begegnung mit anderen Menschen und Kulturen. Andere bleiben bestehen oder werden durch negative Erfahrungen sogar verstärkt. Insbesondere ihre z.T. traumatischen Erfahrungen mit Männern, z.B. in Peru, bestärken sie in ihren Vorurteilen. Auch ihr Denken und Schreiben ist nicht frei von Begriffen und Vorstellungen, die wir heute teilweise als rassistisch oder diskriminierend bewerten.

Das macht Alma Karlin widersprüchlich. Sie kann zugleich neugierig und vorurteilsbehaftet, zugleich weltoffen und von den Grenzen ihrer Zeit geprägt sein. Gerade darin ist sie uns vielleicht näher, als es zunächst scheint.

Wir sollten vorsichtig sein, wenn wir über Alma Karlin urteilen: Dass wir heute manche Begriffe nicht mehr verwenden oder durch andere ersetzt haben, bedeutet nicht automatisch, dass die damit verbundenen Überlegenheitsgefühle, Abwertungen und Diskriminierungen verschwunden sind. Vielleicht haben sich nur die Begriffe verändert – oder nur die Menschen und Länder, auf die sie sich richten.

Nachruhm und Denkmal

Alma Karlins Bekanntheit verblasste nach ihrem Tod zunehmend. Die politischen Systeme, in denen sie gelebt hatte, konnten mit einer deutschsprachigen, international orientierten und nationalen Vereinnahmungen gegenüber skeptischen Autorin wenig anfangen. Zugleich veränderten sich die literarischen Formen und Erwartungen an Reiseberichte. Alma Karlin, die in den 1930er Jahren noch ein großes internationales Publikum erreicht hatte, geriet zunehmend in Vergessenheit.

In Slowenien wird ihr Werk jedoch seit den 1960er Jahren von Ethnologinnen, Literaturwissenschaftlerinnen, Journalistinnen, Übersetzerinnen und Museumsfachleuten wiederentdeckt. Seitdem hat sich die Erinnerung an Alma Karlin Schritt für Schritt verändert. Aus der lange vergessenen und vielfach missverstandenen Autorin wurde eine heute zunehmend sichtbare historische Persönlichkeit.
Seit den 2000er Jahren wächst auch die öffentliche Aufmerksamkeit deutlich. Es erscheinen zunehmend wissenschaftliche und biographische Arbeiten auch außerhalb Sloweniens, insbesondere in Österreich und Deutschland. Eine in Deutschland erschienene Biografie stammt von der Journalistin Jerneja Jezernik, die sich seit rund vier Jahrzehnten mit Alma Karlin und ihrem Nachlass beschäftigt.

Alma Karlin ist heute in Celje wieder präsent: im Regionalmuseum, im Alma-M.-Karlin-Gedenkhaus in Pečovnik und seit 2010 auch im öffentlichen Raum der Stadt. Vor dem ehemaligen Deutschen Haus, dem heutigen Celjski dom, erinnert eine Bronzestatue des Bildhauers Vasilij Ćetković an die Schriftstellerin. Eine wichtige Rolle in der heutigen Erinnerungskultur spielt außerdem die Kuratorin und Kulturwissenschaftlerin Barbara Trnovec, die sich seit vielen Jahren mit Alma Karlin beschäftigt und mehrere Ausstellungen über sie konzipiert hat.

Kontext „Nachruhm“
→ Offizielle digitale Alma-Karlin-Gedenkseite, konzipiert von der Zentralbibliothek Celje, heute vom Celeia Celje Institute verwaltet
→ Das Regionalmuseum Celje (slowenisch: Pokrajinski muzej Celje) englische Webseite des Museums
→ „Ausgewählte Forschungsliteratur und Primärquellen“ auf der Überblicksseite „Alma Maximiliane Karlin“

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Dieser Artikel ist Teil der Reihe Alma M. Karlin in europäischer Perspektive

Jeder Artikel geht einer Frage nach.
Gemeinsam erschließen sie Alma M. Karlin, ihre Lebenswelt und ihre Nachwirkung bis heute.

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